Nachhaltige Entwicklung: Schweiz weltweit auf Rang 22
Hoher Treibhausgas-Fussabdruck pro Kopf: Rund drei Viertel der Emissionen, die der Konsum in der Schweiz verursacht, fallen im Ausland an. (Bild: Keystone)
Wie misst man die Nachhaltigkeit eines Landes? Der Sustainable Development Report 2026 versucht, diese Frage mithilfe von rund hundert Indikatoren zu beantworten, die von internationalen Organisationen und aus wissenschaftlichen Publikationen stammen. Der Bericht bewertet die Fortschritte der UNO-Mitgliedsstaaten bei den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Die Ziele reichen von der Armutsbekämpfung über Bildung bis hin zu Klima und Biodiversität. Zudem untersucht er, wie sich die Umsetzung bis 2030 beschleunigen lässt. Das SDG Transformation Center erstellt den Bericht jährlich. Herausgeber ist das Sustainable Development Solutions Network der Vereinten Nationen (SDSN), das weltweit grösste Forschungsnetzwerk unter dem Dach der UNO. Es unterstützt seit 2012 die Umsetzung der SDGs.
Beim SDG-Umsetzungsindex, der in der neuesten Ausgabe des Berichts über nachhaltige Entwicklung am 23. Juni 2026 veröffentlicht wurde, belegt die Schweiz Platz 22 von 169 Ländern. Berechnet man den Schweizer Wert für 2015 rückwirkend mit denselben Indikatoren und derselben Länderabdeckung wie in der Ausgabe 2026, ist die Schweiz gegenüber 2015, als die SDGs verabschiedet wurden, um acht Plätze zurückgefallen.
Der Bericht verweist insbesondere auf die gestiegene Ungleichheit in der Schweiz und auf eine Verschlechterung einiger sozioökonomischer Indikatoren. So sind sowohl der Gini-Koeffizient als auch die Palma-Ratio seit 2015 gestiegen. Der Gini-Koeffizient misst, wie stark die Einkommen auf einen Teil der Bevölkerung konzentriert sind. Die Palma-Ratio setzt das Einkommen der reichsten 10 Prozent ins Verhältnis zum Einkommen der ärmsten 40 Prozent. Gleichzeitig haben sich die Indikatoren zu Wohnkostenbelastung, Arbeitslosigkeit und Armut nach Steuern und Transferleistungen leicht verschlechtert. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in anderen europäischen Ländern, wie bereits die im Februar veröffentlichte Europa-Ausgabe des Berichts festhielt.
Erhebliche negative internationale Externalitäten
Vor allem aber schneidet die Schweiz bei im Ausland verursachten Externalitäten schlecht ab. Der Bericht hebt hervor, dass sich die Schweiz in den Bereichen nachaltiger Konsum und nachhaltige Produktion (SDG 12), Leben an Land (SDG 15) und internationale Partnerschaften (SDG 17) noch verbessern muss, insbesondere wegen der Externalitäten, die sie weltweit verursacht.
Negative Externalitäten, auch Spillover-Effekte genannt, sind Auswirkungen der Aktivitäten eines Landes, welche die Fähigkeit anderer Staaten beeinträchtigen können, die SDGs zu erreichen. Sie können ökologischer Art sein, etwa wenn der Konsum eines Landes im Ausland zu Entwaldung oder zur Übernutzung von Wasserressourcen führt. Sie können aber auch wirtschaftlicher oder sicherheitspolitischer Art sein: Mangelnde Finanztransparenz, Gewinnverschiebungen oder Exporte konventioneller Waffen können die Möglichkeiten anderer Länder einschränken, in nachhaltige Entwicklung zu investieren, oder ganze Regionen destabilisieren.
Im International Spillover Index 2026 des SDSN schneidet die Schweiz schlecht ab (siehe Abbildung 1). Er umfasst etwa importbedingte Luftverschmutzung, Treibhausgasemissionen und Entwaldung sowie Indikatoren zu Steueroasen, mangelnder Finanztransparenz und Gewinnverschiebungen multinationaler Unternehmen.
Abb. 1: Schlechtes Ergebnis der Schweiz bei negativen Externalitäten (2026)
INTERAKTIVE GRAFIK
Auf die Anzahl Einwohner umgerechnet, zeigen diese Indikatoren, dass die Schweiz erhebliche negative Externalitäten verursacht. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie in absoluten Zahlen für einen besonders grossen Anteil dieser Auswirkungen verantwortlich ist. So trägt der Schweizer Konsum jährlich zur Entwaldung von rund 22’000 Hektaren im Ausland bei. In absoluten Zahlen ist diese Fläche nur rund ein Vierzigstel so gross wie die durch den chinesischen Konsum verursachte Fläche und nur rund ein Achtundzwanzigstel so gross wie jene der USA. Pro Kopf ergibt sich jedoch ein anderes Bild: Mit rund 25 Quadratmetern liegt der Schweizer Wert viermal so hoch wie in China und 1,4-mal so hoch wie in den USA.
Der Einsatz der Schweiz für die SDGs
Die Ergebnisse decken sich mit anderen Untersuchungen wie dem Global Commons Stewardship Index (GCSI), den die Universität Tokio, die Universität Yale und das SDSN erarbeiten. Dieser misst die Umweltauswirkungen der Länder anhand des Konzepts der planetaren Grenzen.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der vom Bundesrat veröffentlichte Schweizer Länderbericht 2026 zur Umsetzung der Agenda 2030 und der SDGs. Darin heisst es: «Im Jahr 2023 belief sich der Treibhausgas-Fussabdruck der Schweiz auf 32,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente im Inland und 99,5 Millionen Tonnen im Ausland, was bedeutet, dass drei Viertel (75%) der durch die Binnennachfrage verursachten Emissionen mit Importen zusammenhängen.»[1]
Trotz dieser anhaltenden Herausforderungen zeigt die Schweiz seit 2015 ein bemerkenswertes Engagement für die SDGs. Im Rahmen der freiwilligen Länderberichterstattung an die UNO hat sie bereits viermal über die Umsetzung der Agenda 2030 berichtet – häufiger als die meisten anderen Mitgliedsstaaten. Der Länderbericht 2026 enthält insbesondere einen Abschnitt, der die Bemühungen der Schweiz zur Begrenzung ihrer internationalen Spillover-Effekte beschreibt. Genf und andere Schweizer Städte haben zudem freiwillige lokale Berichte veröffentlicht, und die Schweiz hat die Strategie für nachhaltige Entwicklung 2030 (SNE 2030) verabschiedet.
Die Schweiz als treibende Kraft nach 2030
Die kommenden vier Jahre stehen im Zeichen von zwei Aufgaben: Die Umsetzung der SDGs bis 2030 soll beschleunigt und die globale Nachhaltigkeitsagenda für die Zeit danach vorbereitet werden. Eine Umfrage des SDSN unter Fachleuten aus seinem weltweiten Netzwerk zeigt, dass internationale Spillover-Effekte zu den zentralen Prioritäten für die Zeit nach 2030 gehören (siehe Abbildung 2).
Abb. 2: Forschende des SDSN sehen internationale Spillover-Effekte als Priorität für die Agenda nach 2030
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Mit Genf als einem der wichtigsten UNO-Zentren wird die Schweiz bei der Ausgestaltung des neuen globalen Rahmens für nachhaltige Entwicklung nach 2030 eine wichtige Rolle spielen. Dafür braucht es ein starkes UNO-System, das die Anstrengungen für nachhaltigen Handel, den Schutz der Ökosysteme und die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung fortsetzen kann. Getragen werden muss dieses System von engagierten Staaten. Dazu gehört auch die Schweiz. Laut einem jährlich vom SDSN veröffentlichten Index gehört die Schweiz zu den 30 Ländern, die den Multilateralismus der UNO am stärksten unterstützen.
An der UNO-Generalversammlung 2025 sprach sich eine grosse Mehrheit der Mitgliedsstaaten für die Resolutionen zur nachhaltigen Entwicklung aus – mit Ausnahme der USA, wobei auch Argentinien einzelne Resolutionen nicht unterstützte. Die Schweiz kann deshalb auf zahlreiche Verbündete zählen, wenn sie den Fortschritt bei den SDGs bis 2030 beschleunigen und sich für eine ambitionierte Agenda nach 2030 einsetzen will. Diese Agenda sollte am Grundsatz der Universalität festhalten und der Notwendigkeit Rechnung tragen, negative internationale Spillover-Effekte zu verringern. Diese hängen zum grossen Teil mit den nicht nachhaltigen Konsummustern wohlhabender Länder zusammen.
- Siehe Bundesrat (2026), S. 20. []
Literaturverzeichnis
- Bundesrat (2026). Die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung Länderbericht der Schweiz 2026. Bern.
- Sachs J.D., Lafortune G., Fuller G. und Iablonovski G. (2026). Implementing Sustainable Development: 2030 and Beyond. Sustainable Development Report 2026. Paris: SDSN, Dublin: Dublin University Press.
Bibliographie
- Bundesrat (2026). Die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung Länderbericht der Schweiz 2026. Bern.
- Sachs J.D., Lafortune G., Fuller G. und Iablonovski G. (2026). Implementing Sustainable Development: 2030 and Beyond. Sustainable Development Report 2026. Paris: SDSN, Dublin: Dublin University Press.
Zitiervorschlag: Lafortune, Guillaume (2026). Nachhaltige Entwicklung: Schweiz weltweit auf Rang 22. Die Volkswirtschaft, 28. August.