Eric Scheidegger im Seco, Bern: «Wichtig ist, dass Politikerinnen und Politiker ihre Überzeugungen auch ökonomisch hinterfragen.» (Bild: Keystone / Alessandro della Valle)
Ja, es ist ein Traumberuf. Ich habe mich im Ökonomiestudium früh für Schweizer Wirtschaftspolitik interessiert. Und ich habe rasch realisiert: Mit Ökonomie in der Politik kann man etwas Gutes tun – für die Gesellschaft.
Nein, natürlich nicht. Ich habe mich treiben lassen. Von der Freude. Von der Begeisterung. Und von der Tatsache, dass man im Ökonomiestudium laufend neue Erkenntnisse gewinnt. Und je weiter man kommt, desto klarer wird: Mit ökonomischen Konzepten kann man gesellschaftliche Entwicklungen differenziert diskutieren.
Durch viele unterschiedliche ökonomische Fachrichtungen. Der gemeinsame Nenner: Sie erklären das menschliche Verhalten im Allgemeinen – und individuelle Entscheidungen im Speziellen. In einer Marktwirtschaft treiben wir alle jeden Tag die wirtschaftliche und damit auch die gesellschaftliche Entwicklung voran.
Ich anerkenne das Primat der Politik. In einer Demokratie setzt die Politik den Handlungsrahmen für die Bevölkerung und die Wirtschaft. Bei der ökonomischen Politikberatung muss ich Entscheidungsträger auf mögliche unerwünschte Nebenwirkungen gut gemeinter Regulierungen aufmerksam machen. Wichtig ist, dass Politikerinnen und Politiker ihre Überzeugungen auch ökonomisch hinterfragen.
Der Ordoliberalismus gehört zu den wichtigsten staatspolitischen Denkschulen der Nachkriegszeit: Dem Staat werden in der Marktwirtschaft zentrale Aufgaben zugeordnet – etwa bei Eigentumsrechten, beim Wettbewerb und in der Steuerpolitik. Gleichzeitig wird er in Schranken gehalten, damit die Freiheit der Bürger sowie deren Leistungsbereitschaft nicht unnötig eingeschränkt werden.
Klar ist: Die nächste Ausnahmesituation kommt bestimmt.
Wir sprechen nicht vom «Nachtwächterstaat», welcher auf die Sicherheit oder die öffentliche Ordnung fokussiert. Der Ordoliberalismus sieht für den Staat auch eine wichtige Rolle in Bereichen wie der Sozial- und Gesundheitspolitik, der Bildung oder der Umweltpolitik. Aber in der Regel sollte sich der Staat auf diejenigen Bereiche der Marktwirtschaft beschränken, in denen die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen nicht durch die Privatwirtschaft sichergestellt werden kann.
Ja. Zum einen der Ausbruch der internationalen Finanzkrise im Herbst 2008. Zum anderen die Pandemie vor sechs Jahren. In beiden Fällen handelte es sich um weltumspannende Wirtschaftskrisen. Damit ging für alle viel Ungewissheit einher. Solche massiven Schocks von aussen sind gerade für die Schweiz als ausgeprägt offene Volkswirtschaft eine besondere Herausforderung.
Mein Highlight klingt kontraintuitiv: mehrmals bei grossen Krisen mittendrin gewesen zu sein und mit tollen Teams mitgewirkt zu haben, diese Krisen zu überwinden. Bei der Finanzkrise dachte ich: Wow, was für ein Privileg, als junger Ökonom bei der Bewältigung einer solchen Krise mitwirken zu können. Vergleichbare Krisen lagen damals lange zurück. Was ich nicht wusste: Weitere sollten innert weniger Jahre folgen. Dank dieser Erfahrung ist die Schweiz heute krisenerprobt. Und klar ist: Die nächste Ausnahmesituation kommt bestimmt. Und sie kann wieder ganz anders aussehen.
Vereinfacht gesagt: Wettbewerb ist ein Prozess. Investoren und Unternehmen stehen im Konkurrenzkampf. Sie versuchen, möglichst gute Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und sie zu einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis zu verkaufen.
Betriebswirtschaftlich buhlen Unternehmen um Marktanteile. Volkswirtschaftlich hat Wettbewerb eine viel grössere Dimension: Er ist der Treiber von Wohlstand. In allen Bereichen der Gesellschaft spornt er die Menschen zu guten Leistungen und zu innovativer Tätigkeit an. Wettbewerb ist etwas Gutes. Er bringt die Menschheit weiter.
Nein. Wettbewerb ist zu unterscheiden von überrissenem Leistungsdruck oder der Ausbeutung von Menschen. In der Arbeitswelt schützt eine gute Arbeitsmarktpolitik die Arbeitnehmenden vor missbräuchlichen Arbeitsbedingungen. Im Privatleben entscheiden wir selbst, welchem Druck wir uns aussetzen.
Beides. Es gibt biologisch erklärbare Motive: Wettbewerb um Nahrung, Fortpflanzung, Anerkennung, Sicherheit. Dann gibt es biokulturelle Faktoren wie Bildung und Sozialisierung. Sie können Wettbewerbsfreude fördern – oder hemmen.
Sie haben verschiedene Funktionen. Erstens informieren sie: Hohe Preise zeigen in der Regel eine grosse Nachfrage. Zweitens haben Preise eine Lenkungsfunktion: Dort, wo hohe Preise erzielt werden, werden die Produktionsfaktoren hingeleitet – Arbeit, Kapital und Wissen. Und drittens haben Preise eine disziplinierende Funktion: Gewinne erwirtschaftet nur, wer gute Produkte und Dienstleistungen entwickelt und zu guten Preisen verkauft. Wer nicht mithalten kann, fällt aus dem Wettbewerb und aus dem Markt.
Betriebswirtschaftlich spricht man von Gewinnern und Verlierern, wenn sich in gesättigten Märkten Marktanteile verschieben. Volkswirtschaftlich steht etwas anderes als das Nullsummenspiel im Vordergrund: Es geht um den wachsenden Kuchen des Wohlstands. Bei einem grösseren Kuchen können grössere Kuchenstücke verteilt werden. Eine Marktwirtschaft ist zudem ständig im Umbruch – getrieben durch Technologie, Innovation, Wissen und Wettbewerb. Märkte oder Technologien können veralten, und schwache Unternehmen fallen aus dem Markt. Arbeitnehmende, Investoren und Unternehmer tragen die Folgen des Misserfolgs. Aber ich würde das nicht einfach mit «Verlieren» gleichsetzen.
Die Innovation gründet im Wettbewerb. Und Innovation kennt keine Grenzen. Denn Innovation entsteht durch Wissen. Wissen und das Teilen von Wissen sind aber im Gegensatz zu den klassischen Produktionsfaktoren wie Arbeit, Kapital und Boden unbegrenzt. Wissen nutzt sich nicht ab, wenn man es teilt und einsetzt. Deshalb bleibe ich zuversichtlich: Wir werden für gesellschaftliche Herausforderungen immer wieder neue Lösungsansätze finden. Der Wettbewerb ist ein ständiger Such- und Entdeckungsprozess.
The Survival of the Fittest wird im Sprachgebrauch immer noch falsch verwendet. Fit heisst nicht zwingend: Der Stärkere gewinnt. Fit meint Anpassungsfähigkeit. Es ist der Wettbewerb derjenigen, die sich im stetigen Wandel am besten anpassen können. Es ist der Wettbewerb um Innovation und Anpassung.
Machtballung ist weder in der Politik noch in der Wirtschaft etwas Gutes.
Machtballung ist weder in der Politik noch in der Wirtschaft etwas Gutes. Monopole führen in der Regel zu höheren Preisen und weniger Innovation. Es gibt im Wesentlichen zwei ökonomische, «natürliche» Treiber der Machtkonzentration: Skaleneffekte in leitungsgebundenen Netzindustrien wie der Stromwirtschaft oder dem Bahnverkehr. Der zweite Treiber sind Netzwerkeffekte bei digitalen Plattformen wie Google. Gross werden ist aber nicht das Problem. Das Problem ist, Marktmacht zu missbrauchen, um den Wettbewerb zu schwächen. Dort greift dann die Wettbewerbspolitik als Schutz des Wettbewerbs.
Wir müssen wettbewerbsfreundlich regulieren, damit man den Wettbewerb nicht unbeabsichtigt schwächt. Und wir müssen verhindern, dass Partikularinteressen über Regulierungen weniger Wettbewerb durchsetzen, um sich wirtschaftliche Vorteile zuzugestehen.
Die 1990er-Jahre waren Schweizer Pionierjahre: Die Erkenntnis setzte sich durch, dass Wettbewerb etwas Positives ist für die dynamische Entwicklung einer Gesellschaft. Politisch wurde es mehrheitsfähig, das PTT-Monopol in eine Post und eine Swisscom aufzubrechen und gleichzeitig den Markt für neue Wettbewerber zu öffnen. Dazu kamen die Totalrevision des Kartellgesetzes, eine Öffnung des Agrarmarkts mit einer Anpassung des damals absurden Subventionssystems in der Landwirtschaft, und die Schweiz ist der WTO beigetreten.
Schwacher Wettbewerb ist überall da, wo die Staatsinterventionen den Wettbewerb bewusst schwächen. Die Landwirtschaftspolitik ist ein Bereich. Staatlich regulierte Preise in verschiedenen Bereichen des Service public ein anderer. Bei nicht handelbaren Dienstleistungen schliesslich ist ein grenzüberschreitender Wettbewerb kaum möglich. Zum Beispiel bei Wohnungsmärkten oder in stark regulierten Segmenten des Gesundheitsmarkts.
Es gibt die vertikale und die horizontale Industriepolitik. Vertikal ist eine selektive Form: Sie bevorzugt bestimmte Branchen, Unternehmen oder Technologien. Das geschieht über politische Massnahmen, die schützen oder staatlich fördern. Horizontal heisst: gute Rahmenbedingungen für alle. Dazu gehören Rechtssicherheit, Schutz des geistigen Eigentums, Wettbewerb, Bildung, Forschung, Infrastruktur und flexible Arbeitsmärkte. Die vertikale Industriepolitik ist problematisch, weil sie favorisiert: Sie ist damit ein Einfallstor für politische Interessen. Jede Branche findet sich besonders wichtig. Wenn die Politik mal damit anfängt, beginnt die Suche nach Schutz vor Wettbewerb oder staatlichen Fördergeldern. Eine gute Wirtschaftspolitik ist neutral: branchen-, technologie- und unternehmensneutral.
Ich habe Wettbewerb persönlich als Ansporn erlebt. Und ich habe vielleicht erst mit dem Studium so richtig verstanden: Es lohnt sich, sich zu motivieren, gut sein zu wollen. Mit der Ausbildung kam vermehrt die Überzeugung, wie wichtig der Wettbewerb um neue Erkenntnisse ist.
Es gibt wie im Fussball zwei Formen von Ellbögeln. Es gibt den Kampf um den Ball, damit habe ich kein Problem. Und dann gibt es das unfaire Ellbögeln – im Sinn von harten Fouls. Ein gutes Verständnis von Wettbewerb ist, wenn ich Freude daran habe, dass Wettbewerb mich weiterbringt.
Zitiervorschlag: Interview mit Eric Scheidegger, Staatssekretariat für Wirtschaft (2026). Wer bestimmt: Die Politik oder der Markt? Die Volkswirtschaft, 26. Januar.
Der 64-Jährige ist stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Seit 2012 leitet der Ökonom die Direktion für Wirtschaftspolitik. Ende Februar 2026 wird er pensioniert. Er doktorierte an der Universität Basel und arbeitete unter anderem als Wirtschaftsjournalist für die NZZ sowie als persönlicher wirtschaftspolitischer Berater von Bundesrat Pascal Couchepin.
Das Seco, mit Sitz in Bern, ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Kernfragen der Wirtschaftspolitik. Sein Ziel ist es, für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum, eine hohe Beschäftigung sowie faire Arbeitsbedingungen zu sorgen. Das Seco beschäftigt gut 800 Mitarbeitende.
