Viele Akteure, ein Markt: Auch bei dominierenden Anbietern sorgt internationaler Wettbewerb für Preisdruck und Innovation. Paleo-Festival, Nyon VD. (Bild: Keystone)
Der Wettbewerb ist das Herz einer funktionierenden Marktwirtschaft. Er führt zu tiefen Preisen und treibt Innovationen voran. Unternehmen stehen unter Druck, effizient zu produzieren und ihr Angebot laufend zu verbessern. Jedoch ist im internationalen Vergleich die Entwicklung sogenannter Megafirmen – einzelner Konzerne mit zunehmender Marktmacht – zu beobachten.
Das Berliner Beratungsunternehmen DIW Econ hat im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) im Rahmen einer Studie untersucht, wie intensiv der Wettbewerb in der Schweiz ist. Betrachtet wurde der Zeitraum 2009 bis 2020.
Wenige Anbieter bedeuten nicht weniger Wettbewerb
Wie intensiv der Wettbewerb ist, lässt sich nicht direkt messen. In der Praxis nutzt man daher Indikatoren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Marktkonzentration: Diese zeigt auf, wie viele Unternehmen auf einem Markt aktiv sind. Je weniger Unternehmen sich dort finden, desto höher ist die Marktkonzentration und desto geringer der Wettbewerb.
Ein solcher Indikator ist der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI). Er berücksichtigt die Marktanteile aller Unternehmen. Ein Wert von null bedeutet vollkommenen Wettbewerb. Höhere Werte bedeuten eine grössere Marktkonzentration, und ein Wert von 10’000 weist auf ein Monopol hin. Die so gemessene Marktkonzentration ist in der Schweiz mit 300 Punkten im Jahr 2020 eher gering und vergleichbar mit anderen europäischen Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden (siehe Abbildung 1).[1] Das ist ein Indiz für einen funktionierenden Wettbewerb.
In kleinen offenen Volkswirtschaften wie der Schweiz greift die herkömmliche Berechnung von Konzentrationsmassen wie dem Herfindahl-Hirschman-Index jedoch zu kurz. In vielen Branchen gibt es aufgrund der geringen Marktgrösse nur wenige inländische Anbieter. Diese können aber im intensiven internationalen Wettbewerb stehen. Ausländische Anbieter fliessen jedoch nicht in den HHI ein. Fällt der Index dennoch tief aus, ist dies ein positives Zeichen für einen intensiven Wettbewerb.
Abb. 1: Die Konzentration einheimischer Firmen in der Schweiz ist ähnlich hoch wie in anderen europäischen Ländern (2009–2020)
INTERAKTIVE GRAFIK
Schweizer Preise sind 20 Prozent über den Produktionskosten
Ein weiterer Indikator dafür, wie intensiv der Wettbewerb ist, sind Preisaufschläge. Diese sogenannten Mark-ups zeigen, wie stark Unternehmen ihre Preise über die Produktionskosten hinaus anheben können. Im Gegensatz zum HHI berücksichtigen Mark-ups auch den Einfluss ausländischer Wettbewerber: Je mehr Anbieter, egal ob inländisch oder ausländisch, in einem Markt tätig sind, desto stärker müssen inländische Anbieter ihre Preisaufschläge nach unten korrigieren.
Im Jahr 2020 lagen die Schweizer Mark-ups durchschnittlich bei knapp unter 1,2 (siehe Abbildung 2). Das heisst, die Schweizer Preise liegen etwa 20 Prozent über den Produktionskosten, im europäischen Durchschnitt sogar über 50 Prozent. Zudem sind die europäischen Mark-ups seit 2009 um rund 10 Prozent gestiegen, während die Schweizer Mark-ups stabil blieben. Dies deutet darauf hin, dass der Wettbewerb in der Schweiz im internationalen Vergleich intensiver ist.
Um die niedrigeren Mark-ups der Schweiz zu erklären, gibt es zwei Möglichkeiten. Ein Grund könnte der Struktureffekt sein. Dies wäre der Fall, wenn die Schweiz verstärkt in Branchen produziert, die grundsätzlich niedrigere Preisaufschläge aufweisen. Der andere Erklärungsansatz wäre ein sektorinterner Effekt. Dabei würde die Schweiz innerhalb vergleichbarer Branchen tatsächlich niedrigere Mark-ups aufweisen als andere europäische Länder. Die erhebliche Heterogenität der Mark-ups zwischen europäischen Ländern spricht jedoch dafür, dass es nicht nur um unterschiedliche Branchenstrukturen geht. Vielmehr dürften länderspezifische Faktoren wie wettbewerbspolitische Rahmenbedingungen oder die starke Aussenhandelsorientierung der Schweiz eine wichtige Rolle spielen.
Abb. 2: Die Mark-ups von Schweizer Unternehmen sind vergleichsweise tief (2009–2020)
INTERAKTIVE GRAFIK
Weniger Wettbewerb bei ehemaligen Staatsmonopolen
Gesamthaft deuten der Herfindahl-Hirschman-Index und die Mark-ups auf einen funktionierenden Wettbewerb in der Schweiz hin. Bei detaillierterer Betrachtung zeigen sich jedoch Unterschiede: Einige Branchen erleben einen intensiveren Wettbewerb als andere. Dabei spielt die Art der angebotenen Waren und Dienstleistungen eine entscheidende Rolle. Branchen wie die Gastronomie und das Baugewerbe sind naturgemäss auf regionale Märkte beschränkt. Indikatoren auf regionaler Ebene deuten dennoch auf eine eher geringe Marktkonzentration hin.
Ehemalige Staatsmonopole hingegen weisen auch nach der Liberalisierung eine erhöhte Marktkonzentration auf. Das gilt etwa für die Telekommunikation. Zwar führten neue Anbieter anfangs zu sinkenden Preisen, mehr Innovationen und einem grösseren Angebot. Dennoch ist der Markt immer noch hoch konzentriert.[2] Interessanterweise liegen die Mark-ups im Telekommunikationssektor trotz eingeschränktem Wettbewerb nicht erheblich über denen anderer Sektoren. Das kann ein Zeichen für eine effiziente Regulierung sein.
Noch ausgeprägter ist die Marktkonzentration im Postwesen: Die Schweizerische Post hat weiterhin einen Marktanteil von über 70 Prozent – trotz der schrittweisen Liberalisierung seit den 1990er-Jahren und dem Markteintritt internationaler Mitbewerber.[3] Informationsdienstleistungen wie Suchmaschinenportale, Datenverarbeitung und Hosting sind ebenfalls stark konzentriert. Anders als bei ehemaligen Staatsmonopolen erklären hier vor allem Netzwerkeffekte und Skalenvorteile die hohe Marktkonzentration: Grosse Anbieter sind im Vorteil, weil sie grössere Netzwerke, sprich mehr Kundinnen und Kunden haben oder sie dank ihrer Grösse günstiger produzieren können.
Exportorientierte Branchen wie die chemisch-pharmazeutische oder die Maschinenbauindustrie bilden eine besondere Gruppe. Trotz weniger einheimischer Anbieter stehen sie im intensiven internationalen Wettbewerb. Sie orientieren sich an den internationalen Märkten und richten sich nach den dort herrschenden Preisen. Firmen in diesen Branchen können keine auffallend hohen Mark-ups verlangen, obwohl die gemessene Konzentration der einheimischen Anbieter verhältnismässig hoch ist. Das verdeutlicht die Bedeutung der Aussenhandelsorientierung für den Wettbewerb in der Schweiz.
Die Analyse führt zu drei zentralen Erkenntnissen. Erstens ist die Konzentration einheimischer Firmen in der Schweiz ähnlich hoch wie in anderen europäischen Ländern. Zweitens sind die Preisaufschläge von Schweizer Firmen vergleichsweise gering. Drittens sorgt die starke Aussenhandelsorientierung der Schweizer Wirtschaft dafür, dass internationaler Wettbewerb auch in Märkten mit wenigen heimischen Anbietern für ein kompetitives Umfeld sorgt. Demnach weist die Schweiz im europäischen Vergleich eine hohe Wettbewerbsintensität aus.
- Die hier verwendete Einteilung fasst Unternehmen in breite Wirtschaftszweige zusammen und berechnet gewichtete Durchschnitte auf nationaler Ebene, was die tatsächliche Marktkonzentration verzerren kann. In der Realität findet Wettbewerb häufig auf deutlich detaillierteren Ebenen statt – etwa zwischen spezifischen Produkten oder auf lokalen Märkten. Die hier berechnete Marktkonzentration kann daher unterschätzt sein, wenn innerhalb der breiten Wirtschaftszweige mehrere separate Märkte mit jeweils unterschiedlichen Konzentrationsverhältnissen existieren. []
- Siehe Website des Preisüberwachers. []
- Siehe Jahresberichte der Postcom. []
Zitiervorschlag: Danne, Christian; Priem, Maximilian; Sohrweide, Friederich; Waights, Sevrin (2026). Der Wettbewerb in der Schweiz funktioniert. Die Volkswirtschaft, 29. Januar.