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Cyberkriminalität: Den Tätern auf der Spur

Verbrechen finden immer häufiger online statt. Gemeinsam mit den kantonalen Polizeikorps bekämpft das Bundesamt für Polizei Cyberangriffe, Onlinebetrug und andere Formen der digitalen Kriminalität – mit Erfolg.
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Das Bundesamt für Polizei Fedpol verfolgt Spuren über Kantons- und Landesgrenzen hinweg. (Bild: Keystone)

Cyberkriminalität ist eine der dynamischsten Bedrohungen für die innere Sicherheit der Schweiz. Dabei wird unterschieden zwischen Cybercrime und digitaler Kriminalität. Cybercrime sind Straftaten, die ohne digitale Infrastruktur nicht möglich wären: zum Beispiel Hacking, Phishing und Ransomware. Unter digitale Kriminalität hingegen fallen klassische Delikte, die durch den Einsatz digitaler Mittel erleichtert oder verschärft werden. Dazu gehören beispielsweise Erpressung, Betrug oder Pädokriminalität über soziale Medien. Beide Formen nehmen stetig zu und betreffen Wirtschaft, Staat und Gesellschaft gleichermassen.

In den Jahren 2020 bis 2024 haben sich Anzeigen wegen Cyberkriminalität in der Schweiz mehr als verdoppelt – eine Tendenz, die anhält (siehe Abbildung). Der hohe Digitalisierungsgrad der Gesellschaft trägt zu diesem Anstieg bei. Ebenso führen einfachere Wege wie Onlineplattformen für Anzeigeerstattung und Aufklärung zu mehr gemeldeten Fällen. So zum Beispiel Suisse ePolice oder Cybercrimepolice.ch.

Die Anzahl Anzeigen von Cybercrime und digitaler Kriminalität pro Jahr nimmt zu

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Anmerkung: Unter digitale Kriminalität fallen Straftaten, die durch den Einsatz digitaler Mittel erleichtert oder verschärft werden. Cybercrime-Straftaten hingegen wären ohne digitale Mittel nicht möglich.
Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS) / Die Volkswirtschaft

Cyberdelikte werden seltener angezeigt

Im Vergleich zur durchschnittlichen Anzeigerate von konventionellen Straftaten ohne digitale Mittel wie Diebstahl oder Körperverletzung ist die Anzeigerate bei Cyberdelikten jedoch tief. Das heisst, sie werden deutlich seltener angezeigt. Betroffene wissen trotz einfacherer Wege oft nicht, wie sie bei einer Anzeige vorgehen müssen. Manche schämen sich dafür, Opfer eines Cyberangriffs geworden zu sein, oder fürchten um ihre Reputation. Folglich ist von einer markanten Dunkelziffer auszugehen.

Der Anteil der angezeigten Cyberdelikte an allen in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Delikten lag gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) im Jahr 2024 bei rund 10 Prozent. Berücksichtigt man die tiefe Anzeigerate, liegt der Anteil der Cyberdelikte wohl eher bei 50 Prozent. Cyberkriminalität ist also kein Randphänomen. Sie betrifft breite Teile der Bevölkerung und der Wirtschaft. In der Schweiz dürfte der finanzielle Schaden durch Cyberkriminalität nach Einschätzung von Kriminalanalytikern jährlich mehrere Milliarden Schweizer Franken betragen – insbesondere angesichts der wohl hohen Dunkelziffer.

Enge internationale Zusammenarbeit

Im Kampf gegen Cyberkriminalität arbeiten Bund, Kantone und internationale Partner eng zusammen. Die Polizei steht bei ihren Ermittlungen vor einigen Herausforderungen. Dazu gehört die hohe Anzahl nicht gemeldeter Fälle. Ebenso geht die Täterschaft immer professioneller vor. Immer öfter stecken mehrere Bots hinter einem Angriff, oder es bestehen organisierte firmenähnliche Strukturen im Hintergrund. Eine weitere Herausforderung ist, dass die Ermittlungen häufig Kantons- und Landesgrenzen überschreiten, was eine enge Koordination und eine grenzüberschreitende zeitliche und inhaltliche Abstimmung der Ermittlungsmassnahmen erfordert. Bei internationalen Fällen koordiniert und führt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) komplexe Ermittlungen.

Regelmässig erzielt Fedpol internationale Ermittlungserfolge. Ein Beispiel: Im Jahr 2023 erfolgten mehrere Distributed-Denial-of-Service(DDoS)-Angriffe auf Websites verschiedener Bundesbehörden und anderer Organisationen in der Schweiz. Dabei wird die Website gezielt von Angreifern überlastet, sodass Internetnutzer auf die Websites verschiedener Bundesbehörden keinen Zugriff mehr haben. Nicht nur in der Schweiz, sondern rund um den Globus kämpfen Behörden regelmässig mit DDoS-Angriffen.

Im Juni 2023 eröffnete die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen unbekannt. Die prorussische Gruppierung NoName bekannte sich zu den Angriffen – Nadelstiche, mit denen Behörden rund um den Globus regelmässig zu kämpfen haben. Meist sind diese Angriffe eher störend, sie können aber auch erhebliche Folgen haben. Im Rahmen umfangreicher internationaler Ermittlungen konnten im Frühjahr 2025 mehrere Mitglieder der Gruppierung identifiziert werden. Die Bundesanwaltschaft und Fedpol haben massgeblich dazu beigetragen.

Die Bundesanwaltschaft hat das Strafverfahren anschliessend auf drei Schlüsselpersonen der Gruppierung ausgedehnt und diese zur Verhaftung ausgeschrieben. Die Betreiber der über 200 angegriffenen Schweizer Websites wurden, wo dies möglich war, durch das Bundesamt für Cybersicherheit (Bacs) vorab über den bevorstehenden Angriff informiert und bei der Abwehr unterstützt.

Erfolg gegen Ransomware-Gruppierung

Daten verschlüsseln, IT lahmlegen und das Opfer erpressen: So gehen Ransomware-Gruppierungen vor, die es auf eine Vielzahl von Schweizer Unternehmen abgesehen haben. Das Perfide für die Schweizer Volkswirtschaft ist dabei: Die geforderten Erpressungssummen dürften angesichts der aus der Verschlüsselung resultierenden Stillstandskosten der betroffenen Firmen und Institute nur einen verschwindend kleinen Teil ausmachen. Denn die Gruppierungen beschränken sich nicht allein auf sogenanntes Big Game Hunting gegen grosse Unternehmen, sondern verschlüsseln und erpressen auch gerne und gezielt KMU.

Gegen die bedeutende Ransomware-Gruppierung 8Base gelang Fedpol und der Bundesanwaltschaft gemeinsam mit internationalen Partnerbehörden im Februar 2025 ein Erfolg: Mehrere mutmassliche Mitglieder der kriminellen Gruppierung wurden festgenommen. Über 300 potenzielle Opfer wurden im Rahmen der Ermittlungen vor Angriffen gewarnt. Ebenso veröffentlichten die an der Operation beteiligten Polizeibehörden ein im Zuge der Ermittlungen entwickeltes Entschlüsselungstool für betroffene Unternehmen, damit diese ihre Daten endlich zurückerhalten.

Zitiervorschlag: Jean, Patrick (2025). Cyberkriminalität: Den Tätern auf der Spur. Die Volkswirtschaft, 04. November.