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Nachhaltigkeit messen: CO2 allein reicht nicht

CO2-Emissionen lassen sich vergleichsweise einfach messen. Doch diese Kennzahl erfasst nur einen Teil der Umweltbilanz: Biodiversitätsverlust, Wasserknappheit und die Folgen des Schweizer Konsums im Ausland bildet sie nur unzureichend ab.
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Nachhaltigkeit ist mehr als Klimaschutz: Auch Biodiversität und andere Umweltwirkungen gehören in die Bilanz. (Bild: Keystone)

Nach dem Hitzesommer 2026 steht der Klimawandel auch medial wieder weit oben auf der Agenda. Medien und Politik verloren in den vergangenen Jahren ihr Interesse am Thema. Der Grund dafür war allerdings nicht, dass sich der Klimatrend gewendet hatte, sondern dass das Thema wegen der Covid-Krise, der Handelskonflikte und der Kriege in der Ukraine, in Palästina und im Iran in den Hintergrund getreten ist.

Rekordtemperaturen, Niedrigstwasserstände in Schweizer Gewässern, Feuerverbote, Wassersparmassnahmen und auch grosse Waldbrände in Europa rücken Umweltschutz und Nachhaltigkeit hierzulande wieder stärker in den Fokus. Für die Agenda 2030 ist das wichtig. Denn wieweit die UNO-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) bis 2030 erreicht werden, hängt vom Engagement der Politik, der Wirtschaftsakteure sowie der Privathaushalte ab.

Nachhaltigkeit heisst nicht nur Klimaschutz

Die Agenda 2030 adressiert 17 nachhaltige Entwicklungsziele, auf die sich die UNO-Mitgliedsländer 2015 geeinigt hatten. Dazu gehören auch Ziele zum Schutz der Gewässer, des Klimas und der Ökosysteme. Diese Ziele hat der Bundesrat in der Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 (SNE 2030) verankert, und er hat damit den Weg für die Schweiz vorgezeichnet. Die SNE setzen auf übergeordneter Ebene drei Schwerpunkte: Nachhaltigkeit in Konsum und Produktion; Klima, Energie und Biodiversität sowie Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt. Aktionspläne legen die Massnahmen und Ziele fest.

Einige Ziele lassen sich relativ klar messen, viele hingegen nicht. Bei der Umsetzung müssen verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit wie Umwelt, Wirtschaft und soziale Nachhaltigkeit ausgewogen berücksichtigt werden. Dennoch liegt der Fokus in der öffentlichen Debatte und auch bei den Unternehmen meist auf den Klimazielen. Diese sind auch relevant für den Schutz der Ökosysteme an Land, im Süsswasser und im Meer. Doch ein zu starker Fokus auf die Klimaziele kann ungewollte Folgen haben.

So können Klimaschutzmassnahmen oft nur wenig zum Schutz der Artenvielfalt beitragen, oder sie sind in einigen Fällen sogar kontraproduktiv, wie die Forschung zur Bioenergie schon früh zeigte. Subventionen für Biodiesel aus Raps etwa können zu massivem Biodiversitätsverlust aufgrund des Landverbrauchs führen. Ein anderes Beispiel ist der zu starke Fokus auf einzelne Umweltaspekte: Wenn etwa Treibhausgasemissionen wie CO2 und Methan bepreist werden, andere Umweltschäden wie Bodenversiegelung oder Wasserverschmutzung aber nicht, haben Unternehmen wenig wirtschaftliche Anreize, eine breitere Nachhaltigkeit zu erreichen.

Laut SNE 2030 sind Marktversagen dafür verantwortlich, dass Umweltwirkungen zu wenig in den Preisen berücksichtigt sind. Die SNE verpflichtet den Bund deshalb, solche externen Kosten einzupreisen sowie umweltschädigende Anreize abzubauen. Die SNE sieht vor, dass dies nicht nur mittels Klimamassnahmen geschieht, sondern auch Wasserverschmutzung und Landverbrauch so korrigiert werden. Das Bundesamt für Statistik misst die Fortschritte.[1] In der Praxis wird aber auch in der Schweiz primär über Treibhausgasemissionen debattiert.

Inland- oder Konsumprinzip: Wie misst man Emissionen?

Für wirksame Nachhaltigkeitsmassnahmen stellt sich zudem die Frage, wie Emissionen bilanziert werden. Das Emissionsziel gemäss Übereinkommen von Paris orientiert sich am Territorialprinzip. Für die Agenda 2030 ist hingegen das Konsumprinzip relevant. Das Territorialprinzip erfasst nur die Emissionen innerhalb der Schweizer Landesgrenzen. Das Konsumprinzip berücksichtigt auch jene Emissionen, die der Schweizer Konsum im Ausland verursacht.

Die Emissionen nach dem Konsumprinzip sind daher für die Schweiz deutlich höher: Die SNE 2030 hält fest, dass rund zwei Drittel des Treibhausgas-Fussabdrucks der Schweiz im Ausland anfallen – bei Biodiversität, Wasserknappheit und Materialabbau liegt der Auslandanteil noch höher (siehe Abbildung 1). Zwar handelt es sich um Schätzwerte. Dennoch ist klar: Das Territorialprinzip erfasst nur die Spitze des Eisbergs. Zudem führen Inlandziele dazu, dass umweltbelastende Produktionsprozesse ins Ausland verlagert werden.

Abb. 1: Ein Grossteil der Umweltauswirkungen des Schweizer Konsums fällt im Ausland an

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Anmerkung: Anteil der im Ausland anfallenden Umweltwirkungen des Schweizer Konsums nach Wirkungskategorie.
Quelle: Cabernard, Pfister und Hellweg (2024) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Eine zentrale Rolle beim Treibhausgas-Fussabdruck der Schweiz im Ausland spielen die Rohstoffe. Das zeigt der Global Resources Outlook des UNO-Umweltprogramms (Unep): Die Gewinnung und die Verarbeitung von Materialien verursachen weltweit über 55 Prozent der Treibhausgasemissionen; Land- und Forstwirtschaft verursachen über 90 Prozent des globalen landnutzungsbedingten Biodiversitätsverlusts und der Wasserknappheit. Hinzu kommt, dass einkommensstarke Länder wie die Schweiz pro Kopf rund sechsmal so viel Material verbrauchen und zehnmal so hohe Klimawirkungen verursachen wie Länder mit tiefem Einkommen.[2]

Für die offene Schweizer Volkswirtschaft mit ihrer hohen Importquote sind territoriale Ziele vergleichsweise leicht zu erreichen. Dennoch macht der Treibhausgas-Fussabdruck des Schweizer Konsums einen Grossteil des Problems aus – auch wenn die Schweiz nicht direkt Einfluss auf die Emissionen im Ausland nehmen kann.

Fortschritte pro Kopf, aber nicht überall

Die Daten zeigen Fortschritte in einzelnen Bereichen: Seit 2000 haben gewisse Pro-Kopf-Umweltschäden abgenommen. Das gilt für die Biodiversitäts- und Klimaschäden im Inland, aber auch für die Klimaschäden, die der Schweizer Konsum im Ausland verursacht. Die durch den Schweizer Konsum verursachten Biodiversitätsschäden stagnieren hingegen seit 15 Jahren (siehe Abbildung 2).

Pro Kopf nehmen die Umweltschäden tendenziell also ab. Auch pro Franken Endnachfrage sinkt der Klimafussabdruck gemäss Daten des Bundesamts für Statistik.[3] Doch das Bevölkerungswachstum und die steigende Wirtschaftsleistung gleichen diese Rückgänge wieder aus. Insgesamt liegt die Schweiz deshalb weiterhin deutlich über dem globalen Durchschnitt und den Zielwerten.

Abb. 2: Der CO2-Ausstoss pro Kopf sinkt, der durch den Schweizer Konsum verursachte Biodiversitätsverlust im Ausland stagniert (1995–2019)

INTERAKTIVE GRAFIK

a) Klima

Produktion (Territorialprinzip)
Fussabdruck (Konsumprinzip)
Biomasse Metalle Nichtmetallische Minerale Fossile Rohstoffe Übrige Wirtschaft Haushalte

b) Biodiversitätsverlust (Land)

Produktion (Territorialprinzip)
Fussabdruck (Konsumprinzip)
biomass Metalle Nichtmetallische Minerale Fossile Rohstoffe Übrige Wirtschaft Haushalte
Quelle: Unep (2024) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Beim Ziel «Verantwortungsvoller Konsum und Produktion» (SDG 12) werden diese Fussabdrücke in der Agenda 2030 thematisiert. Da der Rohstoffhandel ein wichtiger Wirtschaftszweig der Schweiz ist, stellt sich die Frage, wie Nachhaltigkeit hier gemessen werden soll. Gold beispielsweise wird von der Berechnung ausgenommen, obwohl ein Grossteil der globalen Produktion physisch über die Schweiz geht. Denn die jährlich stark schwankenden, enormen Handelsmengen würden andere Entwicklungen des Fussabdrucks überdecken.[4]

Was kann die Wirtschaft tun?

Ein Umdenken vom Blick auf Umweltschäden (meist gemessen mittels CO2-Ausstoss) hin zu Abhängigkeiten von der Umwelt zeigt sich in der Finanzbranche. Dort wird der Verlust von Ökosystemleistungen wie Bestäubung, Wasserverfügbarkeit oder Bodenstabilität vermehrt als Risiko eingestuft. Der Internationale Weltbiodiversitätsrat (IPBES) hat für die Wirtschaft rund 100 Massnahmen aufgezeigt, wie Unternehmen Biodiversitätsziele umsetzen können.[5] Diese reichen vom Abschaffen schädlicher Subventionen bis hin zur Festlegung von Messgrössen. Denn nur wenn das Problem gemessen wird, lässt sich auch der Fortschritt verfolgen.

Die Tonne CO2 als Treibhausgasäquivalent wird die wichtigste Kennzahl bleiben – auch weil sie einfach zu messen ist. Das Thema Nachhaltigkeit ist aber viel komplexer. Deshalb gilt es auch andere Umweltwirkungen zu berücksichtigen und mit den wirtschaftlichen und sozialen Aspekten in ein Gleichgewicht zu bringen. Vier Jahre vor 2030 lautet die Frage also nicht nur, ob die Schweiz ihre Klimaziele im Inland erreicht, sondern auch, ob sie bereit ist, die Umweltfolgen, die der Schweizer Konsum weltweit auslöst, zu messen, zu vermindern und deren Kosten mitzutragen.

  1. Siehe Monet-2030-Indikatorensystem des Bundesamts für Statistik. []
  2. Siehe Unep (2024). []
  3. Siehe Monet-2030-Indikatorensystem des Bundesamts für Statistik. []
  4. Siehe EBP und Impact Economics (2026). []
  5. Siehe IPBES (2026). []

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Zitiervorschlag: Pfister, Stephan (2026). Nachhaltigkeit messen: COsub>2/sub> allein reicht nicht. Die Volkswirtschaft, 07. September.