Swiss Ledger: Eine digitale Infrastruktur für alle
Seit Kurzem kann man in Lugano Steuern und alltägliche Einkäufe mit einer eigenen digitalen Währung bezahlen. (Bild: Keystone)
Die Finanzwelt wird immer digitaler. Mit Open Banking können Kundinnen und Kunden einer Bank ihre Finanzdaten sicher an andere Anbieter weitergeben. Die Bank stellt dafür technische Schnittstellen bereit, die den Datenaustausch ermöglichen. Doch viele der Plattformen, auf denen unser Zahlungsverkehr oder das Bankwesen inzwischen basiert, gehören privaten, oft ausländischen Unternehmen – beispielsweise den grössten internationalen Kreditkartenunternehmen oder Online-Bezahldiensten. Das birgt Risiken: Einzelne Anbieter gewinnen zu viel Macht und treffen strategische Investitionsentscheidungen. Ob, wann und worin investiert wird, liegt zunehmend in den Händen einiger weniger Anbieter.
Vertrauen statt Zwang
Die Schweiz hat einen besonders eigentümlichen regulatorischen Weg gewählt, diesen Herausforderungen zu begegnen: einen marktorientierten Ansatz zu Open Banking, der Marktteilnehmern freie Wahl und Experimentierfreiheit lässt. Ziel ist es, technologische Innovationen zu fördern und das Vertrauen der Nutzerinnen in die Anbieter solcher technologischen Innovationen zu erhalten sowie die Integration in bestehende Technologien zu gewährleisten. In der Schweiz haben Bundesbehörden die bestehende Gesetzgebung im Fintech-Bereich zielgerichtet aktualisiert und somit Sondergesetze vermieden. Die zurückhaltende regulatorische Haltung in der Schweiz schafft gute Voraussetzungen für nachhaltige Innovation.
Laut dem Cambridge Centre for Alternative Finance (2024) ist die Schweiz das einzige Land in Europa, das bei Open Banking und Open Finance komplett auf Freiwilligkeit und Marktmechanismen setzt. Von weltweit 82 erfassten Ländern haben 28 einen marktorientierten Ansatz gewählt (siehe Abbildung). Die Mehrheit von 54 Ländern bevorzugt den regulierungsorientierten Ansatz, darunter auch die EU. Beim regulierungsorientierten Ansatz schreibt der Staat genau vor, wie Banken ihre Daten mit anderen Unternehmen teilen müssen.
Die meisten Länder wählen einen regulierungsorientierten Ansatz zu Open Banking und Open Finance

Lugano als Vorreiterin
Die Stadt Lugano positioniert sich als Vorreiterin, um digitale Lösungen praktisch zu erproben. So hat sie im Jahr 2020 mit LVGA eine lokale digitale Währung eingeführt. Diese wurde direkt in die MyLugano-App integriert. Damit können Bürgerinnen und Bürger öffentliche Dienstleistungen sowie Konsumgüter bei über 500 teilnehmenden Händlern ohne Transaktionsgebühren bezahlen. Seit 2022 ermöglicht Lugano im Rahmen von Plan ₿ auch Zahlungen mit Bitcoin und Stablecoins. Lugano gehört damit zu einer der ersten Städte der Welt, in denen Steuern, Dienstleistungen und alltägliche Einkäufe mit Kryptowährungen bezahlt werden können. Die lokale Stadtverwaltung, die Händler und Gewerbetreibenden boten zielgerichtete Schulungen und Anreize an, was das Projekt erst möglich machte, alles unter Einhaltung der schweizerischen Geldwäscherei- und Steuerbestimmungen.
Im Jahr 2025 entstand daraus Swiss Ledger – eine öffentliche, digitale Bankeninfrastruktur. Ähnlich wie Strassen oder Wasserleitungen wird Swiss Ledger als gemeinschaftliches Gut betrachtet, das nicht von einzelnen Unternehmen kontrolliert wird. Denn die moderne Verantwortung der öffentlichen Hand besteht nicht nur darin, physische öffentliche Infrastruktur bereitzustellen, sondern auch, zugängliche und sichere digitale Infrastrukturen zu schaffen.
Swiss Ledger bietet sich genau nach diesem Motto als technologisches Fundament an, auf dem die Gesellschaft neue Rechte, Dienstleistungen und Wirtschaftsmodelle aufbauen kann. Eingesetzt wird die Infrastruktur unter anderem, um Dokumente zu beglaubigen, Sachwerte zu tokenisieren – also digital abzubilden –, lokale Wirtschaftsströme zu verfolgen oder offene Finanzlösungen zu schaffen.
Wissen, experimentieren und mitmachen
Im Mittelpunkt des Erfolgs von Lugano steht ein ganzheitlicher Ansatz, der auf drei Säulen fusst: Wissen, experimentieren, mitmachen. Die Stadt glaubt, dass technologischer Wandel nur dann gelingt, wenn die Menschen ihn verstehen, selbst ausprobieren können und sich aktiv daran beteiligen.
Wissen zielt auf eine breite Wissensbasis ab. In Zusammenarbeit mit Universitäten hat Lugano beispielsweise Schulungskurse, öffentliche Veranstaltungen und internationale Foren organisiert und Stipendien bereitgestellt, um Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen Blockchain-Themen näherzubringen. Das Verständnis für neue Technologien ist gestiegen – selbst bei weniger technologieaffinen Bevölkerungsschichten.
Experimentieren heisst, neue Technologien in realen Situationen zu testen. Projekte wie MyLugano und LVGA, aber auch Kryptozahlungen in lokalen Geschäften wurden schrittweise eingeführt und im Alltag getestet.[1] Die Nutzenden erlebten Innovation unmittelbar, was ihr Vertrauen und Verständnis stärkte. Auch öffentliche Einrichtungen und Unternehmen wirkten aktiv mit.
Mitmachen ist schlussendlich das Leitprinzip jeder erfolgreichen Governance: Bürgerinnen, Bürger, Unternehmen und Institutionen sehen nicht nur zu, sondern treiben den Wandel selbst voran. Mit dem Lugano Living Lab hat Lugano beispielsweise einen offenen Raum geschaffen, in dem Ideen gemeinsam entwickelt, getestet und verfeinert werden. Diese breite Mitwirkung stärkt die Akzeptanz für neue Lösungen und fördert das Vertrauen in die öffentliche Hand.
Swiss Ledger als Wegweiser
Swiss Ledger zeigt, dass es möglich ist, Innovationen und den Schutz kollektiver Interessen gleichzeitig zu erreichen. Die aktive Mitwirkung verschiedener Akteure aus der Gesellschaft sowie der Institutionen verhindert zudem Monopolmacht und schafft eine lokale Alternative. Die Plattform versteht sich als Beispiel dafür, wie eine digitale Infrastruktur von unten nach oben entstehen kann: gemeinsam mit der Bevölkerung, aus der Praxis heraus. Wie die Naturelemente, aber auch wie die Privatsphäre und die persönliche Identität muss auch die digitale Identität als ein zu schützendes Gemeingut anerkannt werden.
Diese Erfahrung aus Lugano und der Aufbau von Swiss Ledger sollen auch anderen öffentlichen Akteuren in der Schweiz zeigen, dass Innovation gelingt, wenn sie gemeinsam entwickelt und geteilt wird, fortschrittlich ist und dem Gemeinwohl dient. In einer zunehmend digitalen Welt wird die Fähigkeit, den Wandel gemeinsam zu testen, anzupassen und zu steuern, wohl eine der wertvollsten Ressourcen für lokale und nationale Demokratien sein.
- Siehe Beretta et al. (2025). []
Literaturverzeichnis
- Barisone, L. und R. Bregy (erscheint demnächst). Institutional Blockchains as Sustainable Commons: the Case of SwissLedger. Bei 5th International Workshop on Distributed Infrastructure for Common Good – 20 July, 2025, Glasgow eingereicht und angenommen.
- Beretta, E., Bregy, R. und G. Zucco (2025). From Bitcoin to Stablecoins and Their Contribution to the Monetary Landscape: the Case of Lugano’s Plan ₿. Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung, Bd. 2, Nr. 2, 249–260.
- Cambridge Centre for Alternative Finance (2024). The Global State of Open Banking and Open Finance, Cambridge: Cambridge Centre for Alternative Finance.
- SwissBanking – Schweizerische Bankiervereinigung (2020). Open Banking. Eine Auslegeordnung für den Schweizer Finanzplatz.
Bibliographie
- Barisone, L. und R. Bregy (erscheint demnächst). Institutional Blockchains as Sustainable Commons: the Case of SwissLedger. Bei 5th International Workshop on Distributed Infrastructure for Common Good – 20 July, 2025, Glasgow eingereicht und angenommen.
- Beretta, E., Bregy, R. und G. Zucco (2025). From Bitcoin to Stablecoins and Their Contribution to the Monetary Landscape: the Case of Lugano’s Plan ₿. Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung, Bd. 2, Nr. 2, 249–260.
- Cambridge Centre for Alternative Finance (2024). The Global State of Open Banking and Open Finance, Cambridge: Cambridge Centre for Alternative Finance.
- SwissBanking – Schweizerische Bankiervereinigung (2020). Open Banking. Eine Auslegeordnung für den Schweizer Finanzplatz.
Zitiervorschlag: Beretta, Edoardo; Bregy, Robert (2025). Swiss Ledger: Eine digitale Infrastruktur für alle. Die Volkswirtschaft, 08. Juli.