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«Wer in der Schweiz arm ist, muss nicht mehr hungern oder frieren»

Wo setzt man die Armutsgrenze an? Und was sagt die Armutsquote über das Leben der Menschen aus? Der Lausanner Wirtschaftsprofessor Marius Brülhart spricht über Datenlücken in der Armutsstatistik und den Einfluss unserer Herkunft auf die Aufstiegschancen.
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Marius Brülhart in seinem Büro an der Universität Lausanne: «Es ist bisher nicht gelungen, die kantonalen Steuerdaten systematisch für die amtliche Armutsstatistik und die wissenschaftliche Forschung zugänglich zu machen.» (Bild: Keystone / Alessandro della Valle)
Herr Brülhart, lassen Sie uns die Zeit zurückdrehen. Mit welchem Job haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Mit einem Sommerferienjob als Gymnasiast in einer Röhrenfabrik am Fliessband. Ich musste Metallelemente aus einer Maschine nehmen und die Enden abfeilen. Das war anstrengend und extrem eintönig. Seither bin ich jeden Tag dankbar für meine abwechslungsreiche Arbeit und versuche auch an die Leute zu denken, die sich für ihr Einkommen wirklich hart abmühen müssen.

Wann kam der Wunsch auf, Ökonom zu werden?

Eher spät. Als ich Volkswirtschaftslehre zu studieren begonnen hatte, träumte ich davon, Journalist zu werden. Ich wollte über das Weltgeschehen berichten. Aber es blieb bei ein paar Praktika im Lokaljournalismus. Während meines dritten Studienjahrs, das ich in Dublin verbrachte, packte mich die Ökonomie. Sie fasziniert mich seither unvermindert.

Das garantiert Ihnen ein finanziell gutes Leben. Haben Sie persönlich Berührungspunkte mit Armut?

Persönlich zum Glück nicht. Aber nur zwei Generationen früher herrschten noch ganz andere Verhältnisse. Meine Grossmutter väterlicherseits etwa wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf – in einem Deutschfreiburger Kleinbauernbetrieb, zusammen mit sechs Geschwistern. Das hat sie zeitlebens geprägt.

Weshalb werden Menschen in der Schweiz arm?

Heute gibt es glücklicherweise keine bitterarmen einheimischen Bevölkerungsgruppen mehr. Moderne Armut ist von individuellen Faktoren bestimmt: Trennungen, psychischen Problemen, körperlichen Beeinträchtigungen, oder einer Kombination davon. Gemäss der offiziellen Definition ist natürlich auch ein grosser Teil der Migranten aus Nicht-EU-Staaten arm.

Was kostet die Armut unsere Volkswirtschaft?

Man kann die Beträge für Sozialtransfers wie Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen in der AHV zusammenrechnen. Das sind etwas über 9 Milliarden Franken, also mehr als 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts oder rund 1100 Franken pro Person. Für eine Vollkostenrechnung müsste man noch armutsbedingte Ausgaben in Bereichen wie Gesundheit, Wohnen und öffentliche Sicherheit einbeziehen, wie auch die Ausgaben privater Hilfsorganisationen.

Armut ist ein schwer fassbares Konzept.

Die Sozialtransfers senken die Armutsquote in der Schweiz ungefähr um die Hälfte, trotzdem bleiben gut 8 Prozent der Wohnbevölkerung arm. Was läuft schief?

Diese Armutsquote ist eine relative Grösse. Ich finde sie für Vergleiche über die Zeit informativ, aber als absoluten Wert ziemlich arbiträr. Streng genommen würde sie ja bedeuten, dass fast ein Zehntel der Bevölkerung trotz aller staatlichen und privaten Unterstützung noch in Armut leben muss. Wenn die Aufgabe des Sozialstaats darin besteht, Armut auszumerzen, ist er gemäss dieser Masszahl extrem unterdotiert. Das entspricht aber nicht meiner Sicht.

Der Bund erarbeitet bis 2027 eine nationale Armutsstrategie. Wo sollte sie ansetzen?

Ein offensichtlich wichtiger und eigentlich einfacher Schritt wäre eine bessere Datengrundlage.

Die Schweiz erhebt jährlich die Armutsquote. 2024 betrug sie 8,4 Prozent. Was würden Sie anders machen?

Armut ist ein schwer fassbares Konzept. Wer in der Schweiz arm ist, muss zum Glück nicht mehr hungern oder frieren. Vielmehr geht es darum, wo man die Schwelle für gesellschaftliche Integration ansetzt. Wir sprechen vom sozialen Existenzminimum. Es beinhaltet ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. Wie man diese Armutsschwelle bestimmt, ist unweigerlich Ermessenssache.

Dann ist aus Ihrer Sicht die Höhe der Armutsquote verhandelbar?

Welchen materiellen Lebensstandard man als Existenzminimum betrachtet, ist in der Tat subjektiv. Das ist der schwierige Teil. Der eigentlich einfache Teil sollte sein, die materiellen Lebensstandards der Menschen zu messen. Aber schon da hapert es in der Schweiz.

Was müsste sich ändern?

Die Datengrundlage der Armutsmessung in der Schweiz ist unnötigerweise armselig. Unsere offizielle Armutsstatistik beruht hauptsächlich auf der Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen – kurz Silc – des Bundesamts für Statistik. 9000 Haushalte werden befragt, und daraus resultiert dann eine Hochrechnung für die ganze Schweiz mit ihren 9 Millionen Einwohnern. Das ist eine Stichprobe von gerade einmal 2 Promille der Bevölkerung. Daraus lässt sich zudem nur beschränkt erkennen, ob jemand dauerhaft arm ist oder nur vorübergehend ein tiefes Einkommen hat, weil er eine Weltreise macht.

Sie kritisieren also, dass die Erhebung die Situation der Menschen nicht über mehrere Jahre abbildet?

Ja, einerseits. Die Befragten bleiben maximal vier Jahre lang in der Stichprobe. Zudem sind die Vermögen ungenügend erfasst – was vor allem für die Messung von Altersarmut wichtig wäre. Dabei würden die notwendigen Daten in der Schweiz eigentlich existieren. Jeder Haushalt füllt jährlich eine Steuererklärung aus. Es ist aber bisher nicht gelungen, die kantonalen Steuerdaten systematisch für die amtliche Statistik und die wissenschaftliche Forschung zugänglich zu machen.

Weshalb nicht?

Oft werden Ängste vor Datenlecks oder Cyberangriffen von den Kantonen ins Feld geführt, obwohl ausgereifte technische und organisatorische Lösungen existieren. Das zeigen Beispiele im europäischen Ausland und auch in der Schweiz. Die Kantone Bern und Luzern stellen ihre Steuerdaten zum Beispiel schon seit Jahren zur Verfügung, natürlich immer unter strengen Datenschutzauflagen und in anonymisierter Form. Meines Wissens gab es damit noch nie irgendein Problem.

 

Marius Brülhart: «Die Forschung zeigt, dass moderate Mindestlöhne die Beschäftigung nicht zwingend reduzieren.» (Bild: Keystone / Alessandro della Valle)

 

Wo sehen Sie einen Hebel, um die Armut zu reduzieren?

Bei der familienergänzenden Kinderbetreuung. Die Schweiz hat im internationalen Vergleich hohe Betreuungskosten. Die Forschung zeigt, dass frühkindliche Betreuung besonders Kindern aus einfachen Verhältnissen helfen kann, später mit mehr Motivation, mehr Disziplin und mehr Sozialkompetenz durchs Leben zu gehen. Gleichzeitig erleichtert sie den Eltern die Erwerbsarbeit. Arbeit ist der Königsweg, um aus armutsähnlichen Situationen herauszukommen.

Es gibt auch Menschen, die arbeiten Vollzeit und sind trotzdem arm. Sind gesetzliche Mindestlöhne ein geeignetes Instrument gegen Armut?

Die Forschung zeigt, dass moderate Mindestlöhne die Beschäftigung nicht zwingend reduzieren. Arbeitgeber können auf lokalen Arbeitsmärkten eine gewisse Marktmacht haben und Löhne tiefer ansetzen, als es bei vollkommenem Wettbewerb der Fall wäre. Ein gesetzlicher Mindestlohn kann entsprechend die unteren Einkommen anheben, ohne Arbeitsplätze zu gefährden. Wird er zu hoch angesetzt, steigt aber das Risiko, dass die Arbeitsnachfrage sinkt.

Die Schweiz kennt keinen Mindestlohn. Kantone wie Neuenburg, Jura, Tessin, Basel-Stadt und Genf haben jedoch Mindestlöhne eingeführt. Auch Städte wie Zürich, Winterthur und Luzern haben sich dafür ausgesprochen. Wie sinnvoll ist diese Zersplitterung?

Bei diesem Thema finde ich den dezentralen Ansatz richtig. Dass Kantone oder Städte mit den Mindestlöhnen experimentieren können, ist ganz im Sinn des föderalen Labors Schweiz. Zudem sind ja auch die Lebenshaltungskosten nicht überall gleich.

Umgekehrt gibt es die Vorstellung, dass die Sozialleistungen zu hoch seien und sich Arbeit dadurch nicht mehr lohne. Im Kanton Baselland wurde die Initiative, die Leistungen zu kürzen, angenommen. Wie gross ist das Problem zu hoher Sozialleistungen?

Es gibt tatsächlich einen Zielkonflikt: Menschliche Solidarität gebietet, dass man Bedürftige ausreichend unterstützt, aber der ökonomische Realismus zwingt einen auch, die Arbeitsanreize im Auge zu behalten. Vermeiden sollte man Armutsfallen. Sie können dazu führen, dass jemand finanziell schlechter dasteht, wenn er oder sie eine Arbeit aufnimmt oder das Pensum erhöht, weil Sozialleistungen wegfallen und Steuern oder Betreuungskosten steigen. Solche Situationen können sich besonders beim Ausstieg aus der Sozialhilfe ergeben. Die meisten Kantone haben jedoch Anstrengungen unternommen, um solche Schwelleneffekte zu verhindern.

Rund 250’000 Menschen in der Schweiz, die Teilzeit arbeiten, möchten mehr arbeiten und stünden innert dreier Monate für eine Arbeit mit einem höheren Erwerbspensum zur Verfügung. Ist die Unterbeschäftigung ein unterschätztes Arbeitskräftepotenzial?

Kurzfristige Unterbeschäftigung gehört zu einer dynamischen Wirtschaft: Menschen wechseln Stellen, Arbeitgeber strukturieren um, und nicht jede Suche führt sofort zum passenden Pensum. Problematisch wird es, wenn Menschen mehr arbeiten möchten, die nötigen Fähigkeiten mitbringen und trotzdem das Wunschpensum über eine lange Zeit nicht finden.

Dass die akademische Bildung nicht so entscheidend ist für die Einkommenssituation, halte ich für eine enorme Stärke unseres Systems.

Die Schweiz gilt als Land mit guten Aufstiegschancen. Stimmt dieses Bild?

Das wichtigste Mass für die materielle Situation der Menschen ist das Einkommen. Die Einkommensmobilität zwischen den Generationen liegt gemäss einer aktuellen OECD-Studie im internationalen Mittelfeld. Das heisst, ob ich aus einkommensschwachen oder einkommensstarken familiären Verhältnissen komme, hat in der Schweiz einen stärkeren Einfluss auf mein eigenes Einkommen als zum Beispiel in Skandinavien, aber einen schwächeren als etwa in den USA.

Welche Faktoren sind hier wichtig?

Unser duales Bildungssystem ermöglicht, dass nicht nur akademische Bildungswege, die in der Schweiz überdurchschnittlich von der Bildung der Eltern abhängen, zu guten Einkommen führen. Dass die akademische Bildung nicht so entscheidend ist für die Einkommenssituation, halte ich für eine enorme Stärke unseres Systems. So zeigt die OECD-Studie auch, dass Nachkommen von Immigranten in der Schweiz schneller als in fast allen anderen europäischen Ländern zu den Einkommen von Personen aufschliessen, deren Eltern in der Schweiz geboren wurden. Das ist in erster Linie der Berufslehre zu verdanken, viel mehr als den Hochschulen.

Und wie sieht die soziale Mobilität beim Vermögen aus?

Da ist die Mobilität natürlich deutlich geringer. Vermögen ist etwas, das vererbt sich quasi mechanisch von Generation zu Generation. Zudem sind die Vermögen viel ungleicher verteilt als die Einkommen.

Erbschaften werden wirtschaftlich immer bedeutender. Wird es in der Schweiz wichtiger, in welche Familie man geboren wurde?

Langsam, aber sicher ja. Weil die Vermögen relativ zu den Arbeitseinkommen an Gewicht zunehmen. Wir sind aber noch weit davon entfernt, in einer Gesellschaft zu leben, in der Herkunft wichtiger wäre für den materiellen Wohlstand der meisten Menschen als deren eigene Arbeitsleistung. Für junge Leute ist ein guter Beruf immer noch wichtiger als eine gute Partie!

Wer erbt, ist im Median bereits rund 60 Jahre alt. Welche Bedeutung haben Erbschaften dann noch für den sozialen Aufstieg?

Erbschaften im engen Sinne spielen für den Aufstieg oft keine grosse Rolle mehr. Sie führen eher dazu, dass Menschen früher in Pension gehen oder ihr Arbeitspensum reduzieren. Aber vermögende Eltern können ihren Kindern schon zu Lebzeiten helfen, insbesondere beim Erwerb von Wohneigentum. Unsere Forschung zeigt, dass der Anteil der Personen stetig steigt, die beim Hauskauf einen Erbvorbezug, eine Schenkung oder eine Erbschaft erhalten.

Zitiervorschlag: Interview mit Marius Brülhart, Universität Lausanne (2026). «Wer in der Schweiz arm ist, muss nicht mehr hungern oder frieren». Die Volkswirtschaft, 05. Oktober.

Marius Brülhart

Marius Brülhart ist ordentlicher Professor an der Wirtschaftsfakultät der Universität Lausanne. Vor seiner Ernennung im Jahr 2002 war er Assistenzprofessor an der Universität Lausanne, Lehrbeauftragter an der University of Manchester und Lehrbeauftragter am Trinity College Dublin. Seit einem Jahr leitet der 59-jährige Ökonom die in der Schweiz führende wirtschaftswissenschaftliche Fachzeitschrift, das «Swiss Journal of Economics and Statistics». Während über zehn Jahren leitete er bis 2021 den wissenschaftlichen Beirat des Thinktanks Avenir Suisse. Daneben hat er eine Reihe von politischen Organisationen beraten, darunter die Weltbank, die Europäische Kommission, die OECD und verschiedene Schweizer Regierungsgremien auf Bundes- und Kantonsebene.