Regulatorische Hürden können die wirtschaftliche Dynamik bremsen. (Bild: Keystone)
In den meisten Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat sich das Produktivitätswachstum verlangsamt. Ein zentraler Grund dafür ist die abnehmende wirtschaftliche Dynamik: In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der Anteil neuer und junger Unternehmen gesunken, und Arbeitnehmende wechselten seltener den Arbeitsplatz (siehe Abbildung 1).
Eine mögliche Erklärung dafür ist die zunehmende regulatorische Belastung. Denn die Einhaltung von Vorschriften erfordert Arbeitskräfte, Führungskapazitäten und Fachwissen. Diese Ressourcen stehen dadurch nicht mehr für produktivere Tätigkeiten zur Verfügung. Regulierung kann zudem die unternehmerischen Fixkosten erhöhen. Das trifft insbesondere junge Unternehmen und potenziell neue Marktakteure.
Darauf stützt sich die Forderung der OECD nach einem «Regulierungs-Reset».[1] Dabei geht es nicht nur um neue Vorschriften, sondern auch darum, bereits bestehende Regulierungen regelmässig zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen oder aufzuheben. Ziel ist es, das Produktivitätswachstum wieder anzukurbeln.
Abb. 1: Die unternehmerische Dynamik hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten abgenommen
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Zunehmender Personalaufwand
Regulierungen sind wichtig, um gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Sie können die Wirtschaftstätigkeit fördern, wenn sie zentrale Marktversagen korrigieren. Beispiele dafür sind Umweltvorschriften, welche die Unternehmen dazu verpflichten, die gesellschaftlichen Kosten von Umweltverschmutzung zu berücksichtigen, oder Produktsicherheits- und Offenlegungspflichten. Sie ermöglichen den Konsumentinnen und Konsumenten informiertere Entscheidungen, und es entstehen Anreize für Innovationen und eine effizientere Produktion. Die politische Herausforderung besteht jedoch darin, diese Ziele wirksam zu erreichen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Verzerrungen durch regulatorische Eingriffe möglichst gering zu halten.
Mit Daten aus OECD-Ländern haben wir das Ausmass und die Auswirkungen von Complianceaufgaben untersucht. Wir quantifizieren die tatsächlichen Ressourcen für die Einhaltung regulatorischer Vorgaben, indem wir zwei Datensätze kombinieren: Daten zur Beschäftigung nach Berufsgruppen in OECD-Ländern und Aufgabenlisten zu jeder Berufsgruppe aus der amerikanischen Datenbank Occupational Information Network. Dabei wird jede Aufgabe danach bewertet, wie stark sie von Regulierung betroffen ist.
Anschliessend erhält jede Berufsgruppe einen Regulierungswert, der sich aus den jeweiligen Aufgaben und ihrer Bedeutung für diesen Beruf ergibt. Schliesslich wird der Regulierungswert mit dem Anteil der Berufsgruppe an der Gesamtbeschäftigung gewichtet. Daraus ergibt sich der Anteil an der Gesamtbeschäftigung in einem Land, der für regulatorische Aufgaben eingesetzt wird.
Unsere Berechnungen zeigen: Dieser Anteil ist erheblich und nimmt weiter zu – mit negativen Folgen für die Produktivität und die wirtschaftliche Dynamik.[2] Im Jahr 2023 wurden in Europa durchschnittlich 3,9 Prozent der Gesamtbeschäftigung für die Einhaltung regulatorischer Vorgaben aufgewendet. 2011 waren es noch 3,7 Prozent (siehe Abbildung 2). Für die Schweiz zeigt sich ein ähnliches Muster. In einigen europäischen Ländern beträgt der Arbeitsaufwand für Complianceaufgaben sogar 5 bis 6 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Das ist bedeutend, wenn man bedenkt, dass Arbeitskräfte in Forschung und Entwicklung 2023 lediglich 1,6 Prozent der Gesamtbeschäftigung in Europa ausmachten (Schweiz: 2,0%).[3]
Im Gegensatz dazu lag der Anteil der Beschäftigung für Regulierungsaufgaben in den USA 2023 bei 3,2 Prozent. Im Jahr 2012 waren es noch 2,9 Prozent. Dies deckt sich mit anderen Hinweisen darauf, dass die regulatorische Belastung in den USA geringer ist als in Europa.[4] Allerdings: Der Beschäftigungsanteil, der für die Einhaltung regulatorischer Aufgaben nötig ist, ist in den USA schneller gestiegen als in Europa.
Abb. 2: In ausgewählten OECD-Ländern und -Regionen ist der für Complianceaufgaben aufgewendete Anteil der Arbeitszeit gestiegen
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Für Start-ups besonders belastend
Um den Zusammenhang zwischen der regulatorischen Compliancebelastung und der Produktivität zu untersuchen, nutzen wir Unterschiede zwischen den US-Bundesstaaten. Seit 2012 ist die regulatorische Belastung in 70 Prozent der US-Bundesstaaten und US-Aussengebieten gestiegen. In Alabama, Louisiana und North Carolina nahm sie mehr als dreimal so stark zu wie im nationalen Durchschnitt. Deutlich zurückgegangen sind die Compliancekosten hingegen in Idaho, Illinois und New Hampshire.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine höhere Belastung durch Complianceaufgaben mit einem schwächeren Wachstum der Arbeitsproduktivität einhergeht. Steigende Compliancekosten korrelieren zudem mit einem geringeren Anteil junger Unternehmen an der Gesamtbeschäftigung. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Regulierungen häufig Fixkosten verursachen, die junge Unternehmen schwerer tragen können als grosse, etablierte Firmen.
Das Ausmass, die Entwicklung und die wirtschaftlichen Auswirkungen des Complianceaufwands verdeutlichen: Regulierungen müssen regelmässig überprüft und wenn nötig angepasst oder aufgehoben werden. Derzeit führen mehr als 80 Prozent der OECD-Mitgliedsländer systematisch sogenannte Regulierungsfolgenabschätzungen durch. Dies zeigt, dass die meisten Länder die Risiken von Regulierung ernst nehmen. Allerdings konzentrieren sich diese Analysen meist auf Ex-ante-Bewertungen von Regulierung.[5]
Systematische Vorgaben für Ex-post-Evaluationen von Regulierungen bestehen heute in weniger als einem Drittel der OECD-Mitgliedsländer. Zu diesem Drittel gehört auch die Schweiz, die periodische Ex-post-Evaluationen wichtiger Gesetze in der Bundesverfassung verankert hat. Innerhalb der OECD wurden in den vergangenen zehn Jahren nur begrenzte Fortschritte erzielt. Das ist besonders problematisch, weil bestehende Regulierungen die Zahl neuer Regulierungen deutlich übersteigen. Wenn die Compliancebelastung vor allem auf bestehende Vorschriften zurückgeht, reicht es nicht aus, lediglich neue Regulierungen effizienter zu gestalten.
Literaturverzeichnis
- Andrews, D., S. Turban und S. Tyros (2026). Regulatory Compliance Costs and Productivity: New Task-Based Evidence, OECD Economics Department Working Papers, No. 1856, OECD Publishing, Paris.
- Calvino, F., C. Criscuolo und R. Verlhac (2020). Declining Business Dynamism: Structural and Policy Determinants, OECD Science, Technology and Industry Policy Papers, No. 94, OECD Publishing, Paris.
- Cho, W. et al. (2024). Diagnosis and Policy Action for Sustainable and Inclusive Productivity Growth, OECD Science, Technology and Industry Working Papers, No. 2024/07, OECD Publishing, Paris.
- Draghi, M. (2024). The Future of European Competitiveness Part A: A Competitiveness Strategy for Europe.
- OECD (2020). Reviewing the Stock of Regulation, OECD Best Practice Principles for Regulatory Policy, OECD Publishing, Paris.
- OECD (2025a). OECD Economic Outlook, Volume 2025 Issue 2, Resilient Growth But with Increasing Fragilities.
- OECD (2025b). OECD Regulatory Policy Outlook 2025, OECD Publishing, Paris.
Bibliographie
- Andrews, D., S. Turban und S. Tyros (2026). Regulatory Compliance Costs and Productivity: New Task-Based Evidence, OECD Economics Department Working Papers, No. 1856, OECD Publishing, Paris.
- Calvino, F., C. Criscuolo und R. Verlhac (2020). Declining Business Dynamism: Structural and Policy Determinants, OECD Science, Technology and Industry Policy Papers, No. 94, OECD Publishing, Paris.
- Cho, W. et al. (2024). Diagnosis and Policy Action for Sustainable and Inclusive Productivity Growth, OECD Science, Technology and Industry Working Papers, No. 2024/07, OECD Publishing, Paris.
- Draghi, M. (2024). The Future of European Competitiveness Part A: A Competitiveness Strategy for Europe.
- OECD (2020). Reviewing the Stock of Regulation, OECD Best Practice Principles for Regulatory Policy, OECD Publishing, Paris.
- OECD (2025a). OECD Economic Outlook, Volume 2025 Issue 2, Resilient Growth But with Increasing Fragilities.
- OECD (2025b). OECD Regulatory Policy Outlook 2025, OECD Publishing, Paris.
Zitiervorschlag: Andrews, Dan; Turban, Sébastien (2026). Wenn Regulierung das Wirtschaftswachstum verlangsamt. Die Volkswirtschaft, 09. Juni.