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Hohe Energiepreise: Welche Kantone trifft es am stärksten?

Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten erhöhen die Energiepreise weltweit. Insgesamt ist die Schweiz gegenüber solchen globalen Energiepreisschocks bemerkenswert resilient. Doch: Das trifft nicht auf alle Kantone zu.
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Weil sich im Kanton Neuenburg die einzige Erdölraffinerie der Schweiz befindet, ist der Kanton besonders anfällig auf globale Energiepreisschocks. (Bild: Keystone)

In jüngster Zeit haben zwei aufeinanderfolgende Energieschocks die Weltwirtschaft spürbar unter Druck gesetzt: erst der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 und danach die Störungen in der Strasse von Hormus. Gleichzeitig beeinflussen zunehmend auch klimapolitische Massnahmen die Energiepreise: Sie verteuern fossile Energieträger und, je nach Ausgestaltung, auch die Kosten der Stromerzeugung. Doch die Auswirkungen dieser Schocks sind je nach Region eines Landes ziemlich unterschiedlich.

In einer aktuellen Studie untersuchen wir die Anfälligkeit der Schweizer Kantone gegenüber solchen globalen Energiepreisschocks.[1] Auf Basis amtlicher Schweizer Statistiken haben wir Input-Output-Tabellen für alle 26 Kantone und 32 Wirtschaftssektoren für die Jahre 1997, 2001, 2004, 2007, 2011, 2014 und 2017 erstellt, die wir in ein globales Multiregionenmodell einbetten (siehe Kasten). Diese Datengrundlage erlaubt es, die Einbindung der Kantone in Lieferketten sowohl innerhalb der Schweiz als auch international präzise abzubilden.

Einige Kantone sind vergleichsweise stark exponiert

Die Schweizer Wirtschaft ist gegenüber steigenden Öl- und Gaspreisen widerstandsfähiger als der Grossteil der hoch entwickelten Volkswirtschaften. Unsere Studie zeigt: Eine Verdoppelung der globalen Energiepreise erhöht die Schweizer Produzentenpreise kurzfristig um lediglich rund 1,8 Prozent. Die Wirtschaftsleistung wird dabei um etwa 0,8 Prozent verringert. Beides ist deutlich geringer als in den meisten anderen untersuchten Ländern. Zum Vergleich: In der EU steigen die Produzentenpreise durchschnittlich um 6,8 Prozent und in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) um 4,5 Prozent. Gleichzeitig verringert sich die Wirtschaftsleistung in der EU um 3,1 Prozent und in der OECD um 2,2 Prozent.

Der Grund für die vergleichsweise hohe Resilienz der Schweiz ist die geringe Energieintensität ihrer Wirtschaft. Schweizer Unternehmen sind oft nicht in den energieintensiven frühen Produktionsschritten tätig. Sie konzentrieren sich stattdessen auf spätere Wertschöpfungsstufen, bei denen nicht energetische Vorleistungen eine wichtigere Rolle spielen als Energie. Dies ermöglicht es der Schweiz, eine hohe Wertschöpfung mit energiearmen Aktivitäten zu erzielen.

Die Folgen eines Energiepreisschocks unterscheiden sich je nach Kanton jedoch teilweise deutlich und widerspiegeln so die sektorale Spezialisierung der Kantone sowie ihre Einbindung in nationale und internationale Lieferketten (siehe Abbildung 1). Die Zunahme der Produzentenpreise reicht von nur 0,5 Prozent in Appenzell Innerrhoden bis hin zu 6 Prozent im Tessin; gleichzeitig geht die Wirtschaftsleistung je nach Kanton um 0,2 bis 2,6 Prozent zurück. Besonders stark betroffen sind das Tessin und Neuenburg, mit einigem Abstand gefolgt von den Kantonen Basel-Landschaft und Zürich.

Abb. 1: Effekt eines globalen Energiepreisschocks auf die Produzentenpreise nach Kanton und Übertragungskanal

INTERAKTIVE GRAFIK
Anmerkung: Die Abbildung basiert auf den Input-Output-Tabellen für das Jahr 2017. Die Punkte zeigen, wie sich die Produzentenpreise in den Kantonen verändern, wenn sich die globalen Energiepreise verdoppeln. Die Balken zeigen den jeweiligen Beitrag der vier untersuchten Preiskanäle zu diesen Preisänderungen.
Quelle: Fernández-Amador et al. (2025) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Erdöl- und Goldraffinerien sowie Pharma betroffen

Aufschluss über die kantonalen Effekte gibt die Branchenperspektive. Die stärksten Preissteigerungen verzeichnen Mineralöl- und Kokserzeugnisse, der Luftverkehr und die Schifffahrt sowie die Metallerzeugung (siehe Abbildung 2). Die starke Spezialisierung auf die Metallerzeugung, einschliesslich der Edelmetallraffination, erklärt die ausgeprägten Effekte im Tessin. Dort sind die vier bedeutenden Goldraffinerien Valcambi, Argor-Heraeus, Pamp und Metalor angesiedelt. Im neuenburgischen Cressier befindet sich die einzige Erdölraffinerie der Schweiz.

In Basel-Landschaft spielt die Chemie- und Pharmaindustrie eine grosse Rolle, die ebenfalls stark von steigenden Energiepreisen betroffen ist. Zürich weist zwar eine breiter diversifizierte Wirtschaftsstruktur auf, verzeichnet jedoch mit dem Flughafen Zürich den grössten Anteil des energieintensiven Luftverkehrs sowie eine bedeutende Rolle in der Metallerzeugung.

Abb. 2: Effekt eines globalen Energiepreisschocks auf die Produzentenpreise nach Branche und Übertragungskanal

INTERAKTIVE GRAFIK
Anmerkung: Die Abbildung basiert auf den Input-Output-Tabellen für das Jahr 2017. Die Punkte zeigen, wie sich die Produzentenpreise in den Branchen verändern, wenn sich die globalen Energiepreise verdoppeln. Die Balken zeigen den jeweiligen Beitrag der vier untersuchten Preiskanäle zu diesen Preisänderungen.
Quelle: Fernández-Amador et al. (2025) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Energiekrisen setzen Preisspirale in Gang

Wie stark sich ein Energiepreisschock auf Preise und Wirtschaftswachstum auswirkt, hängt weniger vom direkten Energieverbrauch der einzelnen Unternehmen ab als von indirekten Effekten, die über Vorleistungen weitergegeben werden (siehe Abbildung 1 und 2). Denn steigende Energiepreise erhöhen die Produktionskosten aller Unternehmen und verteuern so entlang der gesamten Wertschöpfungskette auch nicht energetische Vorleistungen. Dadurch wird der ursprüngliche Effekt über eine Art «Vorleistungspreisspirale» entlang der Lieferkette aufsummiert und deutlich verstärkt.

Unsere Analyse macht diese Effekte sichtbar: Der direkte Beitrag steigender Energiepreise zum gesamten Anstieg der Produzentenpreise in den Kantonen ist meist gering und beträgt weniger als 6 Prozent. Der Grund dafür ist der geringe Anteil fossiler Energieträger im Schweizer Wertschöpfungsmix. Ausnahmen sind das Tessin, Neuenburg und Basel-Landschaft, die auf Sektoren mit relativ hoher Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas spezialisiert sind.

Der grösste Beitrag zur Produktionskostensteigerung ist stattdessen auf innerstaatliche Produktionsverflechtungen zurückzuführen. Sie machen in den meisten Kantonen über 65 Prozent des Preisanstiegs aus – eine Folge des hohen Anteils an Schweizer Vorleistungen.

Internationale Verflechtungen machen im Schnitt nur rund 20 Prozent des Preisanstiegs aus. In den am stärksten betroffenen Kantonen sind es jedoch deutlich mehr. Über die Hälfte dieses internationalen Effekts entfällt auf Lieferketten innerhalb der EU und widerspiegelt so die enge Verflechtung der Schweiz mit dem europäischen Wirtschaftsraum. Eine Ausnahme bilden das Tessin und Neuenburg: Hier spielen Verflechtungen ausserhalb der EU eine grössere Rolle, was primär auf nicht europäische Vorleistungen in der Metallindustrie zurückzuführen ist.

Hinweise für die Wirtschaftspolitik

Unsere Studie zeigt: Obwohl sich die Schweiz im internationalen Vergleich als relativ resilient gegenüber globalen Energiepreisschocks erweist, sind einzelne Kantone deutlich stärker exponiert als andere. Eine zentrale Rolle spielen dabei Produktionsverflechtungen: Selbst Preisschocks, die anfänglich noch klein sind, können sich über Vorleistungs- und Liefernetzwerke erheblich verstärken. Ein besseres Verständnis dieser regionalen Verflechtungen kann dazu beitragen, die wirtschaftliche Resilienz zu stärken und wirtschaftspolitische Massnahmen gezielter und wirksamer zu gestalten.

Wenn es darum geht, die Verflechtungen zwischen den Kantonen zu optimieren und Krisen abzufedern, ist eine überkantonale Koordination gefragt. Massnahmen müssen die gesamte Schweizer Lieferkette im Blick haben und mögliche Kettenreaktionen einkalkulieren. Gleichzeitig brauchen die Kantone präzise regionale Daten über die Vernetzung ihrer Branchen, um sich gezielt gegen externe Schocks zu wappnen.

  1. Siehe Fernández-Amador, O., D. A. Oberdabernig und P. Tomberger (2025). Measuring Regional Integration into Global Supply Chains: Evidence from a New Dataset of Swiss Cantons. Swiss Journal of Economics and Statistics, 161(3). []

Zitiervorschlag: Fernández-Amador, Octavio; Oberdabernig, Doris A.; Tomberger, Patrick (2026). Hohe Energiepreise: Welche Kantone trifft es am stärksten? Die Volkswirtschaft, 20. August.

Von der Forschung in die Politik

Aktuelle wissenschaftliche Studien aus dem «Swiss Journal of Economics and Statistics» mit einem starken Bezug zur schweizerischen Wirtschaftspolitik erscheinen in einer Kurzfassung in «Die Volkswirtschaft».

Methodik: So wurde gerechnet

Unsere Datenbank zeigt, wie Wirtschaftssektoren innerhalb der Schweiz und weltweit miteinander verflochten sind. Sie erfasst Wertschöpfungsketten zwischen den 26 Kantonen sowie mit 66 Ländern und 12 Weltregionen. Dabei unterscheiden wir 32 Wirtschaftssektoren. Die Daten zu den Kantonen basieren auf nationalen Input-Output-Tabellen und offiziellen kantonalen Statistiken, etwa zur Anzahl der Beschäftigten oder der Wertschöpfung per Branche. Die internationalen Handelsbeziehungen der Kantone beruhen auf offiziellen Schweizer Handelsstatistiken. Für den Handel zwischen den Kantonen liegen keine direkten Daten vor. Deshalb schätzen wir ihn mittels Lokalisationskoeffizienten und Gravitationsmodellen.

Um die Folgen stark steigender Energiepreise abzuschätzen, simulieren wir eine Verdoppelung der Öl- und Gaspreise. Dazu erhöhen wir weltweit die Wertschöpfungskomponente im Bergbau sowie im Elektrizitäts- und Gassektor. Das multiregionale Preis-Mengen-Input-Output-Modell verknüpft ein Cost-Push-Modell über kalibrierte, kurzfristige Preiselastizitäten mit einem Leontief-Nachfragemodell. Das Modell zeigt, wie höhere Energiepreise über globale Lieferketten weitergegeben werden und sich dadurch auf Preise und Produktion bis in die Kantone auswirken. Die Ergebnisse beschreiben die kurzfristigen Effekte eines solchen Energiepreisschocks.