Wandel in Kolumbien: Vom Entwicklungsland zum Wirtschaftspartner
Durch Kolumbiens Hauptstadt Bogotá führt seit 2018 eine Seilbahn, die als öffentliches Verkehrsmittel dient. (Bild: Keystone)
Die Transmicable verbindet seit 2018 die steilen Hangquartiere von Ciudad Bolívar mit dem öffentlichen Verkehrsnetz der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Gebaut hat sie das schweizerisch-österreichische Unternehmen Doppelmayr-Garaventa. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) unterstützte das Projekt mit einem Beratungsprogramm zu Umwelt- und Sozialstandards. Die Seilbahn ist ein Symbol für den wirtschaftlichen Aufstieg Kolumbiens.
Vom Bürgerkrieg zum OECD-Mitglied
Heute ist Kolumbien OECD-Mitglied und einer der wichtigsten Wirtschaftspartner der Schweiz in Lateinamerika. Doch das war nicht immer so: Über Jahrzehnte prägte ein bewaffneter Konflikt das Land. 2016 unterzeichneten die kolumbianische Regierung und die Farc-Guerilla ein Friedensabkommen – auch wenn der Konflikt in veränderter Form bis heute anhält, markiert dies einen Wendepunkt, der neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnete.
Über 15 Jahre ging es in der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz mit Kolumbien vor allem darum, ein Land zu unterstützen, das von den Folgen des Konflikts, schwachen Institutionen und regionalen Ungleichheiten geprägt war und in Teilen bis heute geprägt ist.
Was das Seco vor Ort unterstützt hat
Seit 2008 unterstützt die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit des Seco Kolumbien beim Aufbau des Privatsektors, öffentlicher Institutionen und nachhaltiger Infrastruktur. Die Zusammenarbeit ist institutionell breit verankert: Sie reicht von rund einem Dutzend Ministerien – darunter Handel und Industrie, Finanzen, Umwelt und Energie – bis zum Rechnungshof und zur Zentralbank. Die Resultate sind greifbar.
Sie zeigen sich etwa bei der Trinkwasserversorgung. Mit Schweizer Unterstützung haben kolumbianische Versorger freiwillige Standards für Gouvernanz und Effizienz eingeführt, die internationalen Massstäben entsprechen. Mit dem Echtzeit-Zahlungssystem Bre-B, einer Art kolumbianischem Twint, wurden Überweisungen schneller, günstiger und transparenter. Die Schweiz unterstützte die Zentralbank bei der Einführung des Systems. Davon profitieren Unternehmen und Investoren auf beiden Seiten.
Auch in der Industrie ist der Effekt sichtbar. Kolumbien hat mit Schweizer Unterstützung internationale Standards für nachhaltige Produktion eingeführt und seinen ersten zertifizierten Öko-Industriepark aufgebaut. Unternehmen arbeiten dort nach gemeinsamen Nachhaltigkeitsstandards, teilen Ressourcen und senken so Kosten und Umweltbelastung. Programme wie «Colombia más competitiva» halfen Unternehmen, internationale Nachhaltigkeitsstandards zu erfüllen und neue Exportmärkte zu erschliessen. Davon profitierten unter anderem Kakaoproduzentinnen und -produzenten, die ihre Produktqualität steigern und neue Absatzmärkte erschliessen konnten. Ebenso brachte das Programm «Swiss Better Gold» erstmals nachhaltig gefördertes kolumbianisches Gold aus dem Kleinbergbau in die Schweiz und trug so zur Formalisierung des Sektors bei.
Die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit des Seco ist ein Pfeiler der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz in Kolumbien. Neben dem Seco engagieren sich die Deza und die Abteilung Frieden und Menschenrechte (AFM) des EDA in den Bereichen Friedensförderung, Schutz der Zivilbevölkerung und humanitäre Hilfe.
Eine Partnerschaft, die Früchte trägt
Die Investitionen der Schweiz in die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen spiegeln sich auch in den Handelszahlen. Der Warenaustausch zwischen der Schweiz und Kolumbien wuchs von rund 1 Milliarde Franken im Jahr 2022 auf knapp 1,3 Milliarden im Jahr 2025 – ein Plus von gut einem Viertel. Besonders dynamisch entwickelten sich die Schweizer Importe aus Kolumbien. Sie sind im regionalen Vergleich breit diversifiziert. Anders als bei den meisten südamerikanischen Handelspartnern, wo Edelmetalle häufig dominieren, tragen bei Kolumbien land- und forstwirtschaftliche Produkte ebenso viel bei.
Auch bei den Investitionen zeigt sich ein positiver Trend: 2024 gehörte die Schweiz mit einem Bestand von rund 5,7 Milliarden Franken zu den fünf grössten ausländischen Investoren in Kolumbien. Schweizer Unternehmen haben ihre Direktinvestitionen zwischen 2020 und 2024 um rund 25 Prozent gesteigert und dadurch rund 14’000 Arbeitsplätze geschaffen. Besonders stark engagieren sich Schweizer Unternehmen in den Bereichen Pharma, Bergbau, Ernährung, Infrastruktur und Cleantech.
Die Rahmenbedingungen für eine Vertiefung der Wirtschaftsbeziehung zwischen der Schweiz und Kolumbien sind gut: Ein bilaterales Investitionsschutzabkommen ist seit 2009 in Kraft, das Freihandelsabkommen zwischen den Efta-Staaten und Kolumbien seit 2011. Beide Abkommen geben sowohl Schweizer wie auch kolumbianischen Unternehmen Rechtssicherheit.
Entwicklung verläuft in Phasen
Was ein Land wirtschaftlich voranbringt, ändert sich mit seinem Entwicklungsstand. In einer frühen, fragilen Phase entscheidet weniger das verfügbare Kapital über den Erfolg einer Entwicklungsstrategie als die Qualität der Institutionen: stabile Eigentumsrechte, durchsetzbare Verträge, eine funktionierende Verwaltung. Wo diese Grundlagen fehlen, bleiben Investitionen und Handel aus.
Erst wenn all dies gewährleistet ist, kann sich die Wirtschaftsstruktur transformieren. Dafür braucht es wettbewerbsfähige Branchen und den Anschluss an internationale Wertschöpfungsketten und Märkte. Dieser Schritt ist anspruchsvoll. Der Ökonom Dani Rodrik argumentiert, dass viele Schwellenländer – besonders in Lateinamerika – zu früh ihre industrielle Basis verlieren und zu schnell zu Dienstleistungsökonomien werden – noch bevor sie ein hohes Einkommensniveau erreicht haben.[1] Doch solange der wirtschaftliche Aufstieg nicht auf wettbewerbsfähigen Branchen und produktiven Arbeitsplätzen beruht, bleibt der Aufstieg fragil.
Diese Gefahr besteht auch in Kolumbien. Zwar hat das Land in den vergangenen fünfzehn Jahren viel erreicht: ein stabiles Wachstum, den OECD-Beitritt 2020 und eine gewachsene Mittelschicht. Doch der Wandel ist noch nicht abgeschlossen: Die industrielle Basis ist schmal, zwischen Stadt und Land gibt es Unterschiede, und in einzelnen Regionen hält der Konflikt mit bewaffneten Gruppen an.
Auch der Arbeitsmarkt bleibt verletzlich: Noch immer arbeiten rund 55 Prozent der Erwerbstätigen informell, also ohne Arbeitsvertrag oder soziale Absicherung. Doch der Fortschritt ist deutlich: Anfang der 2010er-Jahre waren es noch rund 70 Prozent. [2]
Ein bewusst gestalteter Übergang
Mit dem Aufstieg neuer Wirtschaftssektoren in Kolumbien verschiebt sich auch der Fokus der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen: Mit der Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2025–2028 hat die Schweiz entschieden, die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit in Kolumbien bis Ende 2028 schrittweise abzubauen und die Wirtschaftsbeziehungen stärker ins Zentrum zu rücken.
Das Ende der Entwicklungszusammenarbeit erfolgt bewusst graduell: In der Übergangsperiode werden laufende Projekte zu Ende geführt und deren Resultate nachhaltig und lokal verankert. Bestehende Netzwerke werden ausgebaut, und der Schweizer Privatsektor wird stärker eingebunden, um verbleibende Hindernisse für Handel und Investitionen abzubauen. Der Dialog mit Schweizer Unternehmen, die Zusammenarbeit mit der Schweizerisch-Kolumbianischen Handelskammer und Synergien im Rahmen der Export- und Investitionsförderung gewinnen an Gewicht. Die Schweiz bleibt zudem über multilaterale Institutionen wie die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) engagiert.
Jahre der Zusammenarbeit haben Vertrauen und lokales Wissen geschaffen; ein Fundament, auf dem Schweizer Unternehmen heute aufbauen können. Über diese wirtschaftliche Neuausrichtung hinaus bleibt die Schweiz in Kolumbien in der Friedensförderung und bis 2029 auch mit einer lokalen Präsenz der Humanitären Hilfe der Deza aktiv.
Der politische Rahmen verändert sich ebenfalls: Seit August 2026 steht Kolumbien unter einer neuen Regierung. Der konservative Abelardo de la Espriella hatte sich in der Präsidentschaftswahl knapp durchgesetzt und kündigte unter anderem eine wirtschafts- und investitionsfreundlichere Politik an. Inwiefern daraus zusätzliche Impulse für Wachstum, Investitionen und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen entstehen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Der Fall Kolumbien zeigt, wie sich Partnerschaften mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes verändern. Was als wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit begann, wird künftig von Handel und Investitionen weitergetragen. So bleibt der Weg nach oben zwar anspruchsvoll. Aber es geht hoffentlich weiter aufwärts – wie die Seilbahn über den Dächern von Bogotá.
Literaturverzeichnis
- Dane (2025). Boletín técnico: Gran Encuesta Integrada de Hogares (GEIH) – Empleo informal y seguridad social, Bogotá.
- OECD (2024). OECD Reviews of Labour Market and Social Policies: Colombia 2024, OECD Publishing, Paris.
- Rodrik, Dani (2016). Premature Deindustrialization. Journal of Economic Growth 21(1).
Bibliographie
- Dane (2025). Boletín técnico: Gran Encuesta Integrada de Hogares (GEIH) – Empleo informal y seguridad social, Bogotá.
- OECD (2024). OECD Reviews of Labour Market and Social Policies: Colombia 2024, OECD Publishing, Paris.
- Rodrik, Dani (2016). Premature Deindustrialization. Journal of Economic Growth 21(1).
Zitiervorschlag: Anselmo, Diana; Bietenhader, Martina (2026). Wandel in Kolumbien: Vom Entwicklungsland zum Wirtschaftspartner. Die Volkswirtschaft, 18. August.