Berufe wandeln sich
Berufe kommen und gehen: Die Fotolaborantin wurde überflüssig, den Hufschmied gibt es noch. (Bild: Keystone)
Berufe verändern sich ständig. Viele Tätigkeiten, die früher verbreitet waren, sind verschwunden. Meist, weil neue Technologien sie ersetzt oder weil sich die Berufsbilder gewandelt haben. Die digitale Bildbearbeitung machte zum Beispiel den Fotolaboranten überflüssig. In der beruflichen Grundbildung hat die Mühlenbauerin der Anlagen- und Apparatebauerin EFZ[1] Platz gemacht. Ähnliches zeigt sich in der höheren Berufsbildung: Die Damenschneiderin mit eidgenössischem Fachausweis wurde durch die Bekleidungsgestalterin mit demselben Abschluss ersetzt.
Gut funktionierendes Bildungssystem und anpassungsfähiger Arbeitsmarkt
Damit die Schweiz als exportorientierte, kleine Volkswirtschaft im globalen Wettbewerb bestehen kann, muss sie ihre Innovationskraft, Standortattraktivität und Produktivität laufend stärken. Dafür braucht es unter anderem ein gut funktionierendes Bildungssystem und einen flexiblen Arbeitsmarkt. Die Berufsbildung orientiert sich an den Qualifikationen, die Unternehmen tatsächlich nachfragen, sowie den angebotenen Arbeitsplätzen. Sie muss laufend auf neue Anforderungen aus Wirtschaft und Gesellschaft reagieren und das Aus- und Weiterbildungssystem entsprechend gestalten und weiterentwickeln.
In der Schweiz tragen die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) die Verantwortung für die Berufe und die Bildungsinhalte. Der Bund – namentlich das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) – erlässt die Verordnungen über die berufliche Grundbildung, genehmigt die Prüfungsordnungen der eidgenössischen Berufsprüfungen und der eidgenössischen höheren Fachprüfungen sowie die Rahmenlehrpläne für Bildungsgänge der Höheren Fachschulen.
Wie neue Berufe entstehen: Beispiele im Bereich Nachhaltigkeit und Ökologie
Mindestens alle fünf Jahre werden alle beruflichen Grundbildungen auf wirtschaftliche, technologische, ökologische und didaktische Entwicklungen hin überprüft und bei Bedarf angepasst (siehe Abbildung). Dasselbe gilt für die Bildungsangebote und Abschlüsse der höheren Berufsbildung. In den Jahren 2023 und 2024 hat das SBFI insgesamt 83 neue oder revidierte Berufe genehmigt und erlassen: 47 in der höheren Berufsbildung und 36 in der beruflichen Grundbildung.
Im Bereich Nachhaltigkeit und Ökologie sind so in der beruflichen Grundbildung die Berufe Solarinstallateurin/Solarinstallateur EFZ sowie Solarmonteurin/Solarmonteur EBA[2] entstanden. In der höheren Berufsbildung kam der Beruf Gebäudehüllenplanerin/Gebäudehüllenplaner mit eidgenössischem Diplom hinzu.
Will eine Trägerschaft – also die OdA, welche in der Berufsentwicklung die Verantwortung übernimmt – eine neue berufliche Grundbildung entwickeln, arbeitet sie eng mit den anderen Verbundpartnern zusammen. Bevor sie mit den Arbeiten beginnt, muss sie grundlegende Fragen klären: beispielsweise ob ein nachgewiesener Bedarf am Arbeitsmarkt besteht und ob es genügend Betriebe gibt, die ausbilden wollen. Erst wenn diese Analyse abgeschlossen ist, kann die Trägerschaft beim SBFI den Start des Prozesses beantragen. Sobald das SBFI grünes Licht gibt, erstellt die Trägerschaft für jeden Beruf ein Qualifikationsprofil. Dieses fasst das Berufsbild, die Handlungskompetenzen sowie das Anforderungsniveau des Berufs zusammen. Es bildet die Grundlage für die Bildungsverordnung und den Bildungsplan.
Berufe werden in sechs Schritten entwickelt

Nachdem die Trägerschaft das Qualifikationsprofil, den Bildungsplan und den Entwurf der Bildungsverordnung erarbeitet hat, prüft das SBFI diese Unterlagen. Anschliessend führt es bei den Bundesämtern, Kantonen und interessierten Kreisen eine Anhörung durch. Das SBFI wertet die Anhörungsergebnisse aus und passt die Bildungsverordnung und den Bildungsplan gegebenenfalls an. In einer gemeinsamen Sitzung mit den Verbundpartnern werden letzte Differenzen bereinigt. Danach erlässt das SBFI die Bildungsverordnung und genehmigt den Bildungsplan.
Ein neuer Beruf entsteht in der Regel innerhalb von drei Jahren. Wenn sich die wirtschaftlichen, ökologischen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen rasch verändern, können Bildungsangebote auch in kürzerer Zeit geschaffen werden – so wie beispielsweise bei den Solarberufen.
Neue Berufe beeinflussen auch weiterführende Bildungsangebote
Verschiedene Umfragen innerhalb der Branche und am Arbeitsmarkt zeigten ein klares Interesse an neuen Berufen in der Solarbranche und lieferten Hinweise auf mögliche Ausbildungsinhalte. Laut der Trägerschaft Bildungszentrum Polybau wächst darüber hinaus der Bedarf an Weiterbildungen: Seit der Bekanntgabe der neuen Solarberufe sei die Nachfrage nach nicht formalen[3] Bildungsangeboten für Neu- und Quereinsteigende deutlich gestiegen, was zur Entwicklung entsprechender Kurse führe. In der höheren Berufsbildung existiert zudem seit rund zehn Jahren der Beruf Projektleiterin/Projektleiter Solarmontage mit eidgenössischem Fachausweis als Berufsprüfung.
Durch den regelmässigen Prozess der Berufsentwicklung und die aktive Rolle der Wirtschaft können die Absolventinnen und Absolventen einer beruflichen Grundbildung sicher sein, dass das Erlernte nachgefragt wird. Diese Abstimmung der Bildungsinhalte auf den Arbeitsmarkt ist mit ein Grund dafür, dass die Schweiz im internationalen Vergleich eine sehr tiefe Jugendarbeitslosigkeit aufweist. Auch die Bildungsangebote und Abschlüsse der höheren Berufsbildung sind arbeitsmarktorientiert.
Zitiervorschlag: Messner, Toni; Nobs, Ramona (2025). Berufe wandeln sich. Die Volkswirtschaft, 26. Juni.