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Vor der Finanzkrise verzeichnete die Schweizer Industrie ein starkes Wachstum. Die Industrie-Skeptiker der 1990er-Jahre verstummten. Diese Entwicklung zeigt: Die Schweizer Industrie ist wettbewerbsfähig, wenn der Schweizer Franken fair bewertet ist und die Konjunktur im Ausland läuft. Der Anteil der Industrie am gesamten Bruttoinlandprodukt beträgt rund 20%. Doch dieser Anteil unterschätzt die volkswirtschaftliche Bedeutung. In einem kleinen Land wie in der Schweiz hängen die Löhne und Arbeitsplätze in der Binnenwirtschaft zu einem beträchtlichen Teil vom Wohlergehen in der Exportwirtschaft ab.

Ein fairer Frankenkurs

In früheren Jahren war die Industriekonjunktur weitgehend unabhängig von der Lage im Finanzsektor. Phasenweise waren die beiden Konjunkturen sogar gegenläufig, was stabilisierend wirkte. In den letzten Jahren traten Rezessionen jedoch immer häufiger in beiden Sektoren zusammen auf. Ein Extremfall ist die Krise 2008/09, als die Wertschöpfung in beiden Sektoren fast gleichzeitig einbrach. Dank dem intensiven Einsatz von Kurzarbeit konnten aber in der schwierigen Phase viele Arbeitsplätze erhalten werden. Die zweimalige Verlängerung der maximalen Kurzarbeitsdauer hat dazu wesentlich beigetragen. Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheiten darf die Kurzarbeitsdauer nicht verkürzt werden.Die starke Überbewertung des Frankens macht Teilen der Schweizer Industrie ernsthaft Schwierigkeiten. Internationale Preis- und Kostenvergleiche zeigen, dass der Schweizer Franken gegenüber dem Euro bei 1,40 bis 1,50 CHF/Euro fair bewertet wäre. Trotz der von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eingeführten Untergrenze ist der Franken nach wie vor viel zu stark. Das kann auch längerfristig Spuren hinterlassen. Die Innovationsaktivität der Firmen ist von der Geschäftslage abhängig. Ist die Geschäftslage gut, wird mehr in Forschung und Entwicklung neuer Produkte investiert. Bei einer schlechten Lage wird die Innovationstätigkeit zurückgefahren, weil das Geld knapper ist. Die Firmen verlagern ihren Fokus auf Rationalisierungen. Bei einem überbewerteten Franken fehlt es daher an Investitionen in neue Produkte, welche die Wettbewerbsfähigkeit von morgen ausmachen. Gemäss der KOF-Industrieumfrage hat eine steigende Zahl der Firmen Finanzierungsprobleme. Die SNB muss zusammen mit dem Bund dafür sorgen, dass sich der Franken möglichst rasch zu seiner fairen Bewertung hinbewegt.

Gute Löhne, sichere Arbeitsplätze

Die Schweizer Industrie lebt zum grossen Teil davon, dass sie qualitativ hochstehende Produkte produziert, bei denen sie eine starke Marktstellung hat. Qualifiziertes und motiviertes Personal ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Teile der Industrie haben einen Arbeitskräftemangel. Aus ökonomischer Sicht sind Mangelerscheinungen auch ein Hinweis dafür, dass die Preise nicht stimmen. Die Industrie muss daher prüfen, ob die Löhne und Arbeitsbedingungen attraktiv genug sind. Bei Massnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung ist darauf zu achten, dass die Ausbildungsgänge so strukturiert sind, dass sie den Bedürfnissen der Beschäftigten entsprechen und dass die Firmen es dem Personal ermöglichen, die Aus- und Weiterbildungen zu absolvieren. Die Erhöhung der Mittel für die Förderagentur für Innovation des Bundes (KTI) Ende 2011 ist eine sinnvolle Massnahme, um die Firmen bei der Innovationstätigkeit zu unterstützen. Gleichzeitig ermöglicht sie den Forschenden an den Hochschulen einen willkommenen Praxisbezug. Die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung ist die erfolgversprechendste Industriepolitik. Die Schweiz kann hier noch mehr machen. Mit dem globalen ökologischen Umbau (Energie, Verkehr usw.) eröffnen sich für Schweizer Firmen neue Geschäftsfelder. Damit die Firmen diese Chancen wahrnehmen können, sollte sich der Bund für den entsprechenden Wissenstransfer einsetzen. In letzter Zeit sind in der Industrie häufig Fälle von Lohndumping aufgetreten. Der Bericht des Seco über die flankierenden Massnahmen vom Frühjahr 2012 zeigt, dass in 18 von 100 kontrollierten Betrieben zu tiefe Löhne bezahlt wurden. Dieses Resultat ist besonders alarmierend, weil die Löhne in der Industrie kaum durch Mindestlöhne geschützt sind. Es ist zu befürchten, dass sich die Lage im laufenden Jahr nochmals verschärft hat. Denn wegen dem überbewerteten Franken dürften vermehrt Arbeitgeber versuchen, billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland anzustellen. Bei wiederholtem Dumping sieht das Gesetz die Einführung von Mindestlöhnen vor. Erhärten sich die Dumpingfälle, müssen Mindestlöhne erlassen werden. Und um die Sozialpartnerschaft zu stärken, müssen die Personalvertretungen besser gegen eine Kündigung geschützt werden.

Sekretariatsleiter und Chefökonom, Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB), Bern

Sekretariatsleiter und Chefökonom, Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB), Bern