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«Der Klimawandel ist nicht der Treiber des Schadenwachstums»

Weltweit steigen die versicherten Schäden aus Naturereignissen wie Überschwemmungen, schweren Gewitterstürmen und Waldbränden jährlich deutlich. Swiss-Re-Chefökonom Jérôme Jean Haegeli erklärt im Interview, warum der Klimawandel nicht der Haupttreiber ist. Entscheidend sei unter anderem, wo gebaut werde.
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Jérôme Jean Haegeli am Hauptsitz von Swiss Re in Zürich: «Nicht jedes Risiko muss versichert sein.» (Bild: Keystone / Gaëtan Bally)
Herr Haegeli, auf welche Versicherung können Sie ohne schlechtes Gewissen verzichten?

Wichtig ist, jene Risiken zu versichern, die wirklich wehtun. Nicht jedes Risiko muss versichert sein. Auf die Autoversicherung würde ich gern verzichten, wenn das Auto in der Garage steht. Dafür gibt es Modelle wie Pay as you go oder Pay as you drive.

Swiss Re zählt zu den grössten Rückversicherern weltweit. Wie funktioniert Rückversicherung?

Rückversicherung ist die Versicherung für Erstversicherer. Diese und auch grosse Unternehmen geben einen Teil ihrer Risiken an uns weiter. So bleiben sie finanziell stabil, auch wenn sehr grosse Schäden entstehen, etwa nach Naturkatastrophen oder anderen Grossereignissen. Weil wir Risiken aus vielen Ländern und Bereichen übernehmen, darunter Lebens- und Krankenversicherungs- oder Cyberrisiken, sind die Risiken breit diversifiziert und besser kalkulierbar.

Sie sind seit über 18 Jahren bei Swiss Re. Welche Risiken beschäftigen Sie heute stärker als noch vor zehn Jahren?

Die Risikolandschaft und deren Vernetzung haben sich sehr stark verändert. Sie wird komplexer, die Wechselwirkung von Risiken nimmt zu. Denken Sie an geopolitische Risiken, an Klimarisiken oder an den Technologiewandel. Diese Risiken beeinflussen sich gegenseitig und verstärken sich auch.

Können Sie ein Beispiel machen?

KI braucht zum Beispiel viel Energie. Gleichzeitig machen geopolitische Veränderungen die Energieversorgung unsicherer. Das erhöht den Druck, die Energiewende zu beschleunigen. Wenn Risiken sich stärker gegenseitig beeinflussen, müssen Versicherer das entsprechend berücksichtigen, wenn sie Risiken bewerten und bepreisen.

Machen Versicherungen die Wirtschaftssysteme weltweit stabiler?

Versicherungen stärken die Widerstandsfähigkeit gegenüber Schocks und machen Risiken wirtschaftlich tragbar. Ohne Versicherung müssten Unternehmen, Haushalte, Gemeinden oder Staaten mögliche Schäden allein tragen. Das wäre für Banken und Investoren oft zu riskant, und Investitionen würden nicht getätigt. Mit Versicherungen wird ein Teil des Risikos auf viele Schultern verteilt. So wäre zum Beispiel New Yorks Skyline ohne Versicherungen nie gebaut worden. Das Gleiche lässt sich derzeit beim Bau von Datenzentren beobachten.

Katrina verursachte versicherte Schäden von rund 105 Milliarden Dollar, so viel wie kein Hurrikan zuvor.

Die Schäden durch Naturkatastrophen nehmen gemäss Swiss Re weltweit zu. Wie stark ist der Klimawandel dafür verantwortlich?

Unsere Modelle und Zahlen zeigen vor allem eins: Das Wachstum der versicherten Schäden aus Naturkatastrophen wird nicht primär durch den Klimawandel getrieben. Entscheidend ist, wo gebaut wird, wie stark die Bevölkerung in exponierten Zonen wächst und Vermögenswerte aufgebaut hat. Wir schätzen, dass rund 80 Prozent des Anstiegs der versicherten Schäden durch Naturereignisse allein vom Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und damit von der Zunahme von Besitz getrieben werden. Es leben mehr Menschen in Risikozonen, sie besitzen mehr, und die Inflation treibt die Kosten für den Wiederaufbau zusätzlich.

Das überrascht. In alpinen Regionen nehmen doch die Extremereignisse zu, weil sich Schnee, Eis und Permafrost wegen des Klimawandels verändern?

Der Klimawandel verändert gewisse Naturgefahren. Es gibt mehr Extremwetterereignisse. Gleichzeitig verändert sich auch die Vulnerabilität. So steigen die versicherten Hagelschäden auch deshalb, weil es beispielsweise mehr Solarpanels auf den Dächern gibt als noch vor ein paar Jahren. Unsere Studien zeigen klar, dass der Klimawandel nicht der Haupttreiber für das Schadenwachstum ist.

Die versicherten Schäden durch Naturereignisse wachsen gemäss dem Swiss-Re-Sigma-Report jährlich um 5 bis 7 Prozent. Nimmt dieses Wachstum weiter zu?

Das Trendwachstum ist stabil. 5 bis 7 Prozent sind mehr als das Wirtschaftswachstum, die Schäden werden im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt also grösser. Gleichzeitig rechnen wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10, dass in den kommenden Jahren die versicherten Schäden durch einen Hurrikan oder ein Erdbeben in jenem Jahr auf über 300 Milliarden Dollar ansteigen können. Ein Beispiel für ein solches Grossereignis ist Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Katrina verursachte versicherte Schäden von rund 105 Milliarden Dollar, so viel wie kein Hurrikan zuvor.

Wie modellieren Sie Naturgefahren?

Bei Swiss Re beschäftigen sich rund 70 Wissenschaftler mit der Modellierung von Risiken aus Naturgefahren, darunter Geophysiker, Klimatologinnen und Mathematiker. Wir sind seit 160 Jahren im Geschäft, unser Wissen stützt sich somit auf grosse Datenmengen und viel Erfahrung. Es geht darum, Eintrittswahrscheinlichkeiten zu berechnen und diese Risiken dann mit einem Preis zu versehen.

Wie oft und bei welchen Risiken liegen Sie richtig?

Jedes Modell basiert auf Annahmen. Diese gleichen wir nach einem Ereignis immer wieder ab, und wir aktualisieren unsere Modelle regelmässig, weil wir aus neuen Ereignissen dazulernen. Auch dank Machine-Learning werden Modelle immer besser. Aber am Ende lässt sich die Realität nie zu 100 Prozent vorhersagen.

 

Jérôme Jean Haegeli: «Die Realität lässt sich nie zu 100 Prozent vorhersagen.» (Bild: Keystone / Gaëtan Bally)
Wie nutzen Sie künstliche Intelligenz?

Die KI ergänzt die Expertise der Mitarbeitenden. Sie hilft uns zum Beispiel, grosse Datenmengen effizient auszuwerten und wichtige Erkenntnisse direkt in Prozesse wie das Underwriting oder die Schadenbearbeitung einfliessen zu lassen. Die Versicherungsbranche profitiert stark von KI. Die Entscheidungen trifft am Ende aber immer der Mensch, nicht die KI.

Wo liegen die Grenzen von Risikomodellen?

Risikomodelle sind immer eine Annäherung an die Realität. Deshalb werden sie laufend weiterentwickelt. Entscheidend ist auch die Datenqualität. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Haus steht mit einem bestimmten Wert in den Büchern eines Erstversicherers. Diese Daten gibt er an uns weiter. Wenn der Hausherr in der Zwischenzeit Solaranlagen auf dem Dach angebracht hat, dann stellt sich im Nachhinein heraus, dass die versicherten Schäden nach einem Hagelschaden deutlich höher sind als ursprünglich angenommen. Solche Überraschungen möchte die Branche gerne vermeiden. Deshalb muss die Versicherungsindustrie nicht nur ihre Modelle laufend aktualisieren, sondern auch die Daten.

Welche Naturgefahren bereiten Swiss Re derzeit am meisten Sorgen: Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände oder etwas anderes?

Als Rückversicherer decken wir vor allem Grossrisiken ab, die ein einzelner Versicherer allein nicht tragen kann. Dazu zählen Hurrikane und Erdbeben, die hohe wirtschaftliche Schäden verursachen können. Deshalb beschäftigen wir uns stark mit diesen Grossrisiken. Auch sogenannte Sekundärgefahren wie Flut oder schwere Gewitterstürme modellieren wir. Entscheidend ist, ob sie dicht besiedelte Gebiete und hohe Vermögenswerte treffen.

Wo sehen Sie besondere Naturkatastrophenrisiken für Europa?

Überschwemmungen, schwere Gewitterstürme und Waldbrände sind Risiken, die in Europa zunehmen. Aber Europa sieht sich auch mit demografischen oder geopolitischen Risiken konfrontiert, nicht nur mit Naturkatastrophen.

Die Versicherungslücke, also Schäden, die nicht versichert sind, wird grösser. Wo führt das hin?

Global gesehen liegt die Versicherungslücke in Entwicklungsländern bei etwa 80 bis 90 Prozent. In Industrieländern sind es zwischen 40 bis 50 Prozent der wirtschaftlichen Schäden aus Naturkatastrophen, die nicht gedeckt sind. Zwischen den Ländern gibt es ebenfalls grosse Unterschiede. Die Schweiz hat eine kleine Lücke von etwa 25 Prozent, Deutschland kommt auf etwa 50 Prozent, Italien auf rund 75 Prozent. In China beträgt sie sogar 90 Prozent. Das hat auch mit kulturellen Unterschieden beim Thema Versicherungsschutz zu tun.

Das Erdbebenrisiko wird in der Schweiz unterschätzt.

Wenn Versicherungen zur Resilienz beitragen, ist eine grosse Versicherungslücke also das Gegenteil davon?

Versicherungen geben Risiken einen Preis. Das schafft Transparenz und Anreize, resilienter zu werden: ein Dach besser zu bauen, an einem anderen Ort zu bauen oder in Prävention wie Flutschutztore zu investieren. Unsere Forschung zeigt: Einen Franken in präventive Massnahmen im Infrastrukturbereich wie Deiche und Dämme gegen Flutkatastrophen zu investieren, erspart Kosten von bis zu 10 Franken für den Wiederaufbau.

Die Teuerung bei Haftpflichtschäden ist höher als die klassische Inflation. Warum?

Das ist vor allem ein Resultat rechtlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen, besonders in den USA, aber auch in anderen entwickelten Märkten. Dort treiben hohe Schadenersatzurteile von Geschworenengerichten die Kosten in die Höhe. Hinzu kommt, dass Verfahren oft von Hedgefonds oder anderen Anlagevehikeln finanziert werden. Wir schätzen, dass rund 60 Prozent des Anstiegs der US-Haftpflichtschäden in den letzten zehn Jahren darauf zurückgehen.

Die Schweiz kennt bei Elementarschäden wie Hochwasser, Hagel oder Erdrutschen eine Solidarhaftung. Dieses System hat sich bewährt. Warum haben viele andere Länder das nicht so organisiert?

Jedes Land muss das System finden, das für seine Bevölkerung funktioniert. Ein System lässt sich nicht einfach eins zu eins exportieren. Die Schweiz hat mit dem Schadenpool das geeignete System für sich gefunden.

In der Schweiz sind Erdbeben selten, aber im Schadenfall potenziell verheerend. Gleichzeitig ist nur ein kleiner Teil der Gebäude gegen Erdbebenschäden versichert. Der Bundesrat schlägt deshalb eine Lösung vor, bei der Gebäudeeigentümer im Ernstfall solidarisch zur Finanzierung beitragen müssten. Welche Haltung haben Sie dazu?

Das Erdbebenrisiko wird in der Schweiz unterschätzt. Deshalb finde ich es gut, dass die Frage öffentlich diskutiert wird. Unabhängig vom Ausgang der Vorlage beschäftigt sich die Bevölkerung damit. Das hilft, das Bewusstsein für Erbebenrisiken zu erhöhen.

Denken Sie, dass dadurch mehr private Eigentümer eine Erdbebenversicherung abschliessen?

Das würde mich nicht überraschen. Und das passt zu Ihrer ersten Frage: Ich möchte weniger für kleine Risiken versichert sein, die ich finanziell allein tragen kann. Ich möchte dort geschützt sein, wo die Risiken sehr gross und für mich finanziell nicht mehr allein zu bewältigen sind.

Swiss Re erwirtschaftet nur ein Prozent des Konzernumsatzes in der Schweiz. Weshalb führten Sie jüngst Ihren ersten Resilienz-Tag zum Thema Hitze in Rüschlikon durch?

Für uns ist der Umsatz im jeweiligen Land nicht entscheidend bei der Frage, ob wir so eine Initiative lancieren oder nicht. Unser Leitgedanke ist, die Welt resilienter zu machen. Aber Resilienz entsteht nicht einfach so. Wir sind überzeugt, dass ein gemeinsames Risikoverständnis eine zentrale Voraussetzung ist, um vorausschauend entscheiden und wirksam handeln zu können. Deshalb starten wir diesen breiten Dialog mit Vertretern aus Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Schweiz ist zwar auf Überschwemmungen und Stürme gut vorbereitet. Hitze ist jedoch eine andere Art von Risiko: Es ist weniger sichtbar, schwieriger versicherbar und zugleich in der Lage, Risiken zu verstärken, die das Land bislang gut beherrscht. Ziel war es, praktische Lösungsansätze und lokale Anpassungsmassnahmen im Umgang mit extremer Hitze zu diskutieren.

Zitiervorschlag: Interview mit Jérôme Jean Haegeli, Swiss Re (2026). «Der Klimawandel ist nicht der Treiber des Schadenwachstums». Die Volkswirtschaft, 13. Juli.

Jérôme Jean Haegeli

Jérôme Jean Haegeli ist Chefökonom des weltweit grössten Rückversicherers Swiss Re mit Sitz in Zürich. Der Konzern beschäftigt in der Schweiz rund 3000 Mitarbeitende. Haegeli leitet auch das Swiss Re Institute und ist zudem Chefredaktor von Sigma, einer der weltweit führenden Referenzpublikationen der Versicherungsbranche. Er führt ein globales Team von Ökonomen und Analysten in Europa, Nordamerika sowie Asien. Haegeli promovierte in Ökonomie an der Universität Basel, war Visiting Fellow an der Harvard University und erwarb einen Master of Science der London School of Economics.