Nullsummendenken: Wohlstand auf Kosten anderer?
Gemäss einer Studie zum Wohlstand ist rund ein Drittel der Ansicht, dass jemand nur gewinnen kann, wenn jemand anders verliert. (Bild: Keystone)
Nein, unsere arbeitsteilige Wirtschaft erlaubt meist, dass über Tausch alle ihre Situation verbessern können. Bei gewissen Interaktionen wie etwa dem Kampf um Marktanteile kann es jedoch sehr wohl sein, dass jemand nur gewinnen kann, wenn jemand anders verliert. Wenn eine Person dies als generelle Weltsicht hat, dann sprechen wir von ausgeprägtem Nullsummendenken.
Weitverbreitet. In einer von uns erstellten Studie von 2025 gaben von 11’000 Befragten rund 30 Prozent an, dass sie Wohlstandsmehrung als Nullsummenspiel sehen. Gleichzeitig sieht etwa ein Drittel Wohlstand als wachsenden Kuchen, von dem alle profitieren können. Der Rest gab Einschätzungen dazwischen ab.
Es kommt in allen Altersgruppen und sozialen Schichten vor, wenn auch etwas weniger häufig bei Personen mit einem hohen Bildungsabschluss oder hohem Einkommen. Auch parteipolitisch lassen sich kaum klare Lager erkennen: Menschen mit dieser Weltsicht finden sich bei allen grossen Parteien, wenn auch etwas häufiger im linken Spektrum.
Personen mit stärker ausgeprägtem Nullsummendenken geben im Durchschnitt eine tiefere Lebenszufriedenheit an.
Zumindest zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang: Personen mit stärker ausgeprägtem Nullsummendenken geben im Durchschnitt eine tiefere Lebenszufriedenheit an – unabhängig von der Höhe des Einkommens oder der Bildung. Die Daten erlauben keine eindeutige kausale Interpretation. Dennoch scheint es uns plausibel, dass die konstante Wahrnehmung von Knappheit, Konkurrenz und Benachteiligung zu Stress, Ängstlichkeit und Frustration beiträgt, was das subjektive Wohlbefinden direkt beeinträchtigt.
Das ist schwierig zu beantworten. Wenn es tatsächlich die Erfahrung von Knappheit und Konkurrenz ist, die eine solche Denkweise fördert, können wir die Ergebnisse als Signal interpretieren: Offenbar «produziert» unser Wirtschaftssystem neben höherem Wohlstand auch viele solche Erfahrungen – etwa auf dem Arbeits- oder dem Wohnungsmarkt. Zumindest wird das vorhandene Arbeitsvolumen fälschlicherweise häufig als fix dargestellt.
Die letzten Monate liefern viele Beispiele, wie Politiker in ihren Narrativen eine Nullsummensicht aufgreifen. Dies ist besonders dann attraktiv, wenn Abwehrreflexe provoziert werden sollen. Die Gewinne anderer werden dann schnell zur Bedrohung. So beispielsweise bei der Handels- oder der Migrationspolitik.
Interview: «Die Volkswirtschaft»
Zitiervorschlag: Nachgefragt bei Alois Stutzer, Universität Basel (2026). Nullsummendenken: Wohlstand auf Kosten anderer? Die Volkswirtschaft, 26. Februar.
