Innovationsförderung in der Schweiz: Ein Paradigmenwechsel?
Bislang ist die Schweiz bei themenbezogener Innovationsförderung, etwa im Bereich Weltraumtechnologien, zurückhaltend. (Bild: Keystone)
In einer Welt, die wie zu Zeiten des Kalten Kriegs von einem technologischen Wettrüsten geprägt ist, wird die staatliche Förderung von Innovation immer wichtiger. Die USA und China versuchen die Vorherrschaft in Bereichen wie künstliche Intelligenz, Quantenwissenschaften oder Weltraumtechnologien zu sichern respektive zu erlangen. Die Europäische Union propagierte noch vor wenigen Jahren ihren Innovationsansatz «Open to the World», der für internationale Offenheit und Zusammenarbeit stand. Kürzlich ergänzte sie ihn mit Konzepten wie strategischer Autonomie und Wissenssicherheit (Knowledge Security). In seinem Bericht zur zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit der EU fordert der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi eine Verdoppelung des Budgets des nächsten Forschungsrahmenprogramms der EU in den Jahren 2028–2034.[1]
Vor diesem Hintergrund kommt der Frage nach der öffentlichen Innovationsförderung in der Schweiz eine wichtige Rolle zu.[2] Im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation hat der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) das Portfolio der Innovationsagentur Innosuisse begutachtet (siehe Kasten). Im Zentrum standen die Fragen, wie die einzelnen Förderinstrumente von Innosuisse sich in die schweizerische Innovationslandschaft einfügen, wo sie sich sinnvoll ergänzen, wo sie sich überschneiden und wo Lücken bestehen. Der SWR hat dabei sowohl die Grundprinzipien der Schweizer Innovationspolitik berücksichtigt als auch aktuelle Herausforderungen in den Blick genommen. Dazu gehören der Zugang zu den europäischen Forschungsrahmenprogrammen, Sparmassnahmen im Bundeshaushalt, die Unterstützung militärischer Technologien sowie der Rückgang des Anteils innovativer Unternehmen.
Subsidiarität und Autonomie
Innovationsförderung in der Schweiz basiert traditionell auf den Prinzipien Subsidiarität und Autonomie. Subsidiarität bedeutet, dass der Staat Innovation nur dort unterstützt, wo private Akteure sie nicht ausreichend selbst finanzieren können. Autonomie heisst, dass Unternehmen und Hochschulen weitgehend selbst entscheiden, woran sie forschen. Zwar gab es in der Vergangenheit Beispiele einer staatlich gelenkten Technologiepolitik: Man denke an die (erfolglose) Entwicklung eines Atomreaktors in Lucens VD Ende der 1960er-Jahre oder die (erfolgreiche) Etablierung des Zentrums für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) während der Uhrenkrise der 1980er-Jahre. Die schweizerische Innovationsförderung ist jedoch stark vom Paradigma der Bottom-up-Finanzierung geprägt.[3] Das zeigt sich auch daran, dass die Schweiz im Gegensatz zu Deutschland, den Niederlanden oder Österreich bisher keine umfassende Innovationsstrategie vorgelegt hat. Ein Grund dafür ist das hiesige Konkordanzsystem, das auf Kompromisse ausgerichtet ist. Im Gegensatz zu ausländischen Regierungen muss sich der Bundesrat deshalb nach Neuwahlen nicht mit weitreichenden politischen Programmen profilieren.
Eine weitere Besonderheit der schweizerischen Innovationsförderung ist das Paradigma, keine Direktzahlungen an Firmen zu leisten. Die Projektförderung von Innosuisse basiert denn auch auf der Finanzierung von Hochschulen, die gemeinsam mit Unternehmen innovative Lösungen entwickeln. Die Unternehmen müssen in solchen Kooperationsprojekten neben der Eigenleistung wie der Bereitstellung von Personal auch einen Cashbeitrag im Umfang von 5 Prozent leisten. Eine Untersuchung der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich zeigt, dass solche Projekte grundsätzlich erfolgreich sind.[4] Aufgrund der abnehmenden Innovationskraft der Unternehmen und des schwierigen ökonomischen Umfelds empfiehlt der SWR in seiner Analyse jedoch, dass der Zugang von Firmen zu Innosuisse-Projekten vereinfacht werden sollte.[5]
Paradigmen haben sich relativiert
In den vergangenen Jahren wurden die Paradigmen der Bottom-up-Förderung wie auch des Verzichts auf Direktförderungen von Firmen aufgeweicht – in der Realität haben beide ohnehin nie absolut gegolten. So kann Innosuisse seit 2023 Innovationsvorhaben von Start-ups finanziell unterstützen, sofern diese sich noch nicht im Markt etabliert haben.
Der Ausschluss der Schweiz von wichtigen Teilen des europäischen Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe in den Jahren 2021–2024 führte zudem dazu, dass der Bundesrat Innosuisse mit der Implementierung eines neuen Förderprogramms, des sogenannten Swiss Accelerator, beauftragte – als Ersatz für den EIC Accelerator des Europäischen Innovationsrats, zu dem Schweizer Firmen keinen Zugang mehr hatten. Mit dem Swiss Accelerator konnte Innosuisse erstmals – wenn auch befristet – Projekte hochinnovativer Firmen in der Schweiz direkt fördern. Als Reaktion auf den Ausschluss von Horizon Europe schuf der Bund zudem ein Förderprogramm für Quantentechnologien. Dadurch wurde die thematisch orientierte Innovationsförderung gestärkt. Seit 2025 ist die Schweiz wieder an Horizon Europe assoziiert, aber ob dies auch in der nächsten Programmperiode 2028–2034 wieder der Fall ist, bleibt ungewiss.
Aufgrund der unsicheren geopolitischen Lage hat die Förderung neuer militärischer Entwicklungen international an Bedeutung gewonnen. In der Vergangenheit spielte diese Thematik für Innosuisse kaum eine Rolle. Vor Kurzem lancierte die Innovationsagentur nun aber gemeinsam mit dem Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) eine Projektausschreibung im Bereich Dual-Use-Technologien. Die Vor- und Nachteile einer solchen strategischen Neuorientierung sollten aus Sicht des SWR sorgfältig abgewägt werden. Zu den Chancen einer stärkeren Ausrichtung von Innosuisse auf Dual-Use und militärische Technologien könnten eine engere Zusammenarbeit mit der Ressortforschung und Spillover-Effekte für zivile Anwendungen gehören. Zu den möglichen Risiken zählen ethische Bedenken sowie eine geringere Unterstützung für zivile Innovationen.
Bewährtes erhalten – Mut zu Neuem
Schliesslich stellt sich für die Zukunft der schweizerischen Innovationsförderung die Finanzierungsfrage. Die Fördergesuche an Innosuisse haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Da das verfügbare Budget nicht gleich stark gewachsen ist, sind die Erfolgsquoten der Anträge für Innovationsprojekte zurückgegangen.[6] Erschwerend hinzu kam das vom Bundesrat initiierte Entlastungspaket 27, das die Innovationsagentur zu Kürzung im Umfang von rund 50 Millionen Franken bis 2029 verpflichtet. Auch andere für die Innovationsförderung relevante Akteure wie der Schweizerische Nationalfonds oder die Ressortforschung des Bundes sind von finanziellen Einsparungen betroffen.[7]
Die öffentliche Innovationsförderung der Schweiz befindet sich somit in einem hochdynamischen Prozess. Der SWR kommt in seiner Analyse zum Schluss, dass Innosuisse mit seinem Portfolio grundsätzlich gut aufgestellt ist. Dies trifft auch für das schweizerische Innovationssystem insgesamt zu, wie verschiedene Rankings zeigen, etwa das European Innovation Scoreboard.[8] Damit dies so bleibt, braucht es neben einer ausreichenden Finanzierung der relevanten Akteure ein gutes Gleichgewicht zwischen dem Rückgriff auf etablierte Prinzipien und dem Mut, Paradigmen bei Bedarf infrage zu stellen.
- Siehe European Commission (2025). []
- Wobei nicht zu vergessen ist, dass rund zwei Drittel der Mittel für Forschung und Entwicklung aus dem Privatsektor stammen. []
- Selbst in der Ressortforschung des Bundes erfolgen Ausschreibungen innerhalb einer breiten Thematik oft bottom-up. Eine Ausnahme ist hier das Energieprogramm Sweet. Siehe SWR (2026). []
- Siehe Hulfeld et al. (2024). []
- Siehe SWR (2026), Barjak et al. (2026) und Rieder et al. (2026). []
- Siehe SWR (2026) und Innosuisse (2026). []
- Siehe EFD (2026). []
- Siehe European Commission (2026) und WIPO (2025). []
Literaturverzeichnis
- Barjak, F. et al. (2026). New Innovation Models in Switzerland. Report on Behalf of the Swiss Secretariat for Education, Research and Innovation (SERI).
- Eidgenössisches Finanzdepartement EFD. Entlastungspaket 27 (EP27). Liste der Massnahmen.
- European Commission (2025). European Political Strategy Centre, The Future of European Competitiveness. Part A, A Competitiveness Strategy for Europe.
- European Commission. (2026). European Innovation Scoreboard 2026.
- Hulfeld, F., Spescha, A., und Wörter, M. (2024). Funding R&D Cooperation Between Firms and Universities – The Effectiveness of the Innosuisse Model.
- Innosuisse (2026). Geschäftsbericht 2025.
- Rieder, S. et al. (2026). Qualitative Studie zur Wahrnehmung der Innovationsprojekte von Innosuisse durch KMU. Bericht zuhanden von Innosuisse, Interface Politikstudien Forschung Beratung.
- Schweizerischer Wissenschaftsrat – SWR (2026). Evaluation of the Innosuisse Portfolio.
- World Intellectual Property Organization – WIPO (2024). Global Innovation Index 2025: Innovation at a Crossroads.
Bibliographie
- Barjak, F. et al. (2026). New Innovation Models in Switzerland. Report on Behalf of the Swiss Secretariat for Education, Research and Innovation (SERI).
- Eidgenössisches Finanzdepartement EFD. Entlastungspaket 27 (EP27). Liste der Massnahmen.
- European Commission (2025). European Political Strategy Centre, The Future of European Competitiveness. Part A, A Competitiveness Strategy for Europe.
- European Commission. (2026). European Innovation Scoreboard 2026.
- Hulfeld, F., Spescha, A., und Wörter, M. (2024). Funding R&D Cooperation Between Firms and Universities – The Effectiveness of the Innosuisse Model.
- Innosuisse (2026). Geschäftsbericht 2025.
- Rieder, S. et al. (2026). Qualitative Studie zur Wahrnehmung der Innovationsprojekte von Innosuisse durch KMU. Bericht zuhanden von Innosuisse, Interface Politikstudien Forschung Beratung.
- Schweizerischer Wissenschaftsrat – SWR (2026). Evaluation of the Innosuisse Portfolio.
- World Intellectual Property Organization – WIPO (2024). Global Innovation Index 2025: Innovation at a Crossroads.
Zitiervorschlag: Graf, Joël; Zollinger, Lukas (2026). Innovationsförderung in der Schweiz: Ein Paradigmenwechsel? Die Volkswirtschaft, 29. September.
Innosuisse ist die Innovationsagentur des Bundes. Sie fördert wissenschaftsbasierte Innovationen, die neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren hervorbringen sollen. Damit will sie die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Unternehmen stärken und zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklung beitragen.
Die Förderangebote richten sich an Unternehmen, Start-ups, Forschungsinstitutionen und weitere Organisationen. Innosuisse unterstützt Innovationsprojekte in der Schweiz und im Ausland. Daneben bietet sie Start-ups Coachings und Trainings an und hilft Unternehmen, Forschungspartner zu finden und sich national und international zu vernetzen. Für Start-ups vor dem Markteintritt gibt es zudem die Möglichkeit, Innovationsprojekte direkt fördern zu lassen.