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Wie Kipppunkte die Dekarbonisierung beschleunigen können
Mit dem Klima- und Innovationsgesetz hat die Schweizer Stimmbevölkerung das Ziel verankert, die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf netto null zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es tiefgreifende Veränderungen in Technologie, Politik und Gesellschaft.[1] Dem stehen jedoch starke Pfadabhängigkeiten entgegen: Bestehende fossile Infrastrukturen und Kapitalbestände, politische Interessen sowie gesellschaftliche Gewohnheiten verfestigen das heutige CO₂-intensive Wirtschaftssystem und erschweren die Dekarbonisierung.[2] Tiefgreifende Transformationen verlaufen jedoch selten linear.
Die Rolle von Kipppunkten
Häufig gewinnen Entwicklungen nach dem Überschreiten von sogenannten Kipppunkten deutlich an Dynamik. Ein Kipppunkt ist ein kritischer Schwellenwert, ab dem sich Entwicklungen selbst verstärken und rasch beschleunigen.[3] Kipppunkte sind in der Klimaforschung vor allem als Risiko bekannt, etwa beim Abschmelzen grosser Eismassen in Grönland oder der Antarktis oder beim Kollaps von Korallenriffen nach dem Überschreiten kritischer Wassertemperaturen. Sind solche Kipppunkte einmal überschritten, lassen sich die ausgelösten Veränderungen oft nicht mehr rückgängig machen.
Doch Kipppunkte können auch positive Dynamiken auslösen: etwa wenn sich klimafreundliche Technologien plötzlich rasch verbreiten, politische Mehrheiten kippen oder gesellschaftliche Normen sich abrupt verändern. Solche selbstverstärkenden Prozesse können helfen, bestehende Beharrungskräfte der fossilen Wirtschaft zu überwinden und die Dekarbonisierung zu beschleunigen. Aufgrund der Komplexität von Wirtschaft und Gesellschaft sind solche Kipppunkte jedoch schwer vorhersehbar. Die Politik kann ihre Entstehung bestenfalls begünstigen, aber nicht gezielt steuern.[4]
Technologische Kipppunkte
Wird eine kritische Schwelle erreicht, können Lern-, Skalierungs- und Netzwerkeffekte die Effizienz und die Verbreitung neuer Technologien stark beschleunigen. Innovationen, die zunächst als Nischenlösungen gelten, können sich dann innerhalb weniger Jahre durchsetzen.
Ein Beispiel ist die Verbreitung von Elektroautos in Norwegen. Auch dort entwickelte sich der Markt zunächst nur langsam. Doch technologische Verbesserungen und eine konsequente politische Förderung steigerten die Marktanteile. Als Elektrofahrzeuge gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor preislich konkurrenzfähig wurden, stieg die Nachfrage weiter. Gleichzeitig verbesserte der Ausbau der Ladeinfrastruktur ihre Alltagstauglichkeit und machte Elektroautos für immer mehr Haushalte attraktiv. Dadurch gewann ihre Verbreitung zusätzlich an Dynamik.[5] Heute machen Elektroautos den überwiegenden Teil der Neuzulassungen in Norwegen aus. Auch in der Schweiz steigt der Anteil seit einigen Jahren deutlich an. Damit könnte auch hier ein Kipppunkt in der Mobilität näher rücken.
Ähnlich verlief die Entwicklung bei der Solar- und Windenergie. Dank raschem technologischem Fortschritt, gezielter Förderung und grossen Skaleneffekten in der Produktion sind die Stromgestehungskosten stark gesunken und liegen heute in vielen Regionen unter jenen fossiler Alternativen. Auch in der Schweiz beschleunigt der Kostenrückgang die Verbreitung der Photovoltaik. Dieses Beispiel zeigt, wie technologische Veränderungen ab einem bestimmten Punkt zunehmend selbsttragend werden und sich durch positive Rückkopplungen weiter beschleunigen.[6]
Politische Dynamiken
Auch politische Prozesse verlaufen oft sprunghaft. Politische Kipppunkte entstehen, wenn sich öffentliche Wahrnehmungen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Mehrheiten rasch verschieben. Erhöht sich beispielsweise der Handlungsdruck durch externe Krisen – etwa nach dem Reaktorunfall von Fukushima – oder werden klimafreundliche Technologien günstiger und von immer mehr Haushalten genutzt, können bestehende politische Mehrheiten kippen und weitreichende Reformen möglich werden.[7] Ein Beispiel sind Tabaksteuern, die in vielen Ländern erst deutlich erhöht wurden, als Nichtraucher die politische Mehrheit stellten.[8]
Hinzu kommt eine wichtige Rückkopplung zwischen Technologie und Politik: Haushalte und Unternehmen, die in Wärmepumpen oder andere klimafreundliche Heizsysteme investiert haben, profitieren von einer beschleunigten Dekarbonisierung und unterstützen daher eher weiter gehende Klimamassnahmen. Dadurch könnte auch die politische Akzeptanz höherer CO₂-Abgaben auf Heizöl und Erdgas steigen. Technologischer und politischer Wandel können sich so gegenseitig verstärken.
Auch soziale Normen verändern sich nicht linear
Gesellschaftliche Verhaltensweisen können sich ebenfalls abrupt verändern. Was zunächst von einer kleinen Minderheit getragen wird, kann sich durch Nachahmungseffekte und soziale Interaktionen innerhalb kurzer Zeit breit durchsetzen.
Ein Beispiel ist die Verbreitung von Solaranlagen auf Hausdächern in Australien. Finanzielle Förderungen und sinkende Kosten erleichterten zunächst den Markteintritt. Mit zunehmender Verbreitung gewannen jedoch Sichtbarkeit, Nachahmungseffekte und soziale Normen an Bedeutung. Was als individuelle Investitionsentscheidung begann, entwickelte sich zunehmend zu einem verbreiteten gesellschaftlichen Verhalten.[9]
Ähnliche Dynamiken zeigen sich beim Fleischkonsum. Besonders jüngere Generationen in Industrieländern reduzieren ihren Fleischkonsum aus Nachhaltigkeits- und Gesundheitsgründen zunehmend. Setzt sich dieser Trend fort und verschieben sich gesellschaftliche Normen weiter, könnte sich der Wandel deutlich beschleunigen.[10]
Die Elektrifizierung der Schweiz
Ein historisches Beispiel für einen positiven Kipppunkt gibt es auch aus der Schweiz: die Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Während der beiden Weltkriege führten Versorgungsengpässe bei Kohle dazu, dass ihr Anteil am Schweizer Energiemix abrupt schrumpfte. Gleichzeitig beschleunigte sich der Ausbau der Wasserkraft und der Strominfrastruktur deutlich.
Auch dieser Wandel verlief nicht linear: Ab circa 1945 wich die Stromerzeugung aus Wasserkraft von ihrem bisherigen Entwicklungspfad ab und nahm deutlich zu (siehe Abbildung). Mit dem Ausbau der Strominfrastruktur verbreitete sich die Nutzung elektrischer Anwendungen in Industrie, Verkehr und Haushalten zunehmend. Dadurch beschleunigte sich die Elektrifizierung weiter.
Bemerkenswert ist: Der Wandel wurde nach dem Ende der Krisen nicht rückgängig gemacht. Das Beispiel zeigt, wie externe Schocks bestehende Strukturen aufbrechen und in Verbindung mit technologischen Möglichkeiten, politischer Unterstützung und Investitionen selbstverstärkende Transformationsprozesse auslösen können.
Wie die Wasserkraft in der Schweiz die Kohle ablöste (1910–1970)
Kipppunkte sind für die Klimapolitik entscheidend
Technologische, politische und gesellschaftliche Kipppunkte entstehen selten isoliert. Häufig verstärken sie sich gegenseitig und können dadurch die Dekarbonisierung erheblich beschleunigen. Ein Beispiel: Werden grüne Technologien günstiger, erhöht das ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Mit wachsender Akzeptanz sinken politische Widerstände gegen eine ambitionierte Klimapolitik, welche ihrerseits wiederum die Verbreitung klimafreundlicher Technologien beschleunigt. So können ganze Kaskaden von Veränderungen entstehen.[11]
Solche Dynamiken setzen sich jedoch selten von selbst in Gang. In fast allen erfolgreichen Beispielen spielte die Politik eine zentrale Rolle. Gerade in frühen Phasen technologischer Entwicklungen sind staatliche Impulse oft notwendig, um kritische Schwellen überhaupt zu erreichen. Sind diese einmal überschritten, können sich Veränderungen zunehmend selbst verstärken und den politischen Rückhalt für ambitioniertere Klimapolitik erhöhen. Die Klimapolitik muss so nicht zwangsläufig dauerhaft gegen bestehende wirtschaftliche Interessen durchgesetzt werden.
Literatur
- Bretschger, L. (2025). Climate Change Mitigation in the Competition for Political Majorities: The Effects of Policy Tipping. Revue Economique, Forthcoming.
- Bretschger, L. und Leuthard, M. (2024). Die Bedeutung von Kipppunkten für eine nachhaltige Entwicklung. Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 24(4), 427–447.
- Bretschger, L. und Soretz, S. (2022). Stranded Assets: How Policy Uncertainty Affects Capital, Growth, and the Environment. Environmental and Resource Economics, 83(2), 261–288.
- Bundesamt für Energie (2023). Gesamtenergiestatistik. (Zuletzt aufgerufen am 24.02.2024)
- Gladwell, M. (2000). The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference. Boston: Little, Brown.
- Otto, I. M., Donges, J. F., Cremades, R. et al. (2020). Social Tipping Dynamics for Stabilizing Earth’s Climate by 2050. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117(5), 2354–2365.
- Sharps, M. A., Raghoebar, S. und Coulthard, H. (2024). Social Norms and Young Adults’ Self-reported Meat and Plant-based Meal Intake: Findings from Two Online Cross-sectional Studies. Appetite, 199, 107503.
- Sharpe, S. und Lenton, T. M. (2021). Upward-scaling Tipping Cascades to Meet Climate Goals: Plausible Grounds for Hope. Climate Policy, 21(4), 421–433.
- Simpson, G. (2018). Looking Beyond Incentives: the Role of Champions in the Social Acceptance of Residential Solar Energy in Regional Australian Communities. Local Environment, 23(2), 127–143.
- Unruh, G. C. (2000). Understanding Carbon Lock-in. Energy Policy, 28(12), 817–830.
Zitiervorschlag: Leuthard, Matthias; Bretschger, Lucas (2026). Wie Kipppunkte die Dekarbonisierung beschleunigen können. Die Volkswirtschaft, 20. August.