Im 20. Jahrhundert errichtete die Schweiz zunehmend Staumauern, um Strom zu gewinnen. So auch am Mattenalpsee im Urbachtal BE im Oktober 1949. (Bild: Keystone)
Über Jahrhunderte hinweg bedrohte das Wasser die Menschen in den Alpen. Wildbäche rissen Brücken fort. Reissende und unberechenbare Flüsse überfluteten regelmässig die mühsam bewirtschafteten Talböden, wodurch ganze Existenzen in den Fluten versanken. Doch am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte eine technologische Revolution dieses Bedrohungsszenario grundlegend. Aus der zerstörerischen Naturgewalt wurde ein nationaler Schatz: die sogenannte weisse Kohle.[1]
Den entscheidenden Funken zündete die Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main im Jahr 1891: Dort bewiesen Fachleute aus ganz Europa erstmals öffentlich, dass sich Strom über weite Distanzen transportieren lässt. Abgelegene Bergbäche lieferten plötzlich nicht mehr nur Energie für lokale Sägereien, Mühlen oder den Holztransport. Sie offenbarten sich nun vielmehr als strategische Ressourcen für den gesamten jungen Bundesstaat. Für die wasserreichen, aber kapitalarmen Alpenkantone begann ein dramatischer Wettlauf um die Kontrolle über diesen neu entdeckten Reichtum.[2]
Die Bundesbehörden in Bern zögerten zunächst. Währenddessen entwickelten Graubünden, das Tessin und das Wallis dank ihrer föderalen Hoheitsrechte eigene Förderstrategien, um mit der Kraft ihrer Gewässer die eigene industriell-wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Es entstand ein spannungsgeladener Wettbewerb in und zwischen den Kantonen: Städtische Zentren hungerten nach Energie, während die Vertreter alpinen Einzugsgebiete ihre Souveränität verteidigten. Die drei Bergkantone übernahmen eine Pionierrolle. Bis in die Nachkriegszeit bauten sie die Wasserkraft am umfangreichsten aus und trugen damit entscheidend zum energiewirtschaftlichen Fundament des Wohlstands der heutigen Schweiz bei.[3]
Graubünden: Pionierlicht und misslungener Alleingang
In Graubünden erstrahlte die elektrische Zukunft zuerst in den mondänen Speisesälen der Luxushotellerie. Der visionäre Hotelier Johannes Badrutt installierte im Jahr 1879 in St. Moritz die erste elektrische Beleuchtung der Schweiz und setzte sich in den Folgejahren für die Verbreitung der Elektrizität im Oberengadin ein. Gäste aus aller Welt staunten über das Spektakel in diesem alpinen Urlaubsort, der trotz seiner Abgeschiedenheit mit dem Komfort der damaligen Moderne aufwarten konnte.
Hinter dem ganzen Schein verbarg sich jedoch eine verworrene Rechtslage: Die Wasserhoheit lag bei den einzelnen Gemeinden, sodass es keine zentrale Koordinationsstelle für die zahlreichen Nutzungsansprüche und -anträge gab. Private Konzessionsjäger wie das Ingenieurbüro Froté und Westermann aus Zürich versprachen sich daher ein lukratives Geschäft. Sie sprachen in Bündner Gemeinden vor, um sich kostengünstige Nutzungsrechte an den wertvollen Gewässern zu sichern. Ein Meilenstein war das binational finanzierte Kraftwerk Brusio im Jahr 1907. Als das damals grösste Speicherwerk des Kontinents lieferte es Strom vom Puschlav aus hauptsächlich in die Industriemetropolen Norditaliens. Um einem befürchteten Ausverkauf der heimischen Ressourcen an externe Spekulanten und Grossindustrielle Einhalt zu gebieten, gründeten kantonsinterne Initianten im Jahr 1918 die Aktiengesellschaft Bündner Kraftwerke (BK). Das Bündner Stimmvolk sollte das Wasser eigenständig verwalten.
Doch das Projekt endete 1923 in einem Skandal: Beim Bau des Werks Klosters-Küblis geriet die BK aufgrund fehlender Fernleitungen und Abnehmerverträge sowie eines mangelnden Stromabsatzes in eine massive Finanzkrise. Im Sommer 1923 reichten die Geldmittel nicht mehr aus, um die Arbeiten am Kraftwerk zu vollenden. Dieses Fiasko führte ein paar Monate später zur Einstellung der Bauarbeiten. Mächtige Konkurrenten wie die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) erhöhten den Druck auf das insolvente Unternehmen, das sein Geschäft schliesslich an private Teilhaber überschreiben musste. Das sogenannte BK-Debakel prägte das kollektive Gedächtnis des Kantons bis weit in die Nachkriegszeit.[4]
Tessin: Ein Labor der staatlichen Zentralisierung
Das Tessin entschied sich für einen anderen Weg und setzte früh auf starke staatliche Strukturen. Während andere Kantone die Wasserrechte bei den Gemeinden beliessen, handelte der Tessiner Grosse Rat in Bellinzona rasch und entschlossen. Bereits im Jahr 1894 verabschiedeten seine Mitglieder ein für die föderale Schweiz bahnbrechendes Wasserrechtsgesetz. Dieses schrieb eine zentralisierte Verwaltung der Ressourcen auf kantonaler Ebene vor. Die Gemeinden hingegen sollten über keinerlei Hoheitsrechte verfügen.
Eine solch autoritäre Rechtsprechung stiess im jungen Bundesstaat allerdings nicht auf Kritik. Juristen wie der in Bern lehrende Eugen Huber lobten den Tessiner Vorstoss stattdessen ausdrücklich als Vorbild für die ganze Schweiz. Nur so lasse sich die wertvolle Zukunftstechnologie der Wasserkraft überall einheitlich und schnell ausbauen. Tatsächlich witterten kurz darauf kantonsexterne Unternehmen wie die Gotthardbahn oder Investoren wie die Motor AG aus dem Aargau ein lukratives Geschäft und trieben Kraftwerkprojekte energisch voran. Um die Kontrolle über den rasant wachsenden Sektor zu behalten, schufen vom Kanton beauftragte Ingenieure einen detaillierten Wasserkataster für jeden Bezirk, der die Nutzung der Gewässer exakt dokumentierte.
Eine weitere Tessiner Besonderheit war das strikte Exportverbot für Strom. Wer Tessiner Wasser nutzen wollte, musste seine Fabriken entlang der innerhalb des Kantons fliessenden Gewässer errichten. So entstanden innerhalb weniger Jahre neue Industriestandorte wie Bodio, wo die Arbeiter die Energie an ihren vor Ort installierten Maschinen verbrauchten. Trotz der zentral diktierten Energiepolitik zeigte sich die kantonale Tagespresse als wichtiges Forum. Darin liessen sich die neuesten Ausbaustrategien sowie die Verhandlungen des Grossen Rats um Nutzungsrechte Wort für Wort nachlesen. Letztlich mussten sich auch die Parlamentarier in Bellinzona für ihr Handeln öffentlich rechtfertigen.[5]
Wallis: Industrielle Kraftkammer und partnerschaftliche Handlungsmacht
Im Wallis trieb der Hunger der chemischen und metallurgischen Grossindustrie den Ausbau voran. So siedelten sich ab den 1890er-Jahren Industriegiganten wie die Lonza (1898) in Gampel oder die Alusuisse (1908) in Chippis an. Nur dort konnten sie mit der Stromkraft der Rhone die benötigte Elektrizität in einem Umfang generieren, der ihre gewaltige Produktion gewährleistete. Aber auch in den Nebenarmen des Rhonetals liessen sich die natürlichen Vorteile strategisch ausnutzen: Dank der enormen Höhenunterschiede in den steilen und schmalen Tälern konnten die reichhaltigen Gletscher optimal erschlossen werden. Die rechtliche Hoheit über das Wasser lag dort jedoch bei den Bürgergemeinden. Der Kanton verfügte allein über die Rhone, um die Interessen der Grossindustrie nicht durch kommunale Einsprüche zu gefährden.
Nach einer schrittweisen Entwicklung der ersten Laufwasserkraftwerke folgte nach dem Ersten Weltkrieg der Übergang zu grossen Speicheranlagen wie dem von den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) im Jahr 1925 in Betrieb genommenen Lac de Barberine. Später entwickelte sich im Wallis das wegweisende Modell der sogenannten Partnerwerke: Mehrere Unternehmen und Gemeinwesen schlossen sich zusammen, um gemeinsam Grossprojekte wie die Grande Dixence zu realisieren. Das Modell verteilte die horrenden finanziellen Risiken auf viele Schultern, wobei die Partner als Gegenleistung Strom zum Selbstkostenpreis erhielten.[6]
Gesetze, Finanzierung und kolonialer Zeitgeist
Die Geschichte der Schweizer Wasserkraft zeigt: Nicht Bundesbern diktierte den Aufbau des alpinen Energiespeichers. Vielmehr agierten die Kantone als eigenständige Akteure der industriellen Modernisierung. Erst das eidgenössische Wasserrechtsgesetz von 1916 schuf einen nationalen Rahmen, an den sich alle Kantone etwa bei gegenseitigen Konflikten oder Verhandlungen mit dem Ausland halten mussten. Von Beginn an standen die Kantone vor einer zentralen Herausforderung: Sie mussten privates Kapital für die teuren Kraftwerke anlocken, ohne dabei die Entscheidungsfreiheit über ihre kostbaren Wasserressourcen preiszugeben.
Die Finanzierung des Helvetischen Wasserschlosses erfolgte in zwei Phasen. Zunächst sprangen kapitalstarke Finanzierungsgesellschaften wie die Motor AG aus Baden ein. Sie machten Projekte baureif und generierten Aufträge für die aufstrebende Elektroindustrie. In der zweiten Phase etablierten sich die halbprivaten Partnerwerke, die Grossprojekte gemeinsam schulterten. Der Historiker Jon Mathieu erkennt innerhalb der Eidgenossenschaft allerdings eine wenig kollegiale energiewirtschaftliche Spannung, die bis in die Nachkriegszeit hineinwirkte. Das Kapital für die Kraftwerke stammte oft aus den reichen Städten des Unterlands wie Basel, Bern oder Zürich. Anfangs engagierten sie sich sogar dafür, die alpinen Wasserressourcen durch den Bund zu monopolisieren. Dem kolonialen Zeitgeist jener Jahre entsprechend versuchten die urbanen Zentren, Zugriff auf billige Energie aus den peripheren Alpen zu erlangen, wozu deren Vertreter im Parlament den Wasserzins im Jahr 1916 unter seinem tatsächlichen Marktwert festsetzten.[7]
Als Schlüsseltechnologie der alpinen Wasserkraft erwies sich der Sieg des Wechselstroms über den Gleichstrom in Frankfurt im Jahr 1891. Damit war die Grundlage gelegt, um Strom über weite Strecken zu transportieren, also von den Turbinen in den Bergregionen zu den Anschlüssen in den energiehungrigen Produktionszentren und Städten. Als in der Zwischenkriegszeit die Speichertechnologie der Stauseen dazukam, verloren viele der anfangs errichteten Industriestandorte rasch wieder ihre Bedeutung. Vor allem durch die Kohlenot – ausgelöst durch die beiden Weltkriege – entwickelte sich das einst unberechenbare und gefährliche Wasser zur Hauptquelle der inländischen Stromproduktion.
- Siehe De Pretto (2024), Mathieu (2022) und Walker (1967). []
- Siehe De Pretto (2024) sowie Gredig und Willi (2006). []
- Siehe De Pretto (2024), Walker (1967), Gredig und Willi (2006) und Mathieu (2022). []
- Siehe De Pretto (2024) sowie Gredig und Willi (2006). []
- Siehe De Pretto (2024). []
- Siehe Walker (1967). []
- Siehe Mathieu (2022). []
Literaturverzeichnis
- De Pretto, S. (2024). Coordinating Resources: Modernisation Agencies and the Consolidation of the Ticino Waterscape (1880–1914). Rendla, Marta (Hg.): Potenciali in Upravljanje Vodà. Med Preteklostjo in Sedanjostjo 27 (2024): S. 9–29.
- Gredig, H. und W. Willi (2006). Unter Strom. Wasserkraftwerke und Elektrifizierung in Graubünden 1879–2000. Chur.
- Mathieu, J. (2022). Berggebiete. Wie gerecht ist die Schweiz? Alpines Museum der Schweiz (Hg.): Mitholz. Über Heimat nachdenken. Bern, S. 25–30.
- Walker, F. (1967). Die Wasserkraftnutzung im Wallis. Unter besonderer Berücksichtigung der finanzwirtschaftlichen Auswirkungen auf Kanton und Gemeinden, Baden.
Bibliographie
- De Pretto, S. (2024). Coordinating Resources: Modernisation Agencies and the Consolidation of the Ticino Waterscape (1880–1914). Rendla, Marta (Hg.): Potenciali in Upravljanje Vodà. Med Preteklostjo in Sedanjostjo 27 (2024): S. 9–29.
- Gredig, H. und W. Willi (2006). Unter Strom. Wasserkraftwerke und Elektrifizierung in Graubünden 1879–2000. Chur.
- Mathieu, J. (2022). Berggebiete. Wie gerecht ist die Schweiz? Alpines Museum der Schweiz (Hg.): Mitholz. Über Heimat nachdenken. Bern, S. 25–30.
- Walker, F. (1967). Die Wasserkraftnutzung im Wallis. Unter besonderer Berücksichtigung der finanzwirtschaftlichen Auswirkungen auf Kanton und Gemeinden, Baden.
Zitiervorschlag: De Pretto, Sebastian (2026). Wie das Alpenwasser die moderne Schweiz antrieb. Die Volkswirtschaft, 12. Mai.