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Das goldene Zeitalter der Medizin

Die Medizin hat sich in den letzten 200 Jahren rasant verändert. Was als Fortschritt gilt, ist aber oft eine Frage der zeitlichen Perspektive.
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Das Antibiotikum Penicillin ist eine der bedeutendsten Errungenschaften in der Medizin. Gewonnen wird es aus dem Pilz Penicillium chrysogenum. (Bild: Keystone)

Die schweizerische Gesundheitswirtschaft – also die Pharma- und die Medizinproduktebranche – erlebt seit Längerem ein goldenes Zeitalter: Die Umsätze steigen, und die Nachfrage nach Gesundheitsprodukten wie Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln ist ungebrochen. Die Medizin erfreut sich im Wesentlichen seit über 200 Jahren einer ungebremsten Fortschrittseuphorie. Hierbei wird gern auf vergangene Perioden zurückgeblickt mit einem gewissen Mitleid, dass moderne Errungenschaften nicht schon damals eingesetzt werden konnten.

Die moderne Medizingeschichte fragt nicht nur nach Fortschritt, sondern zeigt, dass Medizin vom jeweiligen Zeitgeist geprägt ist. Von einem goldenen Zeitalter spricht man dann, wenn Medizin und Gesellschaft grosse Erwartungen an neue Entwicklungen knüpfen. Je nachdem, wen man fragt, fällt die Antwort anders aus. Der Historiker Ronald D. Gerste nennt die Jahre 1840 bis 1914 – eine Phase tiefgreifender Umbrüche in der wissenschaftlichen Medizin.[1] Er verweist auf bahnbrechende Entdeckungen wie Antisepsis, Anästhesie, Röntgenstrahlung und Bakteriologie. In dieser Zeit wurden wichtige Weichen gestellt. Allerdings waren diese grossen Konzepte vorerst praktisch irrelevant: Man konnte etwa Keime erkennen, aber es gab noch keine Antibiotika und nur beschränkt Impfungen, um sie zu bekämpfen.

Der in Harvard lehrende Historiker Charles Rosenberg nannte ungefähr dieselbe Phase das Zeitalter einer therapeutischen Revolution: Die verwissenschaftlichte Medizin in Verbindung mit den genannten Entdeckungen verhiess einen Siegeszug der modernen Medizin, was mit neuen Therapiekonzepten einherging.[2] Im Rahmen der therapeutischen Revolution rückten krankheitsspezifische und objektiv nachweisbare Ursachen für die Behandlung von Krankheiten ins Zentrum. Für Rosenberg lag der Umbruch aber nicht einfach in neuen Heilmethoden, sondern darin, dass sich eine naturwissenschaftlich geprägte Medizin durchsetzte – mit Fachbegriffen und Konzepten, die Laien kaum verstanden. Die neuen Fachbegriffe und Konzepte bedingten, dass die Menschen dieser neuen wissenschaftlichen Medizin vertrauten. Dieses Vertrauen bildet bis heute das Fundament: Auch wenn es alternative Heilansätze gibt, dominiert weiterhin die spezialisierte, wissenschaftliche Medizin.

Sechzehn Meilensteile der Medizintechnologie

Quelle: Bundesverband Medizintechnologie (2024) / Die Volkswirtschaft

Therapien blieben lange nutzlos

Der britische Sozialmediziner Thomas McKeown argumentierte, dass die meisten Therapien bis weit in das 20. Jahrhundert hinein kaum Einfluss auf die Lebenserwartung hatten, die in Europa damals enorm zunahm. Stattdessen sah er den Hauptgrund in gesellschaftlichen Veränderungen und dem wachsenden Lebensstandard.[3] McKeown gilt damit als Vordenker des Konzepts der sozialen Determinanten von Gesundheit: Die soziale Lage – also beispielsweise Wohnverhältnisse und Ernährung – hat einen grossen Einfluss auf die Gesundheit des Einzelnen. Wie gross der Beitrag eines Gesundheitswesens zur Entwicklung der Lebenserwartung war, bleibt allerdings eine schwierig zu beantwortende medizinhistorische Frage.

Ab 1945 gab es vermehrt Innovationen, etwa im Bereich der Pharmakotherapie – der medizinischen Behandlung mit Medikamenten: Zu den wichtigsten pharmazeutischen Innovationen gehören Antibiotika wie Penicillin oder der Einsatz von Cortison. Später aber auch in der technischen Entwicklung der Medizin: Zu den aufsehenerregenden Innovationen gehören beispielsweise der Herzschrittmacher oder das Cochlea-Implantat (siehe Abbildung).[4] Dadurch wurden die Grundlagen des Kampfs gegen viele Krankheitsgruppen ganz neu aufgebaut. Selman Waksman, der Nobelpreisträger und Entdecker des Antibiotikums Streptomycin, sprach 1952 in seiner Nobelpreisrede von einer medizinischen Revolution. Auch in der Psychiatrie setzte damals ein Wandel ein. Neue Medikamente ermöglichten erstmals eine wirksame Behandlung und führten langfristig zum Rückgang grosser psychiatrischer Anstalten.[5]

Moderne Medizin schafft Krankheiten

Man kann also sagen: Die 1950er- und 1960er-Jahre kamen der Vorstellung goldener Jahre in der Medizin recht nahe. Krankheiten, die man vorher kaum kannte oder die schlicht als unheilbar galten, wurden behandelbar. Auch die Lebenserwartung erhöhte sich noch einmal deutlich. Trotzdem blieb die Frage offen, wie dieser Fortschritt einzuordnen ist, besonders wenn man ihn nicht nur aus Sicht der Medizin, sondern auch gesellschaftlich betrachtet. Krankheiten waren nämlich nie nur körperliche Phänomene, sondern immer mit gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen verbunden: Quecksilber galt lange als wirksames Heilmittel etwa gegen Syphilis oder als Entwurmungsmittel. Trotz seiner schädlichen Wirkung kam es bis ins 20. Jahrhundert bei vielen Krankheiten zum Einsatz. Es steht beispielhaft für eine Therapieform, die gesellschaftlich breit akzeptiert war, gleichzeitig aber auch krank machte.

Für den Theologen und Medizinkritiker Ivan Illich war auch die moderne Medizin keineswegs ein goldenes Zeitalter, in dem allein das Wohl der Erkrankten im Zentrum stand.[6] Vielmehr sprach er in den 1970ern von einer Nemesis der modernen Medizin: Die moderne Medizin produziere mit all ihren diagnostischen und therapeutischen Mitteln immer mehr Krankheitsfälle gleich selbst. Vor allem deshalb, weil sie immer mehr Lebensbereiche in den Gesundheitsmarkt einverleibe: Im Zuge einer umgreifenden Medikalisierung würden beispielsweise Geburt und Tod zunehmend medizinisch definiert und der persönlichen Bedeutungsebene entzogen. Illichs Reaktion auf die Fortschritte der Medizin in den Nachkriegsjahren stellt daher die wichtige Frage, aus wessen Perspektive die Definition eines goldenen Zeitalters zutrifft. Dies erinnert daran, dass die ungebremste Fortschrittseuphorie der modernen Medizin ein historisches Phänomen ist und damit gesellschaftlicher Verhandlung unterliegt.

  1. Siehe Gerste (2021). []
  2. Siehe Rosenberg (1977). []
  3. Siehe McKeown (1979). []
  4. Siehe Greene, Condrau und Siegel Watkins (2016). []
  5. Siehe Healy (1997). []
  6. Siehe Illich (2022). []

Literaturverzeichnis
  • Bundesverband Medizintechnologie – BVMed (2024). Geschichte der Medizintechnik – Meilensteine der Medizintechnologien.
  • Gerste, R.D. (2021). Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840–1914, Stuttgart.
  • Greene, J., Condrau, F. und E. Siegel Watkins (Hg.) (2016). Therapeutic Revolutions: Pharmaceuticals and Social Change in the Twentieth Century, Chicago: University of Chicago Press.
  • Healy, D. (1997). The Antidepressant Era, Harvard: University Press.
  • Illich, I. (2022). Die Nemesis der Medizin: Die Kritik der Medikalisierung des Lebens, München. 1975.
  • McKeown, T.R. (1979). The Role of Medicine: Dream, Mirage, or Nemesis? Princeton University Press.
  • Rosenberg, C.E. (1977). The Therapeutic Revolution: Medicine, Meaning, and Social Change in Nineteenth-Century America, in: Perspectives in Biology and Medicine 20: 485–506.

Bibliographie
  • Bundesverband Medizintechnologie – BVMed (2024). Geschichte der Medizintechnik – Meilensteine der Medizintechnologien.
  • Gerste, R.D. (2021). Die Heilung der Welt. Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840–1914, Stuttgart.
  • Greene, J., Condrau, F. und E. Siegel Watkins (Hg.) (2016). Therapeutic Revolutions: Pharmaceuticals and Social Change in the Twentieth Century, Chicago: University of Chicago Press.
  • Healy, D. (1997). The Antidepressant Era, Harvard: University Press.
  • Illich, I. (2022). Die Nemesis der Medizin: Die Kritik der Medikalisierung des Lebens, München. 1975.
  • McKeown, T.R. (1979). The Role of Medicine: Dream, Mirage, or Nemesis? Princeton University Press.
  • Rosenberg, C.E. (1977). The Therapeutic Revolution: Medicine, Meaning, and Social Change in Nineteenth-Century America, in: Perspectives in Biology and Medicine 20: 485–506.

Zitiervorschlag: Condrau, Flurin; Diener, Leander (2025). Das goldene Zeitalter der Medizin. Die Volkswirtschaft, 09. September.