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Arbeitskräftemangel: Wie Schweizer Unternehmen ihn einschätzen und angehen

In den letzten Jahren ging der Arbeitskräftemangel in der Schweiz etwas zurück. Doch aufgrund der Alterung der Bevölkerung bleibt das Thema relevant. Eine Studie zeigt, wie Schweizer Unternehmen die Situation einschätzen und welche Gegenmassnahmen sie ergreifen.
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Seit 2023 geht der Arbeitskräftemangel in der Schweiz spürbar zurück. Das Baugewerbe hat weiterhin Rekrutierungsschwierigkeiten. (Bild: Keystone)

Nach der Coronapandemie klagten Unternehmen verbreitet, dass sie nicht genügend oder nicht geeignete Arbeitskräfte finden. Es kam zu einem ausgeprägten Arbeitskräftemangel – einer Situation, in der die Nachfrage der Unternehmen das Angebot an Arbeitskräften bei den vorherrschenden Arbeitsbedingungen in verschiedenen Arbeitsmarktsegmenten überstieg.

Welche Ursachen hat der Arbeitskräftemangel in der Schweiz? Wie reagieren die Unternehmen auf den Mangel? Und welche Folgen hat er für Firmen und Beschäftigte? Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) ist das KOF Institut der ETH Zürich in einer Studie[1] unter anderem auch diesen Fragen nachgegangen. Dazu haben die Forschenden systematisch die ökonomische Literatur zum Thema Arbeitskräftemangel analysiert und eine repräsentative Befragung von über 1600 Firmen in der Schweiz durchgeführt.

Wie misst man Arbeitskräftemangel?

Wie gross der Mangel ist, lässt sich anhand von Unternehmensbefragungen zu Rekrutierungsschwierigkeiten, aber auch mithilfe verschiedener Indikatoren einordnen. Auskunft gibt etwa die Vakanzrate: Sie misst den Anteil offener Stellen am Gesamtbestand aller Stellen. Eine hohe Vakanzrate deutet auf Probleme hin, genügend geeignete Arbeitskräfte zu finden. Eine andere Kennzahl ist das Verhältnis der offenen Stellen zu den Arbeitslosen. Ein hoher Wert deutet auf einen erhöhten Arbeitskräftemangel hin.

Nach der Covid-Pandemie zeigten beide Indikatoren in dieselbe Richtung: Der Arbeitskräftemangel stieg auf ein historisch hohes Niveau und erfasste fast alle Branchen. Seit 2023 ist der Mangel aber wieder spürbar zurückgegangen. Gleichwohl gibt es in gewissen Branchen – etwa im Bau- und im Gesundheitsbereich sowie bei den wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen – weiterhin erhöhte Rekrutierungsschwierigkeiten.[2] Der jüngste Rückgang zeigt jedoch, dass ein bedeutender Teil des grossen Arbeitskräftemangels nach der Pandemie kurzfristige, konjunkturelle Ursachen hatte. Wegen der Post-Covid-Nachholeffekte kam es vorübergehend zu einem starken Arbeitskräftemangel. Inzwischen hat sich der Mangel wieder etwas abgeflacht (siehe Abbildung 1). Auffallend ist auch, dass andere europäische Länder gemessen an der Vakanzrate einen ausgeprägteren Arbeitskräftemangel aufweisen als die Schweiz.

Abb. 1: Vakanzrate: Schweiz war in den letzten Jahren weniger von Arbeitskräftemangel betroffen als die Nachbarländer

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Quelle: Abberger et al. (2026) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Eine andere zentrale Triebfeder des Arbeitskräftemangels der letzten Jahre war – nicht überraschend – die Demografie. Sie führt zu einem längerfristigen, strukturellen Mangel. Denn mit dem vermehrten Renteneintritt der Babyboomer nimmt das inländische Arbeitskräfteangebot bis in die 2030er-Jahre hinein spürbar ab.

Als Folge der demografischen Entwicklung stiegen die offenen Stellen in Berufen und Branchen mit hohem Anteil an über 60-Jährigen nach der Pandemie überdurchschnittlich stark – so etwa in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Grundstücks- und Wohnungswesen. Ähnliches ergab die KOF-Unternehmensbefragung: Immerhin fast ein Drittel der Unternehmen sagt explizit, dass die kürzlich erfolgte Pensionierung ihrer Angestellten eine der Ursachen für die schwierige Arbeitskräftesituation im eigenen Betrieb sei.

Auf der anderen Seite wirken vor allem die Zuwanderung und die liberale Migrationspolitik dem hiesigen Arbeitskräftemangel entgegen. Zwar erhöht die Zuwanderung zugleich die Binnennachfrage, wodurch sich der entlastende Effekt wiederum relativiert. Aber ohne Zuwanderung wäre das grosse Stellenwachstum in der Schweiz in den letzten 20 Jahren schlicht nicht möglich gewesen.

Teilzeittrend bei Männern keine Hauptursache

Der steigende Anteil teilzeitbeschäftigter Männer erweist sich gemäss der KOF-Studie gesamtwirtschaftlich nicht als wesentlicher Motor des Arbeitskräftemangels. Der Grund ist, dass dieser Trend auf der anderen Seite mit einer Umverteilung der Erwerbsarbeit in Paarhaushalten und einer Pensenerhöhung bei Frauen einherging. Insgesamt ist das Arbeitsvolumen von Paarhaushalten mit Kindern in den letzten 25 Jahren leicht gestiegen, während es für Paarhaushalte ohne Kinder relativ stabil geblieben ist.[3]

Nicht wenige Unternehmen in der KOF-Befragung sehen die Schaffung von Teilzeitstellen gar als Erfolgsfaktor bei der Rekrutierung. Je nach Branche wirkt der Teilzeittrend jedoch unterschiedlich: In stark männerdominierten Sektoren wie dem Baugewerbe oder der Informatik verstärkt die zunehmende Teilzeitarbeit von Männern den Arbeitskräftemangel, weil diese Segmente von der höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen, die durch Teilzeitarbeit begünstigt wird, weniger profitieren.

Auch der technische Fortschritt im Allgemeinen sowie die Digitalisierung und der Wandel zu einer wissensintensiven und «grünen» Wirtschaft verändern die Struktur der Arbeitsnachfrage. Eine mögliche Folge davon ist ein struktureller Mismatch zwischen den Qualifikationen der Arbeitssuchenden und den Anforderungen der Unternehmen. Doch die Forschungsliteratur für die Schweiz findet wenig Evidenz für qualifikatorischen Mismatch, was unter anderem auf die hohe Durchlässigkeit des Bildungssystems sowie Weiter- und Umschulungsmöglichkeiten zurückgeführt wird.[4] Einen gewissen Mismatch könnte es aber in puncto Arbeitsbedingungen geben: Die Unternehmen berichten, dass unterschiedliche Vorstellungen von Arbeitszeit, Arbeitsort und Lohn häufig die Stellenbesetzung erschwerten.

Was tun die Betriebe?

Die KOF-Umfrage zeigt, dass Unternehmen mit unterschiedlichen Massnahmen auf den Arbeitskräftemangel reagieren (siehe Abbildung 2). Zum einen gestalten sie die betrieblichen Abläufe effizienter und schöpfen das Potenzial der bestehenden Belegschaft besser aus. Häufig werden Mitarbeitende weitergebildet oder umgeschult. Zudem treiben die befragten Unternehmen die Digitalisierung und die Automatisierung verstärkt voran. Und sie passen ihre Rekrutierungsstrategien an, was benachteiligten Gruppen Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet: Einerseits suchen die Unternehmen intensiver, andererseits revidiert ungefähr die Hälfte der befragten Unternehmen auch die Stellenprofile – beispielsweise indem sie weniger auf formale Qualifikationen fokussieren.

Ein gutes Drittel der Unternehmen gibt zudem an, mit einer kompetitiveren Entlöhnung reagiert zu haben. In Einklang mit der internationalen Forschungsliteratur hat der Arbeitskräftemangel gemäss Studie jedoch nur einen moderaten Einfluss auf das Lohnwachstum. Die Befragung der KOF zeigt, dass viele Unternehmen aus finanziellen Gründen auf höhere Löhne verzichten. Können die Firmen offene Stellen nicht passend besetzen, sinkt möglicherweise auch ihre Produktivität, was den finanziellen Spielraum weiter einschränkt.

Abb. 2: Prozessoptimierungen sind die weitestverbreitete Massnahme von Schweizer Unternehmen gegen Arbeitskräftemangel

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Quelle: Abberger et al. (2026) | Grafik: Die Volkswirtschaft

Die positive Seite des Arbeitskräftemangels

Die KOF-Studie hält fest, dass Arbeitskräftemangel – sofern er nicht auf demografische Entwicklungen, Restriktionen oder Fehlallokationen zurückzuführen ist – auch ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke ist. Er widerspiegelt den wirtschaftlichen Erfolg der Schweizer Unternehmen im internationalen Wettbewerb und das daraus resultierende starke Stellenwachstum. Ein Mangel an Arbeitskräften ist insgesamt erfreulicher als sein Gegenteil: eine anhaltende Unterauslastung des Arbeitskräftepotenzials mit verbreiteter Arbeitslosigkeit.

Da Arbeitskräftemangel primär die Knappheit von Arbeitskräften widerspiegelt, spricht dies in erster Linie dafür, «den Markt walten» zu lassen. Es sind also die Unternehmen gefordert, ihre Personalprobleme durch angepasste Löhne und Arbeitsbedingungen, veränderte Stellenanforderungen sowie Weiterbildungsanstrengungen zu verringern. Solche Anpassungen sind jedoch kostspielig: Einige Unternehmen können mithalten und sich etwa mittels Effizienzsteigerungen an den Mangel anpassen, andere scheitern und scheiden aus dem Markt aus. Volkswirtschaftlich kann dies zu einer Reallokation der Ressourcen von unproduktiven hin zu produktiveren Unternehmen führen und die Kaufkraft der Beschäftigten stärken. So kann Arbeitskräftemangel das gesamtwirtschaftliche Lohn- und Produktivitätswachstum erhöhen.

  1. Siehe Abberger et al. (2026). []
  2. Siehe Abberger et al. (2026). []
  3. Siehe Mergele et al. (2024). []
  4. Siehe Schultheiss und Backes-Gellner (2023) sowie Eymann und Schweri (2016). []

Literaturverzeichnis
  • Abberger, K., F. Jacomet, N. Marti, M. Prater, M. Siegenthaler und S. Siegrist (2026). Arbeitskräftemangel in der Schweiz: Ursachen und Auswirkungen. Grundlagen der Wirtschaftspolitik Nr. 67. Bern: Staatssekretariat für Wirtschaft SECO.
  • Eymann, A. und J. Schweri (2016). Qualifikations-Mismatch – Folgen für Erwerbspersonen mit beruflichem und akademischem Abschluss. BWP – Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 45(5), 46–49.
  • Mergele, L., B. Kaiser, D. Wehrli, T. Schönleitner, R. Föllmi und M. Siegenthaler (2024). Die langfristige Entwicklung von Arbeit, Freizeit und Produktivität in der Schweiz. Grundlagen für die Wirtschaftspolitik Nr. 45. Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern.
  • Schultheiss, T. und U. Backes-Gellner (2023). Different Degrees of Skill Obsolescence Across Hard and Soft Skills and the Role of Lifelong Learning for Labor Market Outcomes. Industrial Relations: A Journal of Economy and Society 62: 257–287.

Bibliographie
  • Abberger, K., F. Jacomet, N. Marti, M. Prater, M. Siegenthaler und S. Siegrist (2026). Arbeitskräftemangel in der Schweiz: Ursachen und Auswirkungen. Grundlagen der Wirtschaftspolitik Nr. 67. Bern: Staatssekretariat für Wirtschaft SECO.
  • Eymann, A. und J. Schweri (2016). Qualifikations-Mismatch – Folgen für Erwerbspersonen mit beruflichem und akademischem Abschluss. BWP – Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 45(5), 46–49.
  • Mergele, L., B. Kaiser, D. Wehrli, T. Schönleitner, R. Föllmi und M. Siegenthaler (2024). Die langfristige Entwicklung von Arbeit, Freizeit und Produktivität in der Schweiz. Grundlagen für die Wirtschaftspolitik Nr. 45. Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern.
  • Schultheiss, T. und U. Backes-Gellner (2023). Different Degrees of Skill Obsolescence Across Hard and Soft Skills and the Role of Lifelong Learning for Labor Market Outcomes. Industrial Relations: A Journal of Economy and Society 62: 257–287.

Zitiervorschlag: Abberger, Klaus; Marti, Nicolas; Siegenthaler, Michael; Siegrist, Stefanie (2026). Arbeitskräftemangel: Wie Schweizer Unternehmen ihn einschätzen und angehen. Die Volkswirtschaft, 22. April.