Roland A. Müller, Prof. Dr. iur., Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, Zürich
Working Poor sind ein reales Problem. Dabei handelt es sich um Haushalte, die trotz erwerbstätigen Haushaltsmitgliedern arm sind. Doch wer darin vor allem eine Folge zu tiefer Löhne sieht und deshalb nach Mindestlöhnen und zusätzlichen Regulierungen ruft, greift zu kurz. Ob jemand trotz Arbeit arm ist, hängt weniger vom Stundenlohn ab als vom gesamten Arbeitspensum im Haushalt und von der Zahl der Personen, die davon leben. Besonders häufig betroffen sind gemäss Bundesamt für Statistik Personen ohne nachobligatorische Ausbildung, Haushalte mit geringer Erwerbsbeteiligung sowie Familien mit hohen finanziellen Lasten.
Aus Sicht der Arbeitgeber beginnt eine wirksame Armutsbekämpfung mit einer einfachen Erkenntnis: Erwerbstätigkeit bleibt der wirksamste Schutz vor Armut. Sie schafft Einkommen, fördert Qualifikationen und verbessert die Aufstiegschancen. Staatliche Mindestlöhne setzen bei der Lohnhöhe an, lassen aber viele der genannten Ursachen der Erwerbsarmut unangetastet. Zudem berücksichtigen sie weder Branchenunterschiede noch die unterschiedliche Produktivität einzelner Tätigkeiten.
Der wirksamste langfristige Schutz vor Erwerbsarmut sind Ausbildung, Weiterbildung und Beschäftigung.
Löhne müssen erwirtschaftet werden können. Werden Mindestlöhne über das wirtschaftlich tragbare Niveau hinaus erhöht, reagieren die Unternehmen entsprechend. Dies kann sich ganz unterschiedlich äussern: weniger Einstiegsstellen und Ausbildungsplätze, schlechtere Beschäftigungschancen für Geringqualifizierte, höhere Automatisierung oder steigende Preise. Gerade gering qualifizierte Personen laufen Gefahr, dadurch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.
Ein Lohn vergütet die individuelle Arbeitsleistung. Er kann nicht in jedem Fall den Bedarf ganzer Haushalte decken, der je nach Kinderzahl oder Wohnkosten stark variiert. Deshalb ist Erwerbsarmut kein reines Lohnproblem. Reicht das Einkommen trotz Erwerbstätigkeit nicht aus, verfügt die Schweiz über gezielte Instrumente wie die Prämienverbilligung oder die Sozialhilfe, welche Working-Poor-Haushalte punktuell und bedarfsgerecht unterstützen können. Sie schaffen keine zusätzlichen Hürden für Beschäftigung, wie dies Mindestlöhne tun. Wo Mindestlöhne dennoch sinnvoll und tragbar sind, können sie auch heute schon von den Sozialpartnern branchenspezifisch ausgehandelt werden.
Der wirksamste langfristige Schutz vor Erwerbsarmut sind Ausbildung, Weiterbildung und Beschäftigung. Wer seine Qualifikationen verbessert, steigert seine Produktivität und seine Verdienstmöglichkeiten. Ebenso wichtig sind Rahmenbedingungen, die höhere Erwerbspensen und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.
Die Schweiz gehört international zu den Ländern mit hoher Beschäftigung und vergleichsweise geringer Erwerbsarmut. Wer Erwerbsarmut wirksam bekämpfen will, sollte also nicht Arbeit verteuern, sondern Beschäftigung, Qualifizierung und Aufstiegschancen fördern. Ein Arbeitsmarkt, der möglichst vielen Menschen den Einstieg und den beruflichen Aufstieg ermöglicht, ist die wirksamste Antwort auf Armut.
Zitiervorschlag: Müller, Roland A. (2026). Working Poor: Chancen schaffen statt Jobs verteuern. Die Volkswirtschaft, 06. Oktober.