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Bildung senkt das Armutsrisiko

95 Prozent der Jugendlichen sollen über einen Lehrabschluss oder eine Maturität verfügen. Denn ein nachobligatorischer Abschluss verbessert unter anderem die Arbeitsmarktchancen von jungen Menschen. Doch das Ziel bleibt unerreicht.
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Schlüsselelement Berufsbildung: Sie verbindet schulisches Lernen mit betrieblicher Praxis und erleichtert somit den Übergang in die Berufswelt. (Bild: Keystone)

20 Jahre ist es her. Damals haben sich Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt auf ein bildungspolitisches Ziel geeinigt: 95 Prozent der 25-Jährigen sollen über einen Abschluss auf Sekundarstufe II verfügen. Das heisst: einen Lehrabschluss, eine Berufsmaturität oder eine Maturität einer allgemeinbildenden Fachmittelschule oder eines Gymnasiums. Nur: Das Ziel wurde bisher nie erreicht. Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) verfügten im Jahr 2023 gut 90 Prozent der 25-Jährigen über einen entsprechenden Abschluss. Die Quote ist gegenüber früheren Erhebungen jedoch leicht rückläufig. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und der tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt gewinnt das 95-Prozent-Ziel neue Aktualität.

Nachobligatorische Ausbildung fördert Arbeitsmarktchancen

Im Kern sollen mittels Ausbildung auf Sekundarstufe II möglichst viele junge Menschen die Voraussetzungen erwerben, die ihnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt und den langfristigen Verbleib in der Erwerbstätigkeit ermöglichen. Ein Abschluss auf Sekundarstufe II stellt dafür nach wie vor die wichtigste Eintrittskarte dar. Er eröffnet den Zugang zu qualifizierter Erwerbsarbeit, schafft die Grundlage für weiterführende Aus- und Weiterbildungen und stärkt die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen. Damit erhöht ein Abschluss auf Sekundarstufe II nicht nur die individuellen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sondern reduziert das Risiko von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung. Deutlich zeigt sich dies an der Erwerbslosenquote: Diese liegt bei Personen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II unter 5 Prozent und damit lediglich 1 Prozent höher als bei Personen mit einem Tertiärabschluss. Bei Personen ohne nachobligatorischen Abschluss liegt die Erwerbslosenquote hingegen bei über 8 Prozent (siehe Abbildung 1).

Abb. 1: Erwerbslosenquote von Personen mit obligatorischem Schulabschluss ist deutlich höher

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Anmerkung: Erwerbslosenquote nach ILO (25- bis 64-Jährige); es werden nur die 25- bis 64-Jährigen dargestellt, da jüngere Personen ihre Ausbildung häufig noch nicht abgeschlossen haben und die über 64-Jährigen meistens nicht mehr erwerbstätig sind.
Quelle: BFS | Grafik: Die Volkswirtschaft

Die Bedeutung eines Abschlusses auf Sekundarstufe II für die Arbeitsmarktfähigkeit geht auch aus den Daten des Armutsmonitorings der Schweiz hervor, das vom Bund unter Einbezug von Fachleuten aus Verwaltung, Wissenschaft und Praxis erarbeitet wurde. Die Armutsquote nach Bildungsniveau zeigt grosse Unterschiede auf. Bei Personen ohne nachobligatorischen Abschluss liegt sie bei rund 11 Prozent (siehe Abbildung 2). Personen mit einem solchen Abschluss sind deutlich weniger stark von Armut betroffen (7,9%), während ein Tertiärabschluss am besten vor Armut schützt (4,6%).

Abb. 2: Nachobligatorische Abschlüsse schützen besser vor Armut

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Anmerkung: Die Abbildung zeigt die Einkommensarmut ohne Berücksichtigung allfälliger Vermögensbestände. Armutsgrenze gemäss Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (soziales Existenzminimum). Die stärkeren jährlichen Schwankungen bei der Armutsquote bei Personen ohne nachobligatorische Ausbildung sind zumindest teilweise mit den tieferen Fallzahlen sowie der Heterogenität dieser Gruppe zu erklären.
Quelle: BFS, Silc 2014–2024 | Grafik: Die Volkswirtschaft

Fokus auf dem Übergang von der Volksschule in die Sekundarstufe II

Das Ziel zu erreichen, stellt aus mehreren Gründen eine Herausforderung dar. Ein zentraler Grund ist, dass der Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II (sogenannte erste Transition) für gewisse Gruppen mit ähnlichen individuellen Merkmalen eine hohe Hürde darstellt. Schulische Leistungen, soziale Herkunft, Sprachkenntnisse, familiäre Unterstützung sowie institutionelle Rahmenbedingungen beeinflussen die Bildungslaufbahn von Kindern und Jugendlichen langfristig. Der Bildungsbericht Schweiz 2026 zeigt auf, dass die Risiken für einen späteren Bildungsabbruch oftmals früh erkennbar sind.

Somit rückt der systemische Blick auf die erste Transition in den Vordergrund. Nicht individuelle Defizite einzelner Jugendlicher stehen im Zentrum, sondern die Frage, wie Bildungs- und Unterstützungsmassnahmen so gestaltet werden, dass möglichst viele junge Menschen ihr Potenzial entfalten können, eine Ausbildung finden, die ihren Kompetenzen und Interessen entspricht, und letztlich einen Abschluss erreichen. Der Weg zu einem erfolgreichen Abschluss gestaltet sich als ein Zusammenspiel von individuellen Voraussetzungen, Bildungsangeboten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Die Berufsbildung spielt eine Schlüsselrolle

Die Berufsbildung nimmt für die Erreichung des 95-Prozent-Ziels eine Schlüsselrolle ein. Sie verbindet schulisches Lernen mit betrieblicher Praxis und erleichtert somit den Übergang in die Berufswelt. Gerade für Jugendliche mit belasteten Lernvoraussetzungen, komplexen Bildungsbiografien oder für spät Zugewanderte eröffnet die duale Berufsbildung wichtige Integrations- und Entwicklungschancen. Die Verbindung des theoretischen Wissens mit praktischer Anwendung fördert individuelle Stärken und eröffnet früh berufliche Perspektiven. Die Berufsbildung trägt so nicht nur zur Qualifizierung von künftigen Fachkräften bei, sondern leistet auch einen grossen Beitrag zur sozialen Integration und nicht zuletzt auch zur Chancengerechtigkeit.

Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Berufsbildung ihre Attraktivität auch für leistungsstarke Jugendliche weiterhin erhält und dieses laufend stärkt. Indem ein immer grösserer Anteil der Jugendlichen eine allgemeinbildende Schule einer Berufslehre vorzieht, besteht die Gefahr, dass leistungsstarke Jugendliche der Berufsbildung verloren gehen. Damit könnte sich die Zusammensetzung der Lernenden ungünstig verändern.

Studien zeigen, dass Kantone mit einem hohen Anteil an Jugendlichen in der Berufsbildung allgemein höhere Abschlussquoten auf Sekundarstufe II erreichen. Ein starkes und attraktives Berufsbildungssystem eröffnet nicht nur einzelnen Jugendlichen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten, sondern wirkt sich positiv auf die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und die Resilienz der Sozialwerke aus. Umso wichtiger ist es, dass sich alle Akteure der Berufsbildung für ihre hohe Qualität einsetzen und diese auch sichtbar machen. Gleichzeitig müssen Karrierewege in der Berufsbildung aufgezeigt und auch begleitet werden.

Zitiervorschlag: Sokol, Klára (2026). Bildung senkt das Armutsrisiko. Die Volkswirtschaft, 06. Oktober.