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USA-China-Entkopplung: Wie Schweizer Firmen ihre Geschäftsmodelle widerstandsfähiger machen können

Die wirtschaftliche Entkopplung zwischen den USA und China schreitet voran und stellt Schweizer Unternehmen vor neue Herausforderungen. Ein Forschungsprojekt untersucht, wie sie ihre Geschäftsmodelle besser gegen geopolitische Risiken wappnen können.
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Wie gut sind Schweizer Firmen gegen geopolitische Risiken gewappnet? Oft fehlt eine systematische Herangehensweise. (Bild: Keystone)

Die geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China sind längst Realität mit spürbaren Folgen für Schweizer Unternehmen. Zunehmende Handelsbarrieren, regulatorische Unsicherheiten und die Fragmentierung der beiden Wirtschaftsräume stellen Unternehmen vor grundlegende Fragen: Wie können sie Risiken frühzeitig erkennen? Und wie widerstandsfähig sind ihre Geschäftsmodelle wirklich?

Viele Unternehmen spüren die Auswirkungen bereits und haben vereinzelt Gegenmassnahmen ergriffen. Eine systematische Herangehensweise fehlt jedoch häufig. Hier setzt ein Forschungsprojekt an, das von der Schweizer Agentur für Innovationsförderung Innosuisse unterstützt wird.

Am Projekt beteiligt sind seit Anfang 2024 das Schweizerische Institut für Entrepreneurship (Sife) der Fachhochschule Graubünden, das Center for Geopolitics and Competitiveness der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), vier Schweizer Industriepartner sowie Switzerland Global Enterprise (SGE) – die Schweizer Organisation für Exportförderung. Ziel ist es, Unternehmen dabei zu helfen, ihre Geschäftsmodelle angesichts geopolitischer Risiken rund um die USA-China-Beziehung nachhaltig robuster auszurichten.

Sechs Szenarien als strategischer Kompass

Zentraler Bestandteil des Projekts ist die Entwicklung von sechs Szenarien, die mögliche zukünftige Entwicklungen der Beziehungen zwischen den USA und China skizzieren (siehe Video). Diese reichen von einer vorsichtigen Entspannung mit erneuter Kooperation der beiden Länder über eine anhaltende Phase wirtschaftlicher Spannungen bis hin zu einer Eskalation mit potenziell militärischer Auseinandersetzung.

Die Szenarien basieren auf umfangreichen wissenschaftlichen Literaturanalysen und zahlreichen Interviews mit Experten aus Wirtschaft und Politik. Sie dienen als strategisches Hilfsmittel, das es den Unternehmen ermöglicht, sich konkret auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten und frühzeitig entsprechende Massnahmen zu ergreifen.

Die sechs Szenarien erklärt

Quelle: Switzerland Global Enterprise / Youtube

Vom Risiko zur Resilienz: Strategien für Schweizer Unternehmen

Auf Basis dieser Szenarien wurden die Geschäftsmodelle der beteiligten Partnerunternehmen – Burckhardt Compression, Güdel, Kuhn Rikon und VAT Group – auf ihre geopolitische Resilienz hin untersucht. Die Unternehmen vertreten unterschiedliche Branchen und Geschäftsmodelle, was eine vielfältige Perspektive auf die Auswirkungen geopolitischer Risiken eröffnete. In der Analyse zeigte sich, dass nicht nur die Lieferketten, sondern meist mehrere Bereiche des Geschäftsmodells betroffen sind. Um wirksame und nachhaltige Strategien zu entwickeln, genügt es daher nicht, nur einzelne operative Prozesse zu hinterfragen. Vielmehr braucht es eine umfassende Betrachtung des gesamten Geschäftsmodells.

Die Analyse im Projekt identifizierte fünf besonders relevante Bereiche: Risikomanagementpraktiken, Eigentümerstruktur, Ressourcenabhängigkeiten, Produktionsflexibilität und Marktpräsenz. Zum Beispiel könnte die Eigentümerstruktur zum Risiko werden, wenn eine Schweizer Firma Tochtergesellschaften oder wichtige Anteilseigner in den USA hat. Dadurch könnte sie bei neuen US-Sanktionen gegen China unter starken regulatorischen Druck geraten, der ihren Handlungsspielraum massiv einschränkt. Umgekehrt können chinesische Exportbeschränkungen von Rohmaterialien wie seltenen Erden auch Schweizer Firmen direkt betreffen und dazu führen, dass die Produktion eingestellt werden muss.

Je nachdem, welche dieser fünf Bereiche als besonders kritisch eingestuft werden, gibt es unterschiedliche strategische Anpassungsoptionen. Unternehmen können etwa ihre Tochterfirmen rechtlich unabhängig voneinander organisieren, um Risiken in der Eigentümerstruktur zu mindern. Abhängigkeiten in der Beschaffung können durch Zukauf von Lieferanten oder Kunden verringert werden – das nennt man vertikale Integration. Unternehmen erhalten so mehr Kontrolle entlang der Wertschöpfungskette. Ebenso reduzieren Unternehmen Abhängigkeiten durch die zirkuläre Beschaffung von Rohstoffen, also indem sie Rohstoffe verwenden, die bereits im Umlauf sind.

All diese Strategieoptionen sind in einer Strategie-Toolbox zusammengefasst. Diese erlaubt es Unternehmen, gezielt jene Massnahmen auszuwählen, die auf ihre individuelle Risikolage zugeschnitten sind.

Praktische Risikoeinschätzung

Als praxisnahes Ergebnis wurde ein Instrument entwickelt, das Schweizer Unternehmen eine schnelle und systematische Einschätzung ihrer geopolitischen Risikosituation ermöglicht: der sogenannte US-China Economic Fragmentation Stress Test. Er berücksichtigt die zuvor erwähnten kritischen Geschäftsbereiche und liefert den teilnehmenden Unternehmen unmittelbar nützliche Erkenntnisse. Neben einem individuellen Risikoprofil erhalten sie spezifische Handlungsempfehlungen, die ihnen helfen, gezielt Schwachstellen zu beheben und ihre Geschäftsmodelle nachhaltiger und resilienter zu gestalten: eine wichtige Grundlage für Entscheidungen.

Das Projekt zeigt, dass eine frühzeitige und systematische Auseinandersetzung mit geopolitischen Risiken für Schweizer Unternehmen von strategischer Bedeutung ist. Wer sein Geschäftsmodell darauf testet und gegebenenfalls neu ausrichtet, kann seine Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Schocks erhöhen. Gerade in einem zunehmend unsicheren geopolitischen Umfeld trägt dies dazu bei, die eigene Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern und Chancen gezielt zu nutzen.

Zitiervorschlag: Gurova, Siyana; Klein, Kerstin; Keller, Florian; Lehmann, Ralph (2025). USA-China-Entkopplung: Wie Schweizer Firmen ihre Geschäftsmodelle widerstandsfähiger machen können. Die Volkswirtschaft, 23. Juni.