Die lange Geschichte der Nachhaltigkeit
Der Begriff Nachhaltigkeit hat seine Wurzeln in der Forstwirtschaft. Heute reicht er weit über den Wald hinaus. (Bild: Keystone)
Googelt man den Begriff «Nachhaltigkeit», stösst man binnen Sekunden auf Fluggesellschaften, die «nachhaltig fliegen», auf Rohstoffhändler mit jährlichen Nachhaltigkeitsberichten und auf die SVP-Nachhaltigkeitsinitiative, die für eine Migrationspolitik mit einer starren Obergrenze der Zuwanderung warb.
Der Nachhaltigkeitsbegriff ist zum Gefäss für oftmals beliebige Anliegen geworden, die Debatte darüber entsprechend unübersichtlich. Wer verstehen will, was Nachhaltigkeit für die Schweiz und andere Volkswirtschaften bedeutet, kommt an ihrer Geschichte nicht vorbei. Nicht aus Nostalgiegründen, sondern weil sich in ihr ein bis heute ungelöstes Grundproblem zeigt: Wie wirtschaften wir, ohne unsere eigenen Grundlagen zu untergraben?
Vom Wald zur Weltagenda
1713 beschrieb der Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der als leitender Beamter für den sächsischen Bergbau verantwortlich war, ein Dilemma: Der Bergbau brauchte das Holz für die Erzverhüttung schneller, als der Wald nachwachsen konnte. Carlowitz forderte deshalb eine «beständige und nachhaltende Nutzung». Doch die Ironie der Geschichte: Nicht die nachhaltige Waldnutzung, sondern die Kohle löste das Holzproblem. Damit begann das Zeitalter der fossilen Energie, mit dessen Folgen wir noch heute ringen.
Erst mit der Industrialisierung wurde aus der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit ein gesellschaftliches Prinzip. So mahnte etwa der amerikanische Geograf Carl Sauer nach dem Zweiten Weltkrieg angesichts der Konsumgesellschaft eine «Ethik der Besonnenheit und Mässigung» an. Sie sollte der Nachwelt «eine lebenswerte Erde» hinterlassen und begründete damit die Idee der Generationengerechtigkeit.
In den 1970er-Jahren verdichteten sich die Einzeldiagnosen zum «Umweltproblem»: 1972 warnte der Club of Rome – ein Zusammenschluss aus Experten verschiedener Disziplinen und Länder – vor den «Grenzen des Wachstums». Davon inspiriert, erklärte auch die Schweizer Arbeitsgruppe Nawu («Neue Analysen für Wachstum und Umwelt») den kapitalistischen «Wachstumszwang» für unvereinbar mit nachhaltiger Entwicklung. Nawu formierte sich rund um den HSG-Professor Hans Christoph Binswanger, ein FDP-Mitglied. Ebenfalls 1972 legten die UNO-Mitglieder an der Weltumweltkonferenz in Stockholm den Grundstein für das Konzept der nachhaltigen Entwicklung und für die internationale Umweltpolitik.
1987 lieferte der Brundtland-Bericht der UNO die bis heute zitierte Definition nachhaltiger Entwicklung: Sie soll den Bedürfnissen der heutigen Generationen entsprechen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Diese Formel wirkte weniger durch ihre Präzision als durch ihre Anschlussfähigkeit: Sie vereinte die unterschiedlichen Perspektiven der Nord- und Südländer sowie von Ökologie und Entwicklungspolitik (siehe Abbildung).
Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit kommen im Brundtland-Bericht zusammen

Die UNO-Nachhaltigkeitsziele
Erst die UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung von 1992 in Rio de Janeiro verankerte das Nachhaltigkeitsthema endgültig in der globalen Politik. Die Millennium Development Goals (MDGs), die zwischen 2000 und 2015 erreicht werden sollten, übersetzten Nachhaltigkeit erstmals in messbare Ziele. Die acht Vorgaben richteten sich allerdings fast ausschliesslich an die Entwicklungsländer.
Die Sustainable Development Goals (SDGs) der Agenda 2030, die 2015 verabschiedet wurden, korrigierten das: Ihre 17 Ziele mit 169 Unterzielen gelten für alle Staaten – auch für die Schweiz und alle anderen Industrieländer. Ihre Bilanz fällt jedoch ernüchternd aus: Im Juli 2026 waren nur 15 Prozent der bewertbaren Nachhaltigkeitsziele auf Kurs, und 21 Prozent verzeichneten moderate Fortschritte.
Für viele Länder des Globalen Südens sind solche internationalen Ziele auch nach 2030 zentral. Die Schweiz hat ihre Haltung im Länderbericht 2026 bereits skizziert: Der Bundesrat zieht eine «gemischte Zwischenbilanz» und verabschiedet sich vom Anspruch auf eine umfassende Zielerreichung. Stattdessen verlegt er sich aufs «Machbare» – statt Aufbruch wählt er also die Verwaltung des Unzureichenden.
Was heisst das für die Schweizer Volkswirtschaft?
Die Schweiz ist gefordert. Als kleine, exportstarke und importabhängige Volkswirtschaft reicht ihr ökologischer und sozialer Fussabdruck weit über die Landesgrenzen hinaus. Gemäss dem Spillover Index Ranking, das diesen Fussabdruck bewertet, liegt die Schweiz von den 169 rangierten Ländern auf dem viertletzten Platz. Verantwortlich dafür sind vor allem der Handels- und der Finanzplatz sowie der Konsum (siehe dazu auch den Artikel «Nachhaltige Entwicklung: Schweiz weltweit auf Rang 22» in diesem Schwerpunkt).
Zugleich ist die Schweiz auf die Stabilität des Erdklimas und des globalen Wirtschaftssystems angewiesen. Klimaziele, Biodiversität, nachhaltiges Wirtschaften sind deshalb keine blossen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit oder der Aussenpolitik. Sie sind Kernfragen unserer eigenen Wettbewerbs- und Regulierungsordnung.
Es braucht ein Umdenken
Der Bogen von Carlowitz zur Agenda 2030 ist deshalb keine reine Geschichte des Fortschritts. Vielmehr ist es die Geschichte derselben immer wiederkehrenden Frage: Wie verhindert eine Gesellschaft, dass ihr gegenwärtiges Wirtschaften die Grundlagen der Zukunft auffrisst? Für eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz lautet die Antwort heute nicht mehr nur «Aufforsten», sondern «Institutionen gestalten».
Statt sich an von aussen gesetzten Zielen abzuarbeiten – Berichtspflicht, Reporting, Compliance –, wäre es für die Post-SDG-Ära an der Zeit, die Logik umzukehren: weg von der Erfüllung externer Vorgaben, hin zur gezielten Ausrichtung der eigenen wirtschaftlichen Institutionen auf Nachhaltigkeit.
Unternehmensführung und Schuldenbremse anpassen
Unternehmen sollten zu transformativen Akteuren werden. Dies nicht nur als Gestalter nachhaltiger Wertschöpfungsketten, sondern indem sie einen gesellschaftlichen Zweck jenseits der Renditelogik statutarisch absichern. Genau hier setzen Steward-Ownership-Modelle an: Sie verankern diesen Zweck in der Eigentumsstruktur und entkoppeln so die unternehmerische Kontrolle von der Renditelogik. Stimmrechte bleiben bei den operativ verantwortlichen Managern, und Gewinne werden vorrangig zweckgebunden reinvestiert statt ausgeschüttet. Das garantiert keine ökologische Ausrichtung per se, verhindert aber, dass Wachstum zum Selbstzweck wird und Wertentzug statt Wertschöpfung betrieben wird. Unternehmen sind damit gesellschaftliche Institutionen, nicht nur Renditevehikel.
Ähnliche Fragen stellen sich auf fiskalpolitischer Ebene. Energie- und Mobilitätswende, Klimaschutz und Klimaanpassung – etwa an die Hitzewellen – erfordern langfristige öffentliche Investitionen. Die Schweizer Schuldenbremse wird oft als neutrales Buchhaltungsinstrument dargestellt. Tatsächlich begrenzt sie jedoch den Spielraum für jene antizyklischen und transformativen Investitionen, die eine Post-2030-Agenda mit schärferen Klima- und Anpassungszielen benötigen würde. [1]
Auch hier braucht es deshalb einen Perspektivenwechsel: Ohne Schulden kein Vermögen – gesamtwirtschaftlich ist das Defizit des einen Sektors stets der Überschuss eines anderen. Staatsschulden, die in Klima, Bildung und Gesundheit fliessen, sind keine Last für kommende Generationen, sondern der Aufbau jener Vermögenswerte, von denen ihr künftiger Wohlstand abhängt. Generationengerechtigkeit heisst dann nicht Schuldenvermeidung um jeden Preis, sondern die richtige Verwendung der Mittel.
Ob Unternehmensführung oder Fiskalpolitik: Beide Beispiele zeigen, dass es bei der nächsten Etappe der Nachhaltigkeitsagenda weniger um neue Zielkataloge als vielmehr um die gezielte Gestaltung der wirtschaftlichen Institutionen geht. Darin liegt einer der wirksamsten Hebel für nachhaltige Entwicklung – in der Schweiz und weltweit.
- Tille C. (2019). The «Burden» of Swiss Public Debt, Graduate Institute Geneva, Working Paper No. 14/2019. []
Zitiervorschlag: Bader, Christoph; Breu, Thomas (2026). Die lange Geschichte der Nachhaltigkeit. Die Volkswirtschaft, 01. September.