Suche

Abo

Die Schweiz hat eine der höchsten Erwerbsquoten in Europa

84 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter arbeiten oder suchen eine Stelle. Dass es heute so viele sind, liegt vor allem an der höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen. Doch es gibt noch andere Gründe.
Schriftgrösse
100%

Die Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen ist seit den 1990er-Jahren stark gestiegen. (Bild: Keystone)

Die Arbeitsmarktbeteiligung ist in der Schweiz im europäischen Vergleich hoch. 2025 lag die sogenannte Nettoerwerbsquote hierzulande bei 84 Prozent, während sie in den EU-Ländern durchschnittlich 76 Prozent betrug. Nur die Niederlande haben mit 86 Prozent eine noch höhere Quote. Am tiefsten ist sie in Italien mit lediglich 67 Prozent.[1] Gleichzeitig zeigt das Armutsmonitoring der Schweiz: Erwerbstätige sind nur rund ein Viertel so oft arm wie Nichterwerbstätige.[2]

Die Erwerbsquote stieg dank den Frauen

Die Nettoerwerbsquote zeigt das Verhältnis der Erwerbstätigen und Erwerbslosen zur Wohnbevölkerung in der Altersgruppe der 15­‑ bis 64-Jährigen. Mitgezählt werden also auch die Erwerbslosen, die aktiv nach Arbeit suchen.

Seit Beginn der 1990er-Jahre ist die Erwerbsquote in der Schweiz und in vielen EU-Ländern deutlich gestiegen. Diese Entwicklung ist hauptsächlich auf die stark gestiegene Arbeitsmarktpartizipation der Frauen zurückzuführen (siehe Abbildung 1). Im Jahr 1991 waren 68 Prozent erwerbstätig oder auf Stellensuche; im Jahr 2025 waren es circa 81 Prozent.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Erstens nahm der Anteil der Frauen mit Hochschulabschluss stark zu. Diese Bildungsexpansion ging mit höheren Löhnen einher und damit auch mit höheren Opportunitätskosten der Nichterwerbstätigkeit.

Zweitens dürfte auch der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungswirtschaft dazu beigetragen haben, weil Frauen häufiger dienstleistungsorientierte Berufe wählen – zum Beispiel im Gesundheits- oder Sozialwesen. Drittens spielte auch die staatliche Förderung von externer Kinderbetreuung eine wichtige Rolle. Sie erleichtert es insbesondere Müttern mit kleinen Kindern, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder weiterzuführen. Viertens haben sich gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlechterrollen und Familie verändert.

Männer: Erwerbsquote nach Rückgang stabil

Bei den Männern verlief die Entwicklung anders. Ihre Erwerbsquote sank in der Schweiz von rund 91 Prozent im Jahr 1991 auf gut 87 Prozent im Jahr 2005. Seither blieb sie weitgehend stabil. Ein Grund ist die längere Ausbildungszeit, weil der Anteil der jungen Erwachsenen, die an Hochschulen studieren, stark zunahm. Weitere Gründe sind mehr Frühpensionierungen oder Arbeitsmarktaustritte infolge von Invalidität oder Aussteuerungen. Beides dürfte zumindest teilweise mit der Rezession während der 1990er-Jahre zusammenhängen.

In der EU sank die Erwerbsquote der Männer bis etwa 2003 ebenfalls leicht, stieg aber seither wieder an (siehe Abbildung 1). In Deutschland ist der deutliche Anstieg ab 2003 unter anderem auf eine Reihe von Arbeitsmarktreformen (Hartz-Reformen) zurückzuführen.

Abb. 1: Frauen treiben die Erwerbsquote nach oben

INTERAKTIVE GRAFIK
Männer
Frauen
Schweiz
Deutschland
Frankreich
Italien
EU27
Anmerkungen: Nettoerwerbsquote, 15‑ bis 64-Jährige.
Quelle: OECD | Grafik: Die Volkswirtschaft

Welche Rolle spielt die Teilzeitarbeit?

Doch weshalb ist die Erwerbsquote in der Schweiz höher als in den meisten anderen europäischen Ländern? Ein naheliegender Grund ist die weitverbreitete Teilzeitarbeit. Sie erleichtert die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung und ermöglicht es häufiger, dass beide Elternteile erwerbstätig sind. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist Teilzeitarbeit hierzulande wesentlich stärker verbreitet als in den meisten europäischen Ländern (siehe Abbildung 2). Mögliche Gründe sind die vergleichsweise hohen Kinderbetreuungskosten, steuerliche Anreize wie etwa hohe Grenzsteuersätze bei Zweitverdienerinnen sowie das hohe Lohnniveau.

Abb. 2: In der Schweiz arbeiten besonders viele Teilzeit (2025)

INTERAKTIVE GRAFIK
Anmerkungen: Teilzeitquote im Jahr 2025 bezogen auf die 15‑ bis 64-jährigen Erwerbstätigen.
Quelle: Eurostat | Grafik: Die Volkswirtschaft

Tiefe Steuern, starke Berufsbildung, wenig Frühpensionierungen

Neben der Teilzeitarbeit dürften auch weitere Faktoren eine hohe Arbeitsmarktbeteiligung in der Schweiz begünstigen. Erstens ist – gemäss der OECD – die Steuer- und Abgabenlast auf den Erwerbseinkommen in der Schweiz im internationalen Vergleich eher tief. Das macht Erwerbsarbeit finanziell attraktiv.[3] Bei verheirateten Zweitverdienenden kann die gemeinsame Besteuerung allerdings gegenteilige Anreize setzen. Die 2026 angenommene Individualbesteuerung soll diese steuerlichen Hürden reduzieren. Sie tritt voraussichtlich 2032 in Kraft.

Zweitens gibt es in der Schweiz keine flächendeckenden gesetzlichen Mindestlöhne. Dies erlaubt es den Unternehmen, auch Personen mit geringer Produktivität einzustellen. Drittens führt die stark verankerte Berufsbildung dazu, dass viele Jugendliche mit einer Berufslehre sehr früh in den Arbeitsmarkt eintreten. Da Lernende als Erwerbstätige gelten, ist die Erwerbsquote bei den 15‑ bis 24-Jährigen in der Schweiz besonders hoch.[4]

Viertens ist auch die Arbeitsmarktbeteiligung der älteren Personen überdurchschnittlich hoch. In der Schweiz verlassen ältere Männer den Arbeitsmarkt durchschnittlich ein halbes Jahr später als in der EU.[5] Bei den Frauen beträgt der Unterschied sogar 1,7 Jahre.

Und letztlich trägt auch die arbeitsmarktgetriebene Zuwanderung zur hohen Erwerbsquote bei. Die Zuwanderung – vor allem aus der EU – ist stark von der Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften geprägt. Entsprechend kommen viele Erwerbstätige in die Schweiz, was die Quote erhöht.

Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik fördern Erwerbsbeteiligung

Der Schweizer Arbeitsmarkt zeichnet sich zudem durch mehrere institutionelle Besonderheiten aus: so etwa durch eine solide Nachfrage nach Arbeitskräften und einen vergleichsweise wenig ausgeprägten Kündigungsschutz, aktive Wiedereingliederungsmassnahmen bei Arbeitslosigkeit sowie Kurzarbeit, die in konjunkturellen Abschwüngen Arbeitsplätze erhalten kann.

Alle diese Rahmenbedingungen tragen zu einer tiefen Arbeitslosigkeit bei, was wiederum das Risiko vermindert, dass Erwerbslose ganz aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Zudem zielt die Invalidenversicherung als «Eingliederungsversicherung» darauf ab, Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen möglichst lange im Arbeitsmarkt zu halten.

Die hohe Erwerbsquote in der Schweiz bedeutet allerdings nicht, dass hierzulande auch mehr gearbeitet wird. Denn mit geschätzt rund 1385 Arbeitsstunden pro Kopf der 20- bis 64-Jährigen liegt die Schweiz nur leicht über dem EU-Durchschnitt von rund 1300 Stunden.[6] Die Arbeit verteilt sich hierzulande also einfach auf mehr Köpfe.

  1. Quelle: OECD. []
  2. Die Erwerbstätigkeit bzw. Nichterwerbstätigkeit im Armutsmonitoring bezieht sich auf die Anzahl der Monate in einer selbstständigen oder unselbstständigen Erwerbstätigkeit im Vorjahr. []
  3. Quelle: OECD (2026). Taxing Wages 2026 – Switzerland (Country Note). []
  4. Die Erwerbsquote der 15‑ bis 24-Jährigen in der Schweiz betrug rund 66 Prozent, in der EU im Schnitt 41 Prozent (2025). Quelle: OECD. []
  5. Quelle: OECD (2025). Pensions at a Glance 2025. []
  6. Die Schätzung basiert auf Angaben zu den wöchentlichen Arbeitsstunden im Haupt- und im Zweitjob, der Abwesenheitsrate und der Erwerbstätigenquote. Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen. []

Zitiervorschlag: Kaiser, Boris; Liechti, David; Gebhardt, Lukas (2026). Die Schweiz hat eine der höchsten Erwerbsquoten in Europa. Die Volkswirtschaft, 06. Oktober.