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Lohnt sich die Ausbildung von Lernenden?

Für die meisten Betriebe lohnt sich die Ausbildung von Lernenden finanziell bereits während der Lehrzeit. Das zeigt eine neue Erhebung zur dualen Berufsbildung.
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Beim Maurer sind die Kosten und Erträge der Ausbildung für die Betriebe in etwa gleich hoch. Schweizer Maurer Kevin Hofer an den Worldskills 2017 in den Vereinigten Arabischen Emiraten. (Bild: Keystone/Swissskills/Michael Zanghellini)

Die duale berufliche Grundbildung ist nach wie vor die häufigste Ausbildung auf der Sekundarstufe II. Sie verbindet die praktische Arbeit im Betrieb mit theoretischem Unterricht an der Berufsfachschule. Die Lehrbetriebe bilden zumeist ohne Ausbildungspflicht aus und tragen die Kosten der betrieblichen Ausbildung mehrheitlich selbst. Was bewegt sie dazu, Lernende auszubilden? Welche ausserbetrieblichen Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Kosten und Nutzen der dualen beruflichen Grundbildung

Die Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB) hat im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) für das Lehrjahr 2022/23 eine Erhebung durchgeführt (siehe Kasten).[1] Dafür wurden Betriebe aus dem Betriebs- und Unternehmensregister zufällig ausgewählt und online zu verschiedenen Aspekten der Ausbildung von Lernenden befragt.

Im Mittelpunkt der Erhebung steht die Frage, welche Kosten und Erträge den Betrieben durch die Ausbildung von Lernenden entstehen. Denn die Betriebe müssen teils für erhebliche Kosten aufkommen: Der grösste Teil der sogenannten Bruttokosten entfällt auf die Löhne der Lernenden sowie auf die Kosten für die Ausbildenden. Durch die Ausbildung von Lernenden entstehen bereits während der Lehrzeit auch Erträge, sogenannte produktive Leistungen: Betriebe können die Jugendlichen bereits während ihrer Ausbildung für produktive Arbeiten einsetzen, die ansonsten durch Ungelernte oder durch ausgebildete Fachkräfte ausgeführt werden müssten. Beim Berechnen dieses Nutzens wird berücksichtigt, dass Lernende während ihrer Ausbildung in der Regel weniger produktiv sind als ausgebildete Fachkräfte im entsprechenden Beruf.

Angaben zu den Kosten und Nutzen der eigenen Ausbildung liegen von rund 6700 Betrieben vor. Zusätzlich wurden rund 3650 Betriebe befragt, die keine Lernenden ausbilden. Dadurch lässt sich nachvollziehen, warum sich Betriebe für oder gegen die Ausbildung von Lernenden entscheiden.

Abb. 1: Je länger die Lehrdauer, desto höher ist der Nettonutzen der Ausbildung von Lernenden (2022/2023)

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Quelle: Gehret et al. (2025) basierend auf Daten KNBB22 / Die Volkswirtschaft

Die Ausbildung von Lernenden lohnt sich

In den zweijährigen Ausbildungen mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA) beträgt der durchschnittliche Nettonutzen – also die Differenz zwischen produktiven Leistungen und Bruttokosten – 9630 Franken. Ebenfalls positiv ist der durchschnittliche Nettonutzen mit 13’940 Franken in den dreijährigen Ausbildungen mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) und noch deutlicher mit 17’510 Franken in den vierjährigen EFZ-Ausbildungen (siehe Abbildung 1).

Über alle Ausbildungen hinweg beträgt der durchschnittliche Nettonutzen 4540 Franken pro Lehrjahr. Es lohnt sich also finanziell bereits während der Lehrzeit für die Betriebe auszubilden. Dieses zentrale Ergebnis deckt sich mit der Selbsteinschätzung der Betriebe: 80 Prozent gaben an, dass sie «sehr zufrieden» oder «eher zufrieden» sind mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis der eigenen Ausbildung von Lernenden. Lediglich 5 Prozent der Betriebe sind «eher unzufrieden» oder «völlig unzufrieden».

Gleichzeitig gibt es teils grosse Unterschiede im Nettonutzen zwischen verschiedenen Lehrberufen. Dies lässt sich anhand eines Vergleichs einiger ausgewählter Berufe von unterschiedlicher Lehrdauer illustrieren. Abbildung 2 zeigt den durchschnittlichen Nettonutzen pro Lehrdauer sowie den Beruf mit dem jeweils höchsten beziehungsweise tiefsten Nettonutzen. Berücksichtigt wurden nur Lehrberufe mit einer ausreichend hohen Fallzahl für eine separate Auswertung.

Abb. 2: Bei der Ausbildung zum Polymechaniker entstehen Nettokosten (2022/2023)

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Quelle: Gehret et al. (2025) basierend auf Daten KNBB22 / Die Volkswirtschaft

Einzelne Lehrberufe weichen deutlich von den erwähnten Durchschnittswerten ab, sowohl nach oben als auch nach unten. In stark produktionsorientierten Berufen wie zum Beispiel Elektroinstallateur/-in EFZ erzielen Betriebe einen überdurchschnittlich hohen Nettonutzen. In ausbildungsintensiven Berufen wie Polymechaniker/-in EFZ entstehen dagegen deutliche Nettokosten. Bei Letzteren verfolgen Betriebe wahrscheinlich längerfristige Motive: Wenn sie die Lernenden nach der Ausbildung weiterbeschäftigen, sparen sie die Kosten für die Rekrutierung von externen Fachkräften und gewinnen Fachkräfte, die genau das gesuchte Kompetenzprofil aufweisen. Dies gilt übrigens auch für den Beruf Informatiker/-in EFZ, der in früheren Erhebungen teils mit Nettokosten verbunden war, bei dem sich Kosten und Erträge in dieser Erhebung jedoch die Waage halten.[2]

Ausserbetriebliche Faktoren ebenfalls relevant

Die Erhebung liefert auch Hinweise auf ausserbetriebliche Einflussfaktoren. Dazu zählen administrative Vorgaben und gesetzliche Regulierungen wie etwa Bildungspläne und -verordnungen.[3] Diese sollen einheitliche Ausbildungsinhalte über die verschiedenen Ausbildungsbetriebe eines Lehrberufs hinweg sichern. Sie können jedoch den Betrieben auch zusätzliche Kosten verursachen und sie von der Ausbildung von Lernenden abhalten. Die Lehrbetriebe schätzen 82 Prozent der Ausbildungsinhalte in den Bildungsplänen als relevant für sich selbst ein. Gleichzeitig geben 19 Prozent der Betriebe an, dass sie darüber hinaus zusätzliche Qualifikationen vermitteln müssen. Bei den Ausbildungsmotiven stimmen Betriebe häufig Motiven zu, die nicht rein ökonomisch sind. So sehen diese Betriebe die Ausbildung von Lernenden als Gemeinschaftsaufgabe von Wirtschaft und Gesellschaft. Solche Motive spiegeln gesellschaftliche Erwartungen wider, die nachweislich Einfluss auf die Ausbildungsentscheidung haben.[4]

Abb. 3: Betriebe bemühen sich, den Lernenden regelmässig Rückmeldungen zu geben (2022/2023)

Quelle: Gehret et al. (2025) basierend auf Daten KNBB22 / Die Volkswirtschaft

Selbsteinschätzung der betrieblichen Ausbildungsqualität

Ein zusätzlicher Schwerpunkt der aktuellen Erhebung liegt auf der Qualität der betrieblichen Bildung, da diese den Ausbildungserfolg der Lernenden miterklärt.[5] Dazu wurden die Ausbildungsbetriebe um eine Einschätzung zu verschiedenen Aspekten der Gestaltung der betrieblichen Ausbildung gebeten. Dazu gehört zum Beispiel, ob sie den Lernenden regelmässig Rückmeldungen über ihre Arbeitsergebnisse geben (siehe Abbildung 3).

Eine Mehrheit der Lehrbetriebe stimmt allen abgefragten Aspekten mehr oder weniger deutlich zu. Trotzdem charakterisiert sich ein kleiner Teil der Betriebe durch eine autoritäre Ausbildungsgestaltung, bei der Lernende wenig eigenen Spielraum haben. Neben diesen sollte auch jenen 15 Prozent der Lehrbetriebe ein Augenmerk gelten, die ihre eigene Ausbildung durchgehend als unterdurchschnittlich einschätzen. Nicht zuletzt, weil die betriebliche Ausbildungsqualität die öffentliche Wahrnehmung der beruflichen Grundbildung beeinflusst.

  1. Siehe Gehret et al. (2025) sowie die Website der EHB. []
  2. Auswertungen für diesen und weitere Berufe finden sich auf der Website der EHB. []
  3. Siehe Schweri et al. (2021). []
  4. Siehe dazu Aepli et al. (2021) sowie Kuhn et al. (2022). []
  5. Siehe Af Burén und Schweri (2024). []

Literaturverzeichnis
  • Aepli, M., Kuhn, A. und J. Schweri (2021). Culture, Norms, and the Provision of Training by Employers: Evidence from the Swiss Language Border. Labour Economics, 73, 102057.
  • Af Burén, P. und J. Schweri (2024). Firms’ Training Processes and Their Apprentices’ Education Success. Swiss Leading House VPET-ECON Working Paper No. 225.
  • Gehret, A., Kuhn, A. und J. Schweri (2025). Lohnt sich die Ausbildung von Lernenden? Kosten, Nutzen und Ausbildungsqualität aus der Sicht der Betriebe 2025. Zollikofen: Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung.
  • Kuhn, A., Schweri, J. und S. C. Wolter (2022). Local Norms Describing the Role of the State and the Private Provision of Training. European Journal of Political Economy, 75, 102226.
  • Schweri, J., Aepli, M. und A. Kuhn (2021). The Costs of Standardized Apprenticeship Curricula for Training Firms. Empirical Research in Vocational Education and Training, 13(16).

Bibliographie
  • Aepli, M., Kuhn, A. und J. Schweri (2021). Culture, Norms, and the Provision of Training by Employers: Evidence from the Swiss Language Border. Labour Economics, 73, 102057.
  • Af Burén, P. und J. Schweri (2024). Firms’ Training Processes and Their Apprentices’ Education Success. Swiss Leading House VPET-ECON Working Paper No. 225.
  • Gehret, A., Kuhn, A. und J. Schweri (2025). Lohnt sich die Ausbildung von Lernenden? Kosten, Nutzen und Ausbildungsqualität aus der Sicht der Betriebe 2025. Zollikofen: Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung.
  • Kuhn, A., Schweri, J. und S. C. Wolter (2022). Local Norms Describing the Role of the State and the Private Provision of Training. European Journal of Political Economy, 75, 102226.
  • Schweri, J., Aepli, M. und A. Kuhn (2021). The Costs of Standardized Apprenticeship Curricula for Training Firms. Empirical Research in Vocational Education and Training, 13(16).

Zitiervorschlag: Gehret, Alexander; Kuhn, Andreas; Schweri, Jürg (2025). Lohnt sich die Ausbildung von Lernenden? Die Volkswirtschaft, 17. November.

Über die Erhebung

Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist wichtig, damit die duale Berufsbildung funktioniert. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der betrieblichen Ausbildung ist unter anderem ausschlaggebend, ob die Betriebe bereit sind, genügend Lehrstellen für berufliche Grundbildungen anzubieten. Neben der Bereitstellung eines vielfältigen Angebots an Lehrstellen können Betriebe damit gleichzeitig den Nachwuchs an qualifizierten Berufsleuten und somit die internationale Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen.

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanziert seit über 20 Jahren die Erhebung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses der dualen beruflichen Grundbildung. Damit stehen einerseits Daten zur aktuellen Situation zur Verfügung, andererseits zeigen sich Entwicklungstendenzen.

Das SBFI will die Attraktivität der Berufsbildung langfristig sichern und damit auch die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen. Am diesjährigen Spitzentreffen der Berufsbildung unter der Leitung von Bundesrat Guy Parmelin wurden dazu Massnahmen vereinbart. Unter anderem stellt der Bund in den Jahren 2026–2028 drei Millionen Franken bereit, um die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen und die Optimierung der Qualität der Bildung im Lehrbetrieb zu fördern. Zudem wird bei einer Auswahl von beruflichen Grundbildungen die Regulierung überprüft.