Alain Marti, Vizedirektor, Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen (VKG), Bern
Die Schweiz verfügt über ein einzigartiges System der Gebäudeversicherungen. In 19 Kantonen übernehmen die Kantonalen Gebäudeversicherungen (KGV) den Schutz von Gebäuden gegen Feuer- und Elementarschäden. In den übrigen 7 Kantonen wird diese Aufgabe von privaten Versicherungsunternehmen wahrgenommen. Dieses historisch gewachsene Nebeneinander hat sich bewährt. Es ist Ausdruck des schweizerischen Föderalismus. Besonders die KGV zeigen dabei, wie ein gemeinwohlorientiertes Modell wirksam zur Sicherheit von Bevölkerung, Wirtschaft und Infrastruktur beitragen kann.
Die 19 Kantonalen Gebäudeversicherungen versichern über 80 Prozent aller Gebäudewerte in der Schweiz. Dies entspricht einem Versicherungsvolumen von circa 2800 Milliarden Franken. Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer profitieren von einem umfassenden Schutz gegen Feuer sowie gegen Naturgefahren wie Hochwasser, Überschwemmungen, Sturm, Hagel, Lawinen, Schneedruck, Felssturz, Steinschlag oder Erdrutsch.
Die Vorteile der KGV gehen weit über die reine Schadenvergütung hinaus. Ihr Erfolgsmodell basiert auf drei miteinander verknüpften Aufgaben: Prävention, Intervention und Versicherung. Diese drei Wirkungsfelder bilden ein starkes Schutzsystem für Gebäude: Die KGV sorgen dafür, dass Schäden möglichst verhindert, Ereignisse effizient bewältigt und verbleibende Risiken versichert sind.
Die 19 Kantonalen Gebäudeversicherungen versichern über 80 Prozent aller Gebäudewerte in der Schweiz.
Den Kantonalen Gebäudeversicherungen liegt das Solidaritätsprinzip zugrunde. Alle Eigentümerschaften in den Kantonen mit Kantonaler Gebäudeversicherung sind obligatorisch versichert und werden so Teil der umfassenden Solidargemeinschaft. Diese gewährleistet umfassenden Schutz zu tiefen Prämien. Die Versicherungsprämien orientieren sich zudem nicht primär an der individuellen Gefährdung eines einzelnen Gebäudes, sondern am Risiko innerhalb des jeweiligen Kantons. Dadurch bleibt der Versicherungsschutz auch in exponierten Lagen bezahlbar. Im Schadenfall gewährleistet dieses System eine rasche und verlässliche Entschädigung. Gleichzeitig arbeiten die KGV nicht gewinnorientiert. Überschüsse fliessen in die Stärkung der Reserven, in Präventionsmassnahmen wie beispielsweise Subventionen für Objektschutzmassnahmen, kostenlose Beratungen sowie Informationskampagnen oder kommen den Versicherten in Form von Prämiensenkungen zugute.
Die einzelnen KGV zeigen sich untereinander über die Interkantonale Risikogemeinschaft ebenfalls solidarisch. Die Interkantonale Risikogemeinschaft wurde 1996 von den KGV und ihrem gemeinsamen Rückversicherer, dem Interkantonalen Rückversicherungsverband, gegründet. Im Falle von Naturgefahrenereignissen mit hohen Schadensummen bei einzelnen KGV kommt die Interkantonale Risikogemeinschaft zum Tragen: Es kommt zu einer solidarischen Lastenverteilung unter den KGV und dem Interkantonalen Rückversicherungsverband. Gemeinsam meistern die KGV grosse Ereignisse ohne jegliche staatliche Garantie oder Kostenbeteiligung. Dies ist mit ein Grund, weshalb das KGV-System auch auf internationaler Ebene immer wieder als vorbildlich beschrieben wird.
Die Herausforderungen jedoch nehmen zu. Klimawandel, wachsende Siedlungsdichte und höhere Sachwerte führen dazu, dass Naturereignisse immer grössere und teurere Schäden verursachen können. Umso wichtiger sind präventive Massnahmen bei Planung, Bau und Unterhalt von Gebäuden. Denn der grösste Nutzen entsteht häufig dort, wo Schäden gar nicht erst eintreten. Die Kantonalen Gebäudeversicherungen investieren daher seit Jahrzehnten konsequent in die Schadenprävention. Diese umfasst sowohl den Schutz vor Naturgefahren wie auch vor Bränden.
Umso wichtiger sind präventive Massnahmen bei Planung, Bau und Unterhalt von Gebäuden.
Die KGV fördern naturgefahrengerechtes Bauen, unterstützen Forschung und Entwicklung sowie die Sensibilisierung von Eigentümerinnen und Eigentümern, Planenden und Behörden. Gemeinsam mit Partnern aus Verwaltung, Wissenschaft und Privatwirtschaft wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Instrumente entwickelt. Dazu gehören etwa die Informationsplattform «Schutz vor Naturgefahren» mit dem integrierten Naturgefahren-Check, das Hagelregister mit hagelgeprüften Bauteilen oder die Gefährdungskarte für Oberflächenabfluss, welche die Abflusswege von Wasser bei Starkregenereignissen aufzeigt.
Auch praxisnahe Lösungen zeigen Wirkung. So wurden technische Systeme entwickelt, die beispielsweise schadenanfällige Lamellenstoren bei drohendem Hagel automatisch hochfahren und dadurch Schäden vermeiden. Solche Innovationen leisten einen direkten Beitrag zur Schadenreduktion. Sie senken langfristig die volkswirtschaftlichen Kosten von Naturereignissen.
Eine weitere Stärke des Modells liegt in der engen Verbindung von Versicherung und Intervention. Die Kantonalen Gebäudeversicherungen engagieren sich direkt bei der Ausbildung, der Ausrüstung und der Finanzierung der Feuerwehren. Gut ausgebildete und ausgerüstete Einsatzkräfte schützen Menschenleben und begrenzen Sachschäden wirksam. Je schneller und professioneller ein Ereignis bewältigt wird, desto geringer fallen die Schäden aus. Davon profitieren nicht nur die Versicherten, sondern die Gesellschaft insgesamt.
Gerade angesichts zunehmender Naturgefahren zeigt sich: Versicherungsschutz allein genügt nicht. Entscheidend ist ein System, das Risiken erkennt, Schäden verhindert und im Ereignisfall rasch handelt. Die Kombination von Prävention, Intervention und Versicherung bildet deshalb einen wirkungsvollen Dreiklang. Die Kantonalen Gebäudeversicherungen leisten damit weit mehr als die Finanzierung der Wiederherstellung nach Schadenfällen. Sie tragen zur Sicherheit von Gebäuden und Eigentümerschaften sowie letztlich zur Resilienz der Gesellschaft und zur Stabilität des Wirtschaftsstandorts Schweiz bei – und bleiben damit auch künftig ein wichtiger Pfeiler des schweizerischen Risikomanagements im Umgang mit Naturgefahren.
Zitiervorschlag: Marti, Alain (2026). Kantonale Gebäudeversicherungen: Mehr als eine Versicherung. Die Volkswirtschaft, 14. Juli.