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Was ist an der Nachhaltigkeit ökonomisch? Mehr, als man denkt

Nachhaltigkeit wird oft als Gegenpol zur Wirtschaft verstanden. Aus ökonomischer Sicht geht es jedoch um zwei Fragen: Wie nutzen wir knappe Ressourcen effizient? Und wie verteilen wir die damit verbundenen Kosten und Nutzen?
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Der effiziente Einsatz knapper Ressourcen gehört zu den Kernfragen der Wirtschaftswissenschaften. (Bild: Keystone)

2015 verabschiedeten alle 193 Mitgliedsstaaten der UNO auf ihrem Nachhaltigkeitsgipfel in New York die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Kernstück sind die 17 Nachhaltigkeitsziele oder «Sustainable Development Goals» (SDGs), wie man sie auf Englisch nennt. Diese beinhalten insgesamt 169 Unterziele, welche bis 2030 erreicht werden sollen.

Nachhaltigkeit bezieht sich dabei nicht nur auf Umweltthemen, sondern auf alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Nachhaltigkeit. Die ökologische Nachhaltigkeit fordert einen schonenden Umgang mit der Natur. Dazu gehören insbesondere Klimaschutz, der Erhalt der Biodiversität und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Die gesellschaftliche Nachhaltigkeit zielt darauf ab, allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Zentrale Themen sind Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit, Armutsbekämpfung und soziale Sicherheit, um langfristige gesellschaftliche Stabilität zu sichern. Die ökonomische Dimension schliesslich soll die wirtschaftlichen Grundlagen künftigen Wohlstands sichern. Im Mittelpunkt stehen produktive Investitionen, solide öffentliche Finanzen und der effiziente Einsatz von Arbeit, Kapital und natürlichen Ressourcen.

Die Schweiz hat für die nationale Umsetzung der Agenda 2030 im Jahr 2021 ihre aktualisierte Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 (SNE 2030) verabschiedet. Die SNE 2030 bündelt die drei Nachhaltigkeitsdimensionen in drei Schwerpunkten: nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion; Klima, Energie und Biodiversität; sowie Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt.

Der grosse Irrtum

Nachhaltigkeit im Allgemeinen und die Agenda 2030 im Speziellen werden häufig als gesellschafts- und umweltpolitisches Projekt verstanden, das Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft in Einklang bringen soll. Dahinter steht die verbreitete Vorstellung, wirtschaftliche Interessen stünden im Widerspruch zu ökologischen und sozialen Zielen. Wenn zum Beispiel über strengere Klimaziele diskutiert wird, lautet ein häufiges Argument, dass dies zwar gut sei für das Klima, aber schlecht für die Wirtschaft.

Aus ökonomischer Sicht ist diese Sichtweise jedoch überraschend unökonomisch. Denn die Wirtschaftswissenschaften sind eben nicht nur der ökonomischen Dimension der Nachhaltigkeit zuzuordnen. Als Wissenschaft bietet die Ökonomie vielmehr eine Methodik, um die Zielkonflikte zwischen teilweise unvereinbaren Zielen zu analysieren.

Die Kernaufgabe der Ökonomik besteht darin, knappe Ressourcen effizient einzusetzen. Zugleich liefert sie die Werkzeuge, um zu analysieren, wer von einer Verteilung profitiert oder ihre Kosten trägt – welche Verteilung gesellschaftlich gewünscht ist, entscheidet letztlich die Politik, nicht die Ökonomik selbst. Das zeigte sich am Schweizer CO2-Gesetz: Die Stimmbevölkerung lehnte es 2021 auch deshalb ab, weil die vorgesehene Rückverteilung der Abgabe als zu wenig greifbar galt.

Effiziente Nutzung und Verteilung des CO2-Budgets

Ein Beispiel dafür, wie die Ökonomie als Analyseinstrument dienen kann, ist das Nachhaltigkeitsziel Nummer 13 zum Klimaschutz. Der menschengemachte Klimawandel ist zunächst ein klassisches Externalitätenproblem: Die CO2-Emittenten tragen die von ihnen verursachten Klimaschäden nicht vollständig. Aus diesem Grund stossen sie mehr CO2 aus, als gesellschaftlich optimal wäre.

Weil sich Klimaschäden aus dem kumulativen CO2-Bestand in der Atmosphäre ergeben, lässt sich das Problem zusätzlich als Bewirtschaftung eines knappen, sich erschöpfenden Emissionsbudgets verstehen. Dieses bezeichnet die Menge an Emissionen, die noch mit einem bestimmten Klimaziel vereinbar ist. Wie gross dieses Budget ausfällt, ist keine feste Grösse: Das Pariser Abkommen begnügt sich mit einer Temperaturspanne von 1,5 bis 2 Grad, und je nach gewählter Grenze und Erfolgswahrscheinlichkeit ergeben sich stark unterschiedliche Restbudgets. Die Effizienzfrage lautet dann: Wie lässt sich dieses Budget mit möglichst geringen volkswirtschaftlichen Kosten einhalten?

Bei der Verteilung des CO2-Budgets sind zwei Ebenen zu unterscheiden: Erstens geht es darum, wie gross das Emissionsbudget sein soll und welches Klimarisiko die heutige Generation damit künftigen Generationen zumutet. Zweitens stellt sich die Frage, wie das Budget zwischen Haushalten, Unternehmen und Ländern aufgeteilt wird. In ähnlicher Weise lassen sich nahezu alle Nachhaltigkeitsziele als Kombination aus Effizienz- und Verteilungsproblemen interpretieren (siehe Tabelle).

Ein Beispiel aus der gesellschaftlichen Nachhaltigkeit ist die Bildung. Sie erzeugt positive externe Effekte, weshalb ohne staatliche Förderung tendenziell zu wenig investiert wird – das ist die Effizienzfrage. Wer trotz gleicher Begabung schlechteren Zugang zu Bildung hat, verliert Chancen unabhängig von eigener Leistung – das ist die Verteilungsfrage.

Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit und ihre ökonomischen Implikationen

Dimension Typisches Effizienzproblem Typische Verteilungsfrage
Umwelt Umwelt- und Ressourcen-externalitäten Wie gross soll das Emissionsbudget sein, und wie viel Klimarisiko schieben wir auf künftige Generationen?
Gesellschaft Unterinvestitionen in Bildung, Gesundheit und Institutionen Wer hat bei gleicher Begabung Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe – und wer nicht?
Wirtschaft Ineffiziente Nutzung von Arbeit, Kapital und natürlichen Ressourcen Wie sollen Einkommen und Vermögen zwischen Haushalten und Generationen verteilt werden?

Eine ökonomische Agenda

Die Agenda 2030 ist in diesem Sinne höchst ökonomisch: Sie fragt, wie knappe Ressourcen so eingesetzt werden können, dass gesellschaftliche Ziele möglichst effizient erreicht werden, und wie die damit verbundenen Kosten und Nutzen verteilt werden.

Unter diesem Blickwinkel erscheinen die UNO-Nachhaltigkeitsziele auch nicht mehr als ein rein willkürliches Sammelsurium von 17 politischen Wunschzielen. Vielmehr betreffen sie gerade jene Bereiche, in denen Effizienz- und Verteilungsprobleme in modernen Gesellschaften besonders ausgeprägt sind, wie beispielsweise in der Klima- oder der Bildungspolitik.

Der ökonomische Blick hilft

Was bringt der ökonomische Blick auf die Agenda 2030? Natürlich lösen sich die Zielkonflikte zwischen «Wirtschaft» und «Nachhaltigkeit» nicht in Luft auf. Die Ökonomik hilft jedoch, sie zu präzisieren. Die relevante Frage lautet dann nicht mehr: Wirtschaft oder Nachhaltigkeit? Sondern: Welche Ressourcen sind knapp? Wo lieget ein Marktversagen vor? Welche Verteilung wird angestrebt? Und mit welchen Instrumenten lassen sich die Ziele möglichst effizient erreichen?

Bei einer strengeren Klimapolitik kann die Ökonomie beispielsweise aufzeigen, welche Sektoren wie rasch dekarbonisieren sollen und wer wie viel der Kosten der Energiewende trägt. Der vermeintliche Konflikt zwischen Wirtschaft und Klima entpuppt sich dabei nicht als Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie, sondern als Verteilungskonflikt – zwischen heutigen und künftigen Generationen, zwischen Sektoren sowie zwischen den Trägern der Kosten und den Nutzniessern der Energiewende.

Damit kehren wir zu den beiden Ausgangsfragen zurück: Wie nutzen wir knappe Ressourcen effizient? Und wie verteilen wir die damit verbundenen Kosten und Nutzen? Wirtschaft und Nachhaltigkeit stehen sich dabei nicht gegenüber. Sie sind Teil derselben Aufgabe – und bis 2030 bleiben uns nur noch vier Jahre.

Zitiervorschlag: Winkler, Ralph (2026). Was ist an der Nachhaltigkeit ökonomisch? Mehr, als man denkt. Die Volkswirtschaft, 03. September.