Fabienne Thomas, Co-Geschäftsführerin, Aeesuisse, Bern
Die Schweiz steht mitten in der Transformation ihres Energiesystems. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreitet voran. Besonders sichtbar ist dies bei der Photovoltaik, die 2025 mit rund 300’000 PV-Anlagen 14 Prozent des Gesamtstromverbrauchs der Schweiz bereitstellte. Strom wird zunehmend dezentral produziert, etwa auf Hausdächern oder in Gewerbebetrieben. Damit stellt sich die entscheidende Frage, wie wir sicherstellen, dass ein solches System auch künftig zuverlässig funktioniert.
Die Antwort ist einfach. Strom muss dann genutzt werden, wenn er verfügbar ist. Ein Beispiel zeigt das deutlich. An sonnigen Sommertagen produzieren Solaranlagen um die Mittagszeit besonders viel Strom. Das Angebot ist hoch, die Preise sinken. Wenn ein Betrieb seine Produktion gezielt in diese Stunden legt oder Haushalte Geräte dann laufen lassen, wird der Strom direkt genutzt. Ohne diese Abstimmung entstehen Überschüsse, die das Netz belasten. Ein stabiles System entsteht also nicht dadurch, dass möglichst viel produziert wird, sondern dass Angebot und Nachfrage zeitlich zusammenpassen.
Dafür braucht es vor allem Flexibilität. Wärmepumpen können dann laufen, wenn viel Strom vorhanden ist. Elektroautos werden automatisch zu günstigen Zeiten geladen. Batteriespeicher verschieben Strom vom Mittag in den Abend. Solche Lösungen sind heute verfügbar und müssen konsequent genutzt werden, und es müssen Anreize über passende Preissignale gesetzt werden.
Strom muss dann genutzt werden, wenn er verfügbar ist.
Auch Netze und Marktregeln müssen dafür sorgen, dass sich dieses Verhalten lohnt. Netze werden gezielt dort ausgebaut, wo Engpässe entstehen, aber nicht für jede kurzfristige Spitze. Gleichzeitig sollen diejenigen profitieren, die flexibel reagieren. So stabilisiert sich das System zunehmend selbst.
Diese Abstimmung wird besonders wichtig, wenn die Produktion schwankt, etwa im Winter. Entscheidend ist aber nicht eine einzelne Technologie, sondern wie gut alle Elemente zusammenspielen. Ein Stromabkommen mit der EU kann dieses System zusätzlich stabilisieren, indem es den Austausch von Strom erleichtert.
In der energiepolitischen Debatte wird oft über neue Atomkraftwerke gesprochen. Aus Sicht der Aeesuisse greift das zu kurz. Neue Atomkraftwerke sind unflexibel und erst in Jahrzehnten verfügbar. Sie tragen wenig dazu bei, Angebot und Nachfrage im Alltag besser aufeinander abzustimmen. Genau darauf kommt es aber in einem dezentralen System mit viel erneuerbarer Energie an.
Es funktioniert mit den erneuerbaren Energien, wenn wir es richtig machen: nicht nur ausbauen, sondern integrieren, flexibel nutzen und die richtigen Anreize setzen. Dann wird aus vielen dezentralen Anlagen ein stabiles und verlässliches Energiesystem.
Zitiervorschlag: Thomas, Fabienne (2026). Es funktioniert mit den erneuerbaren Energien – wenn wir es richtig machen. Die Volkswirtschaft, 12. Mai.