Hochwasserprävention soll Schäden begrenzen, bevor sie entstehen. Hochwasser im Juli 2025 in Giswil am Sarnersee OW. (Bild: Keystone)
Der Klimawandel ist eine grosse Herausforderung für den Hochwasserschutz. In der Schweiz treten Starkniederschläge immer häufiger und intensiver auf, was das Risiko von Hochwasser und Murgängen in vielen Regionen erhöht. Regelmässig treten Flüsse über die Ufer, beschädigen Strassen, überfluten Keller und gefährden Wohnhäuser. Die Hochwasser im August 2005 am Alpennordhang, im August 2007 im Einzugsgebiet der Aare und im Jura sowie zuletzt im Sommer 2024 in den Kantonen Wallis, Tessin und Graubünden forderten mehrere Todesopfer und verursachten Schäden in der Höhe von mehreren Hundert Millionen Franken. Diese Ereignisse zeigen, dass es nicht darum geht, ob es zu neuen Hochwassern kommt, sondern darum, wann sie eintreten werden und wie gut die Schweiz darauf vorbereitet ist.
Zudem bleibt der Druck auf die Raumplanung hoch, was die Herausforderungen zusätzlich verstärkt. Die Bevölkerung wächst und damit auch der Bedarf an Infrastruktur. Umso wichtiger wird es daher, Bauvorhaben umsichtig zu planen, nicht in Risikogebieten zu bauen und potenzielle Schäden zu vermeiden, bevor sie entstehen.
Bund, Kantone und Gemeinden sind zuständig
In der Schweiz ist nicht ein einzelner Akteur für den Hochwasserschutz verantwortlich. Bund, Kantone, Gemeinden und Privatpersonen teilen sich diese Aufgabe auf. Der Bund legt die allgemeinen Rahmenbedingungen fest, erarbeitet nationale Strategien und unterstützt die Massnahmen finanziell. Die Nationale Plattform Naturgefahren (Planat) – eine im Jahr 1997 vom Bundesrat eingesetzte ausserparlamentarische Kommission – entwickelt die Schweizer Strategie zum Umgang mit Risiken aus Naturgefahren. Die aktualisierte Strategie von 2018 hat zum Ziel, «eine risikokompetente Gesellschaft anzustreben, die bewusst und zukunftsgerichtet mit Risiken aus Naturgefahren umgeht».[1]
Gemäss dem Bundesgesetz über den Wasserbau sind die Kantone für die Umsetzung des Hochwasserschutzes zuständig. Die Verantwortung für Planung, Koordination und Durchführung der Projekte tragen sie gemeinsam mit den Gemeinden. Letztere sind näher am lokalen Geschehen und übernehmen häufig den Unterhalt der Schutzbauten sowie das lokale Risikomanagement. Diese Aufgabenteilung ermöglicht es, die regionalen Gegebenheiten zu berücksichtigen. So lässt sich der Hochwasserschutz an die jeweilige Region anpassen. Denn ein Alpental stellt andere Anforderungen als ein grosser Flusslauf oder ein dicht bebautes Stadtgebiet. Die Koordination zwischen den verschiedenen staatlichen Ebenen ist daher unabdingbar.
Auch Grundstückseigentümer und Anwohnerinnen spielen eine wichtige Rolle als erste Verteidigungslinie gegen Naturgefahren. Sie können Hochwasserrisiken verringern, indem sie einerseits ihre Gebäude schützen, etwa mit erhöhten Lichtschächten oder Rückstauklappen in Abwasserleitungen. Andererseits können sie sich im Ereignisfall richtig verhalten, indem sie bei Hochwassergefahr beispielsweise keine Keller betreten und sich von Fliessgewässern fernhalten.[2]
Ebenso wird die Finanzierung der Hochwasserschutzmassnahmen zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden aufgeteilt. Der Bundesanteil liegt je nach Projekt zwischen 35 und 65 Prozent. Die Anteile der Kantone und Gemeinden unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. Damit ein Projekt Bundesmittel erhält, muss es ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen: Jeder investierte Franken muss mehr als einen Franken an Hochwasserschäden einsparen.
Vom Dammbau zum integralen Risikomanagement
Bis in die 1980er-Jahre bestand Hochwasserschutz hauptsächlich aus technischen Bauwerken wie Dämmen oder Kanälen. Die grossen Hochwasserereignisse Ende der 1980er-Jahre und insbesondere das Hochwasser von 1987, das Schäden in Höhe von mehreren Milliarden Franken verursachte, zeigten jedoch: Um die meisten besiedelten Gebiete zu schützen, braucht es mehr als nur Bauwerke.
Die Schweiz setzt daher nun auf ein integrales Risikomanagement. In diesem Zusammenhang spielt die Raumplanung eine Schlüsselrolle: Sie ermöglicht es, hochwassergefährdete Gebiete zu identifizieren, um dort – soweit möglich – keine neuen Bauten zuzulassen. Die von den Kantonen oder Gemeinden erstellten Gefahrenkarten sind dabei ein zentrales Instrument. Sie zeigen Gebiete auf, die nicht nur von Hochwasser bedroht sind, sondern auch von anderen Naturgefahren wie Erdrutsch, Hangrutsch oder Lawinen. Ebenso zeigen sie die Intensität und die Häufigkeit dieser Ereignisse. Diese Informationen fliessen in raumplanerische Entscheidungen ein, etwa bei der Frage, wo gebaut werden darf.
Den Fliessgewässern wieder Raum geben
Die sogenannten naturbasierten Lösungen sind ebenfalls ein zentraler Bestandteil des integralen Hochwasserrisikomanagements. Anstatt Flüsse zu kanalisieren, sollte man ihnen mehr Raum geben. Ausdehnungsbereiche ermöglichen es dem Wasser, sich bei starken Hochwassern auszubreiten. Die Renaturierung bestimmter Flussabschnitte verlangsamt den Abfluss und fördert das Versickern des Wassers in den Boden.
Diese Massnahmen haben mehrere Vorteile: Sie verringern das Hochwasserrisiko, fördern die Artenvielfalt und verbessern die Landschaftsqualität. Langfristig kosten sie oft weniger als rein technische Baumassnahmen.
Vorbeugen, warnen und eingreifen
Der Hochwasserschutz beschränkt sich nicht nur auf Präventionsmassnahmen. Die Schweiz hat zudem ein leistungsfähiges System zur hydrologischen Überwachung, Vorhersage und Warnung bei drohenden Hochwassern. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) betreibt ein Netz von Messstationen an Schweizer Fliessgewässern, erstellt landesweite hydrologische Vorhersagen und warnt die kantonalen Behörden sowie die Bevölkerung bei Gefahr über das Naturgefahrenportal.
Ebenso erstellen Kantone und Gemeinden Einsatzpläne. Darin sind Massnahmen festgelegt, die bei Hochwasser ergriffen werden sollen – beispielsweise Personen evakuieren, Sachwerte schützen oder Rettungsdienste mobilisieren. Eine gute Vorbereitung trägt dazu bei, Schäden zu begrenzen und die Bevölkerung zu schützen.
Ein System, das sich laufend anpassen muss
Der Hochwasserschutz in der Schweiz basiert auf einem ganzheitlichen und kooperativen Ansatz. Das integrale Risikomanagement verbindet technische Bauwerke, eine umsichtige Raumplanung und eine gute Krisenvorsorge. Das föderale System berücksichtigt lokale Besonderheiten und stellt gleichzeitig eine nationale Koordination sicher.
Dieses System hat sich bewährt, ist jedoch nicht statisch. Der Klimawandel, die zunehmende Urbanisierung und ökologische Anforderungen erfordern eine ständige Anpassung. Innovation, Forschung und Erfahrungsaustausch sind unerlässlich, um den Hochwasserschutz zu verbessern. Somit bleibt der Hochwasserschutz ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess, der die gesamte Gesellschaft einbezieht.
Zitiervorschlag: Magnollay, Antoine (2026). Hochwasserschutz: Eine gemeinsame Verantwortung. Die Volkswirtschaft, 14. Juli.