Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Bildung in der Schweiz: Investieren lohnt sich»

«Die Berufsbildung liegt mir besonders am Herzen»

Lebenslanges Lernen ist in der Berufswelt unabdingbar. Die Unternehmen sollen Weiterbildungen von Mitarbeitenden begünstigen, wie Bildungsminister Johann Schneider-Ammann sagt. Er selbst will sich nach dem Ende seiner Bundesratszeit den Fremdsprachen widmen.

«Der Staat soll nur unterstützend eingreifen.» Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Gespräch mit der «Volkswirtschaft». (Bild: Viviane Futterknecht, Die Volkswirtschaft, Archiv)

Welchen Beruf wollten Sie als Kind erlernen?

Bergführer oder Zimmermann. Das waren meine ersten ernsthaften Berufswünsche.

Was empfehlen Sie heute einem Neuntklässler?

Er soll auf Interesse und Begabung schauen. Der erste Entscheid für einen beruflichen Weg wird mit Sicherheit nicht der letzte sein. Dank unserem durchlässigen System sind später Abzweigungen möglich.

Bilden wir genügend Techniker aus?

Seit sieben Jahren steigen die Studierendenzahlen in den Fachbereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik an den Hochschulen stärker als in den übrigen Fächern. Das ist erfreulich.

Jeder zehnte Jugendliche verfügt weder über einen Lehrabschluss noch über eine Maturität, sondern hat lediglich die obligatorische Schule abgeschlossen. Bund und Kantone wollen die Quote auf 5 Prozent senken. Ist dieses Ziel überhaupt realistisch?

Es ist ambitioniert. Bei den in der Schweiz geborenen Jugendlichen sind wir bereits nahe dran: Von den 25-Jährigen verfügen 94 Prozent über einen nachobligatorischen Abschluss. Hingegen ist das Ziel für Personen, die erst später in die Schweiz kamen und somit unser Bildungssystem nicht vollständig durchlaufen haben, mit lediglich 73 Prozent noch nicht erreicht. Hier sind weitere Anstrengungen nötig.

Welche?

Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden oder Schwierigkeiten in der Lehrzeit haben, stehen Brücken-, Coaching- und Mentoring-Angebote zur Verfügung. Diese Angebote gilt es zu nutzen und zu koordinieren. Bund und Kantone wollen zudem anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen den Eintritt in eine Berufslehre erleichtern.

Der berufliche Erfolg hängt in der Schweiz vom sozialen Status der Eltern ab. Was tut der Staat?

Zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg besteht am Ende der neunten Klasse effektiv ein gewisser Zusammenhang, wie die Pisa-Erhebungen zeigen. Allerdings ist der Zugang zur Tertiärbildung in der Schweiz deutlich weniger stark von der Bildung der Eltern abhängig als in Ländern wie beispielsweise Deutschland oder Dänemark. Das liegt insbesondere an der von Bund und Kantonen engagiert verfolgten hohen Durchlässigkeit unseres Bildungssystems, das solche Disparitäten zu mindern vermag.

Ein Neuntklässler soll auf Interesse und Begabung schauen.

Anfang Jahr haben Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt das Leitbild «Berufsbildung 2030» einstimmig verabschiedet. Die Grundsätze sind allgemein gehalten. Handelt es sich um einen Papiertiger?

Nein, das ist ein nützliches Papier, das nun aber noch in Projekten konkretisiert werden muss. Daran arbeiten die Verbundpartner der Berufsbildung – Bund, Kantone, Organisationen der Arbeitswelt – gemeinsam.

Die von Ihnen im Jahr 2011 lancierte Fachkräfteinitiative setzt unter anderem auf die Berufsbildung für Erwachsene: Ungelernte Erwachsene können einen staatlich anerkannten Abschluss nachholen. Wie erfolgreich ist dieses Instrument?

Wir sind zufrieden: Seither hat die Zahl der Erwachsenen ohne Berufsabschluss um über 10 Prozent abgenommen, und die Zahl der Berufsabschlüsse von Erwachsenen steigt von Jahr zu Jahr.

Sie betonen die Wichtigkeit des lebenslangen Lernens. Wo beginnt die Eigenverantwortung des Einzelnen?

Lebenslanges Lernen ist ein Muss – jeder ist selber dafür verantwortlich. Der Staat soll nur unterstützend eingreifen.

Lohnt es sich für den Staat, eine Weiterbildung zu finanzieren?

Man muss über das eigene Kässeli hinausdenken – dann lohnt es sich gesamtwirtschaftlich. So entlastet eine von der Arbeitslosenversicherung bezahlte Weiterbildung möglicherweise – ohne das direkt zu beabsichtigen – die Gesundheitskosten und trägt zu höheren Steuereinnahmen bei. Oder: Indem der Staat einen Sprachkurs finanziert, sinken die Sozialhilfekosten.

Am wenigsten unterstützen Arbeitgeber Mitarbeiter ohne Berufsabschluss.

Ältere Arbeitnehmende, Niedrigqualifizierte oder Teilzeit arbeitende Frauen sind benachteiligt, wenn es um Weiterbildung geht: Arbeitgeber ermöglichen ihnen nur selten eine Weiterbildung, wie Daten des Bundesamtes für Statistik zeigen. Sollten die Unternehmen hier nicht mehr tun?

Es steht im Interesse der Arbeitgeber, die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter auf allen Stufen zu begünstigen. Meines Wissens lassen sich aufgrund des Geschlechts keine signifikanten Unterschiede feststellen. Auch bei den Teilzeitbeschäftigten mit einem Beschäftigungsgrad zwischen 50 und 90 Prozent kommen zwei Drittel der Betroffenen in den Genuss von arbeitgeberunterstützter Weiterbildung. Personen, die weniger als 50 Prozent arbeiten, werden hingegen seltener unterstützt. Am wenigsten unterstützen Arbeitgeber Mitarbeiter ohne Berufsabschluss. Die Weiterbildung von Niedrigqualifizierten fördert der Bund deshalb mit dem Programm «Grundkompetenzen am Arbeitsplatz».

Der Bundesrat hat jüngst beschlossen, mehr Geld für die höhere Berufsbildung auszugeben. Wer sich auf eine eidgenössische Prüfung vorbereitet, wird seit Anfang Jahr finanziell unterstützt. Warum?

Die Schweiz braucht mehr hoch qualifizierte Fachkräfte. Mit den Bundesbeiträgen wollen wir die Kursteilnehmer finanziell entlasten und zu einer Höherqualifizierung motivieren. Zudem wollen wir mehr Gerechtigkeit auf der tertiären Bildungsstufe schaffen. Im Vergleich zu den Hochschulen erhält die höhere Berufsbildung wenig öffentliche Mittel.

Woher nimmt der Bund das Geld?

Wirtschaft, Kantone und Bund finanzieren die höhere Berufsbildung gemeinsam. Sie ist einer der Schwerpunkte in der laufenden Förderperiode. Die dafür notwendigen Mittel hat das Parlament bewilligt. Insgesamt sind für die Jahre 2017 bis 2020 rund 360 Millionen Franken vorgesehen.

Der liberale Thinktank Avenirsuisse kritisiert, bei den Hochschulen finde eine Nivellierung gegen unten statt. Was sagen Sie dazu?

Verbesserungen sind immer möglich. Wir sprechen hier von Optimierungen auf hohem Niveau. Schweizer Universitäten spielen in der Topliga: Die ETH Zürich gilt als die beste kontinentaleuropäische Hochschule. Die Leistungen unserer Hochschulen sind unter anderem auch deswegen so gut, weil wir in der Schweiz das Phänomen der Massenuniversitäten nicht kennen.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Bürokratie in Lehre und Forschung nehme zu?

Schon früher klagten Professoren über viel Bürokratie, weil sie sich mit Dingen wie Immatrikulation, Testaten und der Organisation von Prüfungsaufsichten befassen mussten.  Diesbezüglich werden sie inzwischen von einer professionellen Hochschuladministration entlastet. Heute kritisieren sie den Mehraufwand, der bei der Qualitätssicherung, der Führung oder der Drittmittelakquisition entsteht. Es gilt, unnötige Bürokratie zu vermeiden. Letztlich muss eine Balance zwischen der Forschungsfreiheit und einem sorgfältigen Umgang mit öffentlichen Geldern gefunden werden.

Jeder vierte Student bricht das Studium ab. Was kann dagegen getan werden?

Diese hohe Zahl täuscht: Sie beinhaltet auch Studierende, die ihr Fach oder die Ausbildung wechseln. Wirklich problematisch sind nur diejenigen Fälle, wo Studierende am Schluss ohne Abschluss dastehen. Als Präsident der Schweizerischen Hochschulkonferenz setze ich mich dafür ein, die Studienabbrüche so stark zu reduzieren wie möglich. Die Hochschulen sind nicht untätig geblieben. So informieren sie beispielsweise die Gymnasiasten über die Studienvoraussetzungen, führen Assessments durch und haben ein Mentorsystem aufgebaut.

Ein radikaler Weg wäre ein flächendeckender Numerus clausus.

Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern haben wir eine tiefe gymnasiale Maturitätsquote. Wer in der Schweiz eine Maturität in der Tasche hat, kann grundsätzlich direkt an einer Hochschule studieren. Das soll weiterhin so bleiben. Ausnahmen kennen wir zurzeit nur in speziellen Bereichen wie in der Medizin, wo die Ausbildung auch qualifizierte und teure Praxisplätze erfordert.

Die Berufswelt wird zusehends akademisiert. So fordern die Rektoren der pädagogischen Hochschulen einen Masterabschluss für Primarlehrer und Kindergärtner. Ist das in Ihrem Sinn?

Ausbildungswege sollten wir nur dann verlängern, wenn es notwendig ist und die Arbeitswelt dies auch ausdrücklich verlangt. Die Verlängerung von Ausbildungen ist teuer, und sie geht erfahrungsgemäss zulasten sozial benachteiligter Studierender und bereits im Einsatz stehender Fachkräfte, die nicht über ein neues Diplom verfügen. Kommt dazu: Längere Ausbildungswege entziehen dem Arbeitsmarkt wertvolle Fachkräfte beziehungsweise verzögern deren Eintritt in die Arbeitswelt.

Was heisst dies im Fall der Primarlehrer?

Darüber müssen die Kantone als Arbeitgeber der Lehrer und Zuständige für die Lehrerbildung entscheiden – derzeit erachtet die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren einen Bachelorabschluss für Primarlehrer als ausreichend.

Sie sind der erste Bundesrat, der die Bildung komplett unter sich hat. Welche bildungspolitischen Ziele wollen Sie bis zum Ende Ihrer Bundesratszeit noch erreichen?

Ich engagiere mich voll und ganz für die Bildung. Besonders am Herzen liegt mir die Berufsbildung. Mein Ziel ist es, allen Menschen in unserem Land eine Stelle anbieten zu können und so praktisch Vollbeschäftigung zu sichern. Bildung ist die beste Einladung zum Erfolg. Dadurch bleiben wir an der Spitze der Innovationsrankings.

Wenn Sie auf Ihren beruflichen Werdegang zurückblicken, was würden Sie anders machen?

Ich habe eine Begabung für alles im Zusammenhang mit Zahlen. Darum schloss ich ein wissenschaftliches Studium ab. Im Rückblick würde ich es so machen wie mein Sohn, der sein Studium teilweise in französischer und teilweise in englischer Sprache absolviert hat.

Was möchten Sie gerne noch lernen?

Wie bereits gesagt, sind Sprachen in Zeiten der Globalisierung das A und O, und das je länger, je mehr. Neben Französisch und Englisch wären auch die anderen Sprachen der Weltmärkte, insbesondere Spanisch und Chinesisch, von Nutzen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

Johann N. Schneider-Ammann

Der 66-jährige Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann ist seit 2010 Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). In dieser Funktion präsidiert er die Schweizerische Hochschulkonferenz (SHK). In den Siebzigerjahren studierte er an der ETH Zürich Elektrotechnik. Im Jahr 1990 übernahm er die Leitung des Langenthaler Maschinenbauunternehmens Ammann Group. Neun Jahre später wurde der Berner FDP-Politiker in den Nationalrat gewählt. Gleichzeitig präsidierte er den Verband der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem. Seinen Rücktritt aus dem Bundesrat hat er auf das Legislaturende 2019 angekündigt.

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

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