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Gute Noten für das Schweizer Gesundheitssystem

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit den höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf weltweit. Auch im internationalen Vergleich ist das Schweizer Gesundheitssystem eines der besten – zumindest, wenn man die Patientinnen und Patienten fragt.
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Die Schweiz hat Grund zur Freude: Sie hat eines der besten Gesundheitssysteme – und das liegt nicht nur am Geld. (Bild: Keystone)

Gesundheitssysteme sollten nicht danach beurteilt werden, wie viele Leistungen sie erbringen oder wie alt Menschen werden. Viel wichtiger ist, wie Gesundheitssysteme die Lebensqualität beeinflussen. Genau hier setzt der Patient-Reported-Indicator-Survey (Paris) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an.

Die Paris-Befragung wurde 2023/2024 zum ersten Mal durchgeführt. Rund 110’000 Personen aus 19 Ländern nahmen daran teil. In der Schweiz wurden über 4000 Patientinnen und Patienten befragt, die über 45 Jahre alt sind, zu Hause leben und während der Erhebung mindestens einmal einen Kontakt zur Hausärztin oder zum Hausarzt hatten. Die Resultate basieren nur auf den Antworten der Befragten, die mindestens eine chronische Erkrankung haben – darunter fallen zum Beispiel Bluthochdruck, chronische Rücken- oder Gelenkschmerzen, Diabetes oder auch Depressionen.

Die Umfrage erhebt unter anderem zehn Indikatoren, die für chronisch kranke Personen besonders wichtig sind: fünf zum Gesundheitszustand, etwa zur körperlichen und psychischen Gesundheit, zum Wohlbefinden und zur sozialen Teilhabe. Die fünf anderen Indikatoren betreffen individuelle Erfahrungen mit der Grundversorgung. Dazu gehört, wie gut die Versorgung unter den beteiligten Ärzten und Praxen abgestimmt ist (Versorgungskoordination), ob die individuellen Bedürfnisse bei der Behandlung berücksichtigt werden (patientenorientierte Versorgung), wie die Qualität der Grundversorgung eingeschätzt wird und wie hoch das Vertrauen in das System ist.[1]

Hohes Vertrauen in das Schweizer Gesundheitssystem

Das Schweizer Gesundheitssystem wird dem Ruf des Landes gerecht: Es ist – wie die berühmten Schweizer Uhren und Taschenmesser – solide, gut strukturiert und Ausdruck einer Kultur, in der Qualität eine grosse Rolle spielt. Bei allen zehn Indikatoren liegt die Schweiz über dem OECD-Durchschnitt (siehe Abbildung 1). Besonders sticht sie bei der patientenorientierten Versorgung und der Versorgungskoordination hervor – zwei Aspekte, die eng mit besseren Behandlungsergebnissen verknüpft sind. Nahezu alle Personen mit chronischen Erkrankungen gaben an, dass ihre Bedürfnisse bei der Gesundheitsversorgung berücksichtigt wurden. Fast 90 Prozent fanden, dass die Hausarztpraxen, in denen sie betreut wurden, gut organisiert sind.

Schweizerinnen und Schweizer vertrauen dem Gesundheitssystem, Männer etwas mehr als Frauen (74 resp. 68 Prozent). Ebenfalls hohe Werte erzielt die Schweiz bei der körperlichen und psychischen Gesundheit. Überdurchschnittlich schnitt auch die soziale Teilhabe ab – Personen können trotz chronischer Erkrankung gut am sozialen Leben teilnehmen.

Das Schweizer System überzeugt also sowohl bei der medizinischen Versorgung als auch beim Umgang mit den Patientinnen und Patienten. In einer Welt, in der immer mehr Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig leben, ist das nicht selbstverständlich.

Abb. 1: Die Schweiz schneidet beim Paris-Survey überdurchschnittlich gut ab

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Anmerkung: Prozentualer Anteil an Patientinnen und Patienten mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen, die von positiven Ergebnissen oder Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem berichten. Zum Beispiel, dass sie ihren allgemeinen Gesundheitszustand als gut, sehr gut oder ausgezeichnet einschätzen. Die höchsten (bzw. niedrigsten) Werte entsprechen den jeweils besten (bzw. schlechtesten) Ergebnissen unter den beteiligten Ländern.
Quelle: OECD (2025b) / Die Volkswirtschaft

Es liegt nicht nur am Geld

Es ist naheliegend, die guten Ergebnisse der Schweiz mit ihrem hohen Wohlstand zu erklären: Die Schweiz gehört zu jenen OECD-Mitgliedern mit dem höchsten Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf und gibt deutlich mehr für Gesundheit aus als andere Länder. Doch die Paris-Daten zeigen: Geld allein garantiert keine besseren Ergebnisse. Wichtig ist auch, wie das Gesundheitssystem organisiert ist – etwa in Bezug auf Versorgungskontinuität oder die Beziehung zwischen Ärztinnen und Patienten.

So liegen etwa Norwegen und Luxemburg – zwei Länder mit ähnlich hohem oder sogar höherem BIP pro Kopf als die Schweiz – nur im Mittelfeld. Dagegen schneiden Länder wie Tschechien und Slowenien trotz deutlich niedrigerer Gesundheitsausgaben relativ gut ab (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Auch mit wenig Geld gelingt manchen Ländern eine gute Gesundheitsversorgung

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Anmerkung: Wert von 1 entspricht dem OECD-Durchschnitt. Werte darüber bzw. darunter zeigen entsprechend bessere oder schlechtere Werte.
Quelle: OECD Data Explorer / WHO Global Health Observatory / OECD Paris 2024 Database / Die Volkswirtschaft

Wenige digitale Hilfsmittel

Trotz insgesamt sehr guter Ergebnisse kann sich die Schweiz in einigen Bereichen noch verbessern. Zum Beispiel hinkt die Schweiz bei den digitalen Hilfsmitteln hinterher. Nur 3 Prozent der Befragten gaben an, Zugang zu ihrer elektronischen Krankenakte zu haben. In den Niederlanden waren es 53 Prozent. Auch Videosprechstunden werden in der Schweiz kaum genutzt: Nur 4 Prozent der chronisch Erkrankten hatten schon einmal ein solches Gespräch – im Vergleich zu 11 Prozent in Frankreich und 34 Prozent in Australien. Dabei könnten Videogespräche gerade für weniger mobile Personen den Zugang zu Gesundheitsleistungen verbessern.

Zudem weist Paris auf bestehende Ungleichheiten hin: Personen mit niedrigerem Einkommen oder einem tieferen Bildungsstand geht es gesundheitlich schlechter. In der Schweiz sind diese Ungleichheiten kleiner als in anderen Ländern, aber gross genug, um aufzufallen. Wichtig ist auch, was die Umfrage nicht misst: Wer erhebliche Zugangshürden zum Gesundheitssystem hat – etwa wegen Kosten, Sprachbarrieren oder Aufenthaltsstatus – und deswegen nicht bei der Hausärztin oder beim Hausarzt war, wurde in der Umfrage nicht berücksichtigt. In der Schweiz tragen Patientinnen und Patienten einen grossen Teil der Gesundheitskosten mit hohen Franchisen und Selbstbehalten selbst. Es kann daher sein, dass manche aus Kostengründen auf notwendige Behandlungen verzichten. Deshalb ist es besonders wichtig, sicherzustellen, dass niemand aus Kostengründen auf notwendige Behandlungen verzichten muss.

Die guten Resultate der Schweiz stimmen optimistisch. Das Land scheint in vielen Bereichen erfolgreicher zu sein als andere Länder. Gleichzeitig macht die Auswertung deutlich, dass einfache Erklärungen wie hohe Gesundheitsausgaben zu kurz greifen. Entscheidend für ein gutes Gesundheitssystem ist nicht nur, wie viel Geld ausgegeben wird, sondern auch, wofür und wie: Zeit für Gespräche, eine kontinuierliche Betreuung und patientenorientierte Ansätze bringen womöglich mehr als ein reiner Ausbau der Leistungen.

  1. Siehe OECD (2025a). []

Literaturverzeichnis
  • OECD (2025a). Does Healthcare Deliver? Results from the Patient-Reported Indicator Surveys (Paris), OECD Publishing, Paris.
  • OECD (2025b). Does Healthcare Deliver? Results from the Patient-Reported Indicator Surveys (Paris). Country Note Switzerland. OECD Publishing, Paris.

Bibliographie
  • OECD (2025a). Does Healthcare Deliver? Results from the Patient-Reported Indicator Surveys (Paris), OECD Publishing, Paris.
  • OECD (2025b). Does Healthcare Deliver? Results from the Patient-Reported Indicator Surveys (Paris). Country Note Switzerland. OECD Publishing, Paris.

Zitiervorschlag: van den Berg, Michael (2025). Gute Noten für das Schweizer Gesundheitssystem. Die Volkswirtschaft, 09. September.