Entscheidungen über Leben und Tod beruhen auch auf ethisch relevanten Werten. (Bild: Keystone)
Wer im Gesundheitswesen arbeitet oder sich mit Gesundheitspolitik beschäftigt, stösst schnell auf schwierige Fragen: Wer bekommt welche Behandlung? Was darf eine Therapie kosten? Und wer trägt die Verantwortung? Denn nicht alles ist für alle gleichzeitig möglich.
Solche Fragen lassen sich nicht allein mit Zahlen oder Gesetzen beantworten. Die Antworten basieren auch auf unserer Gewichtung und Realisierung grundlegender ethisch relevanter gesellschaftlicher Werte. Ein zentrales normatives Prinzip dabei ist: Alle Menschen in der Schweiz haben Anspruch auf eine medizinische Grundversorgung. Insbesondere in Notfällen müssen sie sich darauf verlassen können, dass sie rasch und angemessen versorgt werden – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Aufenthaltsstatus. Dieses Ziel ist in der Bundesverfassung, im Krankenversicherungsgesetz und in den Berufskodizes der Gesundheitsberufe verankert.
Drei Dimensionen der Ethik
Es gibt drei Dimensionen der Ethik (siehe Tabelle): erstens ethische Grundlagen, also das, was weitgehend als gut gilt. Zum Beispiel individuelle Grundrechte achten – Menschenrechte oder das Recht auf persönliche Freiheit –, sich um Bedürftige kümmern oder vulnerable Gruppen schützen.
Zweitens ethische Probleme. Sie treten auf, wenn grundlegende Werte verletzt werden – etwa wenn Behandlungen empfohlen werden, die zwar gut vergütet sind, aber wenig Nutzen bringen. Oder wenn Fachpersonen unter Druck geraten, entgegen ihrem Berufsethos zu handeln. Auch sind sozial benachteiligte Menschen häufiger krank und sterben im Durchschnitt früher. Sie erhalten trotz höherem Bedarf oft weniger Leistungen oder haben schlechteren Zugang zur Versorgung.
Drittens ethische Dilemmata: Sie entstehen, weil man nicht alle ethisch relevanten Werte gleichzeitig berücksichtigen kann. Darunter fällt beispielsweise die Triage auf der Intensivstation: Zwei Patientinnen brauchen dringend eine lebensrettende Behandlung, aber nur ein Bett ist frei. Wer bekommt es, wo doch beide ein Recht auf Leben haben? Ein weiteres Beispiel sind die Freiheitsbeschränkungen während der Coronapandemie. Der Staat erliess Massnahmen wie Ausgangssperren und Quarantänepflichten. Ziel war es, besonders gefährdete Personen zu schützen und eine Überlastung der Spitäler zu verhindern. Gleichzeitig griffen diese Massnahmen tief in Grundrechte ein – etwa in die Bewegungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit oder das Recht auf soziale Teilhabe.
Oft sind ethische Dilemmata daher schmerzhafte Lose-lose-Situationen, denen man weder durch Berechnungen noch durch technische Lösungen einfach entgehen kann. Die Triagesituation auf der Intensivstation, zu der die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften breit abgestützt Richtlinien erarbeitet hat, ist ein Beispiel für den Umgang mit ethischen Dilemmata.[1] Ein anderes sind die Prozesse der Zuteilung von Organen auf der Basis rechtlicher Grundlagen durch Swisstransplant.
Ethische Dilemmata führen oft zu Lose-lose-Situationen
| Dimension | Definition | Beispiele |
| Ethische Grundlagen | Was moralisch motivierte Akteure weitgehend als gut betrachten | Individuelle Grundrechte achten, das Gemeinwohl fördern, sich um Bedürftige kümmern, vulnerable Gruppen schützen |
| Ethische Probleme | Was moralisch motivierte Akteure weitgehend als schlecht betrachten | Verletzung von Grundrechten, eigene Interessen bei medizinischen Behandlungen voranstellen, Macht ausüben, ohne Verantwortung zu übernehmen |
| Ethische Dilemmata | Konflikte zwischen ethisch relevanten Werten, Prinzipien und Interessen, nicht Win-win-, oft Lose-lose-Situationen | Triagesituationen, Freiheitseinschränkungen zum individuellen Schutz oder zum Schutz Dritter, Ressourcenverteilung zwischen gleichermassen bedürftigen Gruppen |
Unterschiedliche Herangehensweisen
Diese drei ethischen Dimensionen erfordern jeweils eine andere Herangehensweise. Wenn wir ethische Grundlagen umsetzen wollen, müssen wir uns über gemeinsame Werte einig sein. Es braucht aber auch Strukturen, Abläufe und Ressourcen, die das ermöglichen. Es genügt nicht, nur wirtschaftlich effizient zu handeln oder sich an das gesetzliche Minimum zu halten. Damit Patientinnen und Patienten gut informiert entscheiden können, braucht es evidenzbasierte Entscheidungshilfen. Diese sollen Fachpersonen und Betroffene gemeinsam nutzen, um passende Behandlungen zu wählen – das sogenannte Shared Decision Making. Voraussetzung dafür sind spezifische kommunikative Fertigkeiten bei den Fachpersonen sowie digitale, organisatorische und schulische Strukturen, welche die Implementierung von Shared Decision Making und eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung fördern. Dies ist in der Schweiz bisher leider nur unzureichend passiert.
Bei ethischen Problemen braucht es die Sensibilität, diese überhaupt zu erkennen, sowie den Mut, sie anzusprechen. Ebenso braucht es stabile Strukturen und rechtsstaatlich verlässliche Prozesse. Nur so lassen sich Ursachen bekämpfen, nicht nur Symptome. Und nur so bleibt die Integrität der Beteiligten gewahrt. Qualitätssicherungsmassnahmen für eine aktive Fehlerkultur wie Speak-up-Programme, Trainings in der Kommunikation medizinischer Fehler und unerwünschter Ereignisse oder auch anonyme Meldesysteme von Beinahefehlern – die sogenannten Critical Incident Reporting Systems – tragen dazu bei.
Der Umgang mit ethischen Dilemmata ist besonders anspruchsvoll. Fachpersonen sowie politische und wirtschaftliche Entscheidungsträgerinnen und -träger müssen erkennen, welche Werte miteinander im Konflikt stehen, und wissen, welche davon grundsätzlich schützenswert sind. Sie brauchen auch klare Verfahren, um in solchen Situationen verantwortungsvoll zu entscheiden. Denn solche Konflikte lassen sich nicht technisch oder bürokratisch lösen. Man muss sich ihnen stellen.
Pandemieplan des Bundes
Der kürzlich veröffentlichte aktualisierte Pandemieplan des Bundes enthält nicht nur Massnahmen zur Eindämmung von Infektionskrankheiten. Ethik wird auf der obersten Strategieebene thematisiert und erhält erstmals auch ein eigenes Kapitel im Pandemieplan.[2] Dort sind zentrale Werte wie der Schutz der Schwächsten, Transparenz, Verhältnismässigkeit und Solidarität als Leitlinien für politische und medizinische Entscheidungen verankert.
Das Kapitel legt dar, wie ethische Dilemmata erkannt und fair abgewogen werden sollen. Es beschreibt Kriterien für prioritären Zugang zu Ressourcen wie Impfstoffen, Tests oder Intensivbetten. Zudem betont es die Bedeutung von Beteiligung: Auch vulnerable Gruppen sollen in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Der Plan versteht sich als sogenanntes Living Document: Er wird laufend überarbeitet und von Fachpersonen aus Ethik, Medizin, Pflege, Recht und Verwaltung gemeinsam weiterentwickelt. Auch die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin, die Zentrale Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften sowie die Ethikkommission der Schweizerischen Pflegefachfrauen und -männer wirkten mit. Seit mehreren Jahrzehnten beziehen sie Stellung zur Frage nach einem ethisch fundierten Gesundheitswesen, zum Beispiel zur Frage nach Medikamentenpreisen oder zu den sogenannten Schwarzen Listen.[3]
Der Pandemieplan zeigt exemplarisch, wie ethische Prinzipien in politische und medizinische Entscheidungsprozesse integriert werden können. In vielen anderen Bereichen des Gesundheitswesens sind ethische Überlegungen zwar präsent, aber oft weniger sichtbar. Das System steckt in einer Krise, welche zentrale ethische und rechtliche Grundlagen nicht nur berührt, sondern auch bedroht. So sind immer mehr Menschen auf Prämienverbilligung angewiesen oder können ihre Ausstände bei der Krankenversicherung oder den Anbietern nicht bezahlen. Vulnerable Gruppen wie geflüchtete Menschen laufen Gefahr, keinen adäquaten Zugang zur Gesundheitsversorgung zu erhalten.[4] Sozial und strukturell benachteiligte Menschen erkranken häufiger und sterben erheblich früher.[5] Dies verletzt in hohem Masse relevante Grundrechte und Gerechtigkeitsprinzipien und bedarf dringend einer Strukturreform.[6] Vor diesem Hintergrund gewinnen internationale Leitbilder an Bedeutung, etwa das Quintuple Aim of Healthcare oder das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, allen Menschen Zugang zu bedarfsgerechter Versorgung zu ermöglichen.[7] Die Versorgung soll sich auf das stützen, was in Studien und Forschung als wirksam und kosteneffizient belegt ist. Gleichzeitig muss sie sich am individuellen Bedarf der Patientinnen und Patienten orientieren und mit ihnen gemeinsam besprochen werden. Die dafür notwendigen Auswertungen und Prozesse müssen heute vielerorts noch geschaffen werden.
Die Antwort auf die Fragen nach einem ethisch fundierten Gesundheitswesen und nach der Lösung relevanter Probleme ist, dass es hierzu keine einfachen Antworten gibt. Das zeigt sich besonders deutlich in der Frage nach dem letzten freien Bett auf der Intensivstation. Verfassungsrechtlich gilt das Recht auf Leben für jeden Menschen gleichermassen. Wenn zwei Menschen denselben medizinischen Bedarf haben, sieht die Richtlinie vor, dass der Mensch mit der schlechtesten kurzfristigen Lebensprognose trotz Intensivtherapie eine rein auf Symptome ausgerichtete Therapie erhalten sollte. Vielleicht erhält also der 75-Jährige mit einem akuten Herzinfarkt das Bett und nicht die junge Mutter mit dem vierten Rückfall ihres Blutkrebses.
- Siehe Akademie der Wissenschaften Schweiz (2023). []
- Siehe Pandemieplan des Bundes. []
- Siehe NEK-CNE (2020, 2023) und ZEK (2020). []
- Siehe Kantonsrat Thurgau (2025). []
- Siehe Schweizer Gesundheitsobservatorium Obsan (2023) und Riou et al. (2021). []
- Siehe Ackermann, P. (2025), Bürgenmeier und Stalder (2025) sowie Kistler (2025). []
- Siehe Itchhaporia (2021) und Weltgesundheitsorganisation (2025). []
Literaturverzeichnis
- Ackermann, P. (2025). Das Schweizer Gesundheitswesen krankt. Wie wird es wieder gesund? Interview mit Tanja Krones. NZZ am Sonntag, 08.02.2025.
- Akademie der Wissenschaften Schweiz – SAMW (2023). Triage Intensivmedizin.
- Bürgenmeier, B. und H. Stalder (2025). Für eine durchgreifende Reform des Schweizerischen Gesundheitswesens. Medizin und Ökonomie im Dialog. Vdf-Hochschulverlag.
- Itchhaporia, D. (2021). The Evolution of the Quintuple Aim: Health Equity, Health Outcomes, and the Economy. J Am Coll Cardiol. 2021 Nov 30;78(22):2262–2264. doi: 10.1016/j.jacc.2021.10.01.
- Kantonsrat Thurgau (2025). Einfache Anfrage «Case management Gesundheit für Asylpersonen» an den Regierungsrat. 24/EA 68/177 vom 18.06.2025.
- Kistler, A. (2025). Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Wie das System zum Patienten wird, 2025. NZZ Libro, Schwabe-Verlagsgruppe, Basel.
- Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin – NEK-CNE (2020). Medikamentenpreise. Überlegungen zum gerechten Umgang mit teuren Medikamenten. Stellungnahme Nr. 35/2020.
- Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin – NEK-CNE (2023). «Schwarze Listen» – Ethische und rechtliche Erwägungen zu einem angemessenen Umgang mit der Praxis ausstehender Krankenkassenprämien. Stellungnahme Nr. 42/2023
- Riou, J. et al. (2021). Socioeconomic Position and the COVID-19 Care Cascade from Testing to Mortality in Switzerland: A Population-based Analysis. The Lancet Public Health, Volume 6, Issue 9, e683–e691.
- Schweizerisches Gesundheitsobservatorium Obsan (2023). Benachteiligungserfahrungen bei der Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Erkenntnisse aus dem International Health Policy Survey 2020. Bericht 08/23.
- Weltgesundheitsorganisation (2025). Universal Health Coverage.
- Zentrale Ethikkommission – ZEK (2020) «Schwarze Listen» – Leistungssperren medizinischer Versorgung aufgrund nicht bezahlter Prämien und Kostenbeteiligungen. Stellungnahme vom 24. Februar 2020, vom Vorstand der SAMW genehmigt am 21. April 2020.
Bibliographie
- Ackermann, P. (2025). Das Schweizer Gesundheitswesen krankt. Wie wird es wieder gesund? Interview mit Tanja Krones. NZZ am Sonntag, 08.02.2025.
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- Kantonsrat Thurgau (2025). Einfache Anfrage «Case management Gesundheit für Asylpersonen» an den Regierungsrat. 24/EA 68/177 vom 18.06.2025.
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- Riou, J. et al. (2021). Socioeconomic Position and the COVID-19 Care Cascade from Testing to Mortality in Switzerland: A Population-based Analysis. The Lancet Public Health, Volume 6, Issue 9, e683–e691.
- Schweizerisches Gesundheitsobservatorium Obsan (2023). Benachteiligungserfahrungen bei der Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Erkenntnisse aus dem International Health Policy Survey 2020. Bericht 08/23.
- Weltgesundheitsorganisation (2025). Universal Health Coverage.
- Zentrale Ethikkommission – ZEK (2020) «Schwarze Listen» – Leistungssperren medizinischer Versorgung aufgrund nicht bezahlter Prämien und Kostenbeteiligungen. Stellungnahme vom 24. Februar 2020, vom Vorstand der SAMW genehmigt am 21. April 2020.
Zitiervorschlag: Krones, Tanja (2025). Zwei Patienten und nur ein Bett auf der Intensivstation – wer bekommt es? Die Volkswirtschaft, 09. September.