Rianne Roshier, Leiterin der Plattform Agenda 2030, Bern
Der vierte Länderbericht der Schweiz zur Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung fällt ernüchternd aus: Bei zahlreichen ökologischen und sozialen UNO-Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) liegt die Schweiz deutlich zurück. Schlimmer noch: Der Bundesrat scheint die 2015 eingegangenen Verpflichtungen nur noch als Option und nicht mehr als strategische Priorität zu betrachten.
Angesichts dieser Bilanz hat die Plattform Agenda 2030, ein Netzwerk von mehr als 50 zivilgesellschaftlichen Schweizer Organisationen, Empfehlungen formuliert, um die Umsetzung der SDGs zu beschleunigen. Die erste Empfehlung besteht darin, die Bedeutung der Agenda 2030 als gemeinsame und verpflichtende Vision für politisches Handeln zu bekräftigen: Die SDGs müssen zum Referenzrahmen für Strategien und politische Massnahmen werden. Dazu muss das interdepartementale Direktionskomitee, das für die Umsetzung der Agenda 2030 in der Bundesverwaltung zuständig ist, die Massnahmen der verschiedenen Departemente besser koordinieren.
Mut zu echter Nachhaltigkeit heisst: unser Verständnis von Wohlstand, Wirtschaft und Gemeinwohl zu überdenken.
Die Plattform Agenda 2030 erwartet vom Bundesrat mehr Mut. Die Schweiz soll 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für die internationale Zusammenarbeit aufwenden – etwa für Entwicklungshilfe, Friedensförderung und die Stärkung von Demokratie und Menschenrechten. Zudem braucht die Schweiz eine ehrgeizige Strategie, um Armut zu bekämpfen und Ungleichheiten zu verringern. Umweltschädliche Subventionen müssen abgeschafft und ein ebenso ambitionierter wie verbindlicher Klimaschutzplan verabschiedet werden, damit eine nachhaltige Zukunft für alle gesichert ist.
Für eine gerechte und tragfähige Transformation ist es wichtig, den Vorrang des Wirtschaftswachstums zu hinterfragen und Alternativen zum Bruttoinlandprodukt (BIP) zu entwickeln. Der fundamentale Widerspruch zwischen sozialen Zielen, einer Wirtschaft, die nach unbegrenztem Wachstum strebt, und begrenzten natürlichen Ressourcen wird immer deutlicher. Das zeigt auch die Armutsquote, die in der Schweiz seit Jahren bei rund 8 Prozent liegt: Wachstum allein reicht nicht zum Abbau sozialer Ungleichheit.
Das BIP darf nicht länger als einziger Wohlstandsindikator gelten. Wir rufen die Schweiz auf, der UNO-Initiative «Beyond GDP» beizutreten, um aussagekräftigere Indikatoren zu entwickeln. Dabei muss unbedingt das Modell der Donut-Ökonomie berücksichtigt werden. Dieses Modell misst die Leistung einer Volkswirtschaft daran, ob sie die menschlichen Bedürfnisse erfüllt, ohne die ökologischen Grenzen der Erde zu überschreiten.
Mut zu echter Nachhaltigkeit heisst: unser Verständnis von Wohlstand, Wirtschaft und Gemeinwohl zu überdenken. Die Zivilgesellschaft ist bereit dazu und erwartet dasselbe von der Politik.
Zitiervorschlag: Roshier, Rianne (2026). Mut zu echter Nachhaltigkeit. Die Volkswirtschaft, 08. September.