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Lücken im digitalen Wissen bei Stellensuchenden: Wer braucht Unterstützung?

Digitale Kompetenzen werden in nahezu allen Berufen immer wichtiger. Doch bei vielen Stellensuchenden sind diese unzureichend. Frauen und Ältere sind dabei am meisten betroffen.
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Geschlechtergraben bei den fortgeschrittenen digitalen Kompetenzen. Stellensuchende Frauen bekunden hier mehr Mühe. (Bild: Keystone)

Der digitale Wandel verändert den Arbeitsmarkt rasant. Viele Berufe weisen heute ganz andere Anforderungsprofile auf als noch vor 10 oder 20 Jahren. Insbesondere digitale Kompetenzen werden immer wichtiger, und das nicht nur in Bürojobs oder technischen Berufen, sondern auch in Handwerksberufen. Stellensuchende ohne ausreichendes digitales Know-how riskieren, im Arbeitsmarkt abgehängt zu werden.

Mit einer Onlinebefragung haben wir untersucht, wie Stellensuchende ihre digitalen Kompetenzen einschätzen und ob sie in ihrer letzten Tätigkeit mögliche Kompetenzlücken hatten.[1] Dabei wurde zwischen digitalen Basiskompetenzen wie beispielsweise der Bedienung digitaler Geräte oder der Nutzung einfacher Bürosoftware sowie fortgeschrittenen digitalen Kompetenzen wie dem Entwickeln digitaler Inhalte und Kenntnisse beim Datenschutz unterschieden (siehe Kasten).

Frauen und Ältere schätzen ihre Kompetenzen schlechter ein

Unsere Befragungsergebnisse zeigen, dass Frauen und ältere Stellensuchende ihre digitalen Kompetenzen im Durchschnitt deutlich schlechter einschätzen als Männer und jüngere Stellensuchende. Während Frauen sich nur bei den fortgeschrittenen digitalen Kompetenzen schlechter einschätzen, schneiden ältere Stellensuchende sowohl bei grundlegenden als auch bei fortgeschrittenen digitalen Kompetenzen schlechter ab. Die Einschätzungen sind zudem höher mit besserer Bildung und anspruchvollerer letzter Tätigkeit.

Unterschiedliche Selbsteinschätzungen sagen jedoch noch nichts über mögliche Lücken in der digitalen Kompetenz und Wissensdefizite aus. Denn die Berufe, in denen Frauen und Männer oder Stellensuchende unterschiedlichen Alters typischerweise arbeiten, sind sehr verschieden. Ein Bauarbeiter benötigt ganz andere Kompetenzen als eine Direktionsassistentin. Im nächsten Schritt haben wir deshalb das objektiv erwartbare Niveau digitaler Kompetenzen geschätzt. Dieses ergibt sich aus den geforderten digitalen Kompetenzen bei der zuletzt ausgeübten Tätigkeit, dem höchsten Bildungsabschluss der Person und mindestens drei Jahren Berufserfahrung. Liegt die Selbsteinschätzung mindestens 10 Prozent unter dem erwarteten Niveau, liegt eine potenzielle Kompetenzlücke vor.

Viele Stellensuchende haben Lücken im digitalen Wissen

Die Ergebnisse zeigen, dass rund ein Fünftel der Stellensuchenden mangelnde digitale Basiskompetenzen aufweist (siehe Abbildung). Bei den fortgeschrittenen Kompetenzen ist es sogar fast ein Drittel. Diese Anteile sind relativ hoch und untermauern Befürchtungen, dass Stellensuchende bei der digitalen Transformation besonders gefährdet sind.

Der Geschlechterunterschied bestätigt sich auch hinsichtlich der Wissenslücke. Bei den fortgeschrittenen digitalen Kompetenzen liegt der Anteil Frauen mit Kompetenzlücken bei 35 Prozent und ist damit 8 Prozentpunkte höher als bei den Männern. Der Aufholbedarf bei diesen Kompetenzen ist bei den Frauen somit deutlich grösser. Bei den Basiskompetenzen zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Dass Frauen hier nicht im Rückstand sind, ist positiv zu bewerten angesichts der Tatsache, dass grundlegende digitale Kompetenzen inzwischen in nahezu allen Berufen wichtig sind.

Geschätzter Anteil der Befragten mit einer potenziellen Lücke in der digitalen Kompetenz

INTERAKTIVE GRAFIK
Anmerkung: Die Grafik zeigt den vorhergesagten Anteil Stellensuchender in der jeweiligen Gruppe mit einer potenziellen Kompetenzlücke. Eine potenzielle Kompetenzlücke liegt dann vor, wenn die Selbsteinschätzung der Kompetenzen mindestens 10 Prozent unter dem anhand objektiver Merkmale erwarteten Niveau liegt. Die Kreise zeigen die vorhergesagten Werte, die Balken die Schätzungsunsicherheit mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall.
Quelle: Eigene Auswertung der Autorin | Grafik: Die Volkswirtschaft

Unterstützung für Ältere besonders wichtig

Am grössten sind die Unterschiede jedoch nach Alter. Bei den unter 30-Jährigen liegt der Anteil mit Kompetenzlücken bei 12 Prozent (Basiskompetenzen) und 24 Prozent (fortgeschrittene Kompetenzen) und damit deutlich unter dem Durchschnitt aller Umfrageteilnehmenden, der bei 21 Prozent (Basiskompetenzen) und 31 Prozent (forgeschrittene Kompetenzen) liegt (siehe Abbildung). Fehlende digitale Fähigkeiten scheinen somit ein Generationenproblem zu sein – auch bei den Stellensuchenden. Mit zunehmendem Alter steigen die Anteile. Auffällig ist vor allem der starke Zuwachs der fehlenden digitalen Basiskompetenzen ab einem Alter von 50 Jahren. Fast ein Drittel der Umfrageteilnehmenden in dieser Gruppe weist hier Lücken auf. Bei den fortgeschrittenen Kompetenzen ist es deutlich mehr als ein Drittel.

Obwohl digitale Kompetenzen am Arbeitsmarkt immer wichtiger werden, weisen viele Stellensuchende also Lücken auf – besonders Frauen und ältere Menschen. Die Umfrage zeigt: Ältere Stellensuchende sind durch die digitale Transformation stark gefährdet und benötigen deutlich mehr Unterstützung als andere Stellensuchende. Bei Frauen sollten fortgeschrittene Kompetenzen stärker in den Fokus rücken. Ziel muss es sein, gezielte Weiterbildung und Unterstützung anzubieten, um Lücken in der digitalen Kompetenz zu schliessen und so die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.

  1. Siehe Wunsch, Rochlitz und Arni (2025). Jobseekers’ Skills and Job Search Behaviour. Swiss Journal of Economics and Statistics, 161/11. []

Zitiervorschlag: Wunsch, Conny (2026). Lücken im digitalen Wissen bei Stellensuchenden: Wer braucht Unterstützung? Die Volkswirtschaft, 23. April.

Von der Forschung in die Politik

Aktuelle wissenschaftliche Studien aus dem «Swiss Journal of Economics and Statistics» mit einem starken Bezug zur schweizerischen Wirtschaftspolitik erscheinen in einer Kurzfassung in «Die Volkswirtschaft».

Die Studie im Detail

Die Auswertungen beruhen auf den Daten von 2526 bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in der Deutschschweiz registrierten Stellensuchenden. Diese wurden im Zeitraum von Oktober 2023 bis Februar 2024 mittels einer Onlineumfrage befragt. Die Teilnehmenden haben ihre digitalen Kompetenzen in zehn verschiedenen Dimensionen auf einer 7-Punkte-Skala von sehr schlecht bis sehr gut eingeschätzt.

Digitale Basiskompetenzen umfassen das Bedienen digitaler Geräte wie Computer, das Anwenden von Bürosoftware wie Word, Powerpoint oder Adobe sowie die Kommunikation, die Zusammenarbeit und den Austausch von Informationen via digitale Kommunikationstools wie Zoom, Microsoft Teams oder Skype. Auch das Suchen, Verarbeiten und Verwalten von Daten und digitalen Inhalten sowie das Onlineeinkaufen oder -verkaufen gehören dazu.

Fortgeschrittene digitale Kompetenzen bedeuten digitale Inhalte entwickeln und programmieren, Abläufe automatisieren, Geräte und persönliche Daten schützen sowie technische Probleme lösen. Auch Probleme lösen mithilfe digitaler Technologien wie z. B. durch Nutzung von KI und eigene Lücken in der digitalen Kompetenz erkennen gehören dazu.

Die Daten sind aufgrund freiwilliger Teilnahme nicht repräsentativ. Die ausführliche Studie finden Sie hier.