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Alexander Keberle, Leiter Standortpolitik, Economiesuisse, Zürich

Die Schweiz will ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 auf netto null senken. Sie wirtschaftet in vielerlei Hinsicht bereits heute nachhaltig: Innerhalb der OECD verbrauchen wir pro Franken des Bruttoinlandprodukts am wenigsten Energie und verursachen die tiefsten Treibhausgasemissionen.

Das Wirtschaftswachstum konnte damit zu grossen Teilen von den Emissionen entkoppelt werden. Gemäss Klimaschutzgesetz muss die Industrie ihren CO2-Ausstoss bis 2040 um 50 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Tatsächlich hat sie dieses Ziel mit 43 bis 48 Prozent Reduktionen (je nach Berechnung) bereits heute beinahe erreicht – fast 15 Jahre vor dem Zeitplan. Bemerkenswert dabei ist: In der gleichen Zeit hat die Industrie ihre Wertschöpfung etwa verdoppelt. Der Grund für diesen Erfolg waren ein verlässlicher regulatorischer Rahmen und Innovation.

Einen regulatorischen Rahmen braucht es auch künftig. Doch die Bürokratielast ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Würde man die jährlichen Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen aufeinanderstapeln, würden sie den Zürcher Prime Tower mit seinen 126 Metern überragen. Die damit verbundenen Kosten binden gemäss unseren Berechnungen Zehntausende Arbeitskräfte und verschlingen Hunderte Millionen Franken – Ressourcen, die anderswo produktiver eingesetzt werden könnten.

Märkte sortieren schlechte Ideen aus, Förderprogramme tun dies nicht.

Doch das grösste Problem sind nicht die Compliancekosten, sondern die Fehlanreize. Denn Kapital und unternehmerische Energie fliessen zunehmend dorthin, wo Förderkriterien erfüllt werden können. Werden bestimmte Technologien bevorzugt, verschieben sich Ressourcen zu Lösungen, die ins Raster passen – nicht zwingend zu jenen mit dem höchsten Wirkungspotenzial.

Doch Nachhaltigkeit braucht Innovation – und die lässt sich nicht am Reissbrett planen. Vieles spricht deshalb dafür, unternehmerische Stärken vermehrt für die Nachhaltigkeitsziele zu nutzen. Denn Firmen verarbeiten dezentrales Wissen besser als jede zentrale Behörde. Für sie zählen Ergebnisse, nicht Prozesse und Formulare. Märkte sortieren schlechte Ideen aus, Förderprogramme tun dies nicht. Und Unternehmen können schneller reagieren als Politik und Verwaltung.

Wer die Nachhaltigkeitsziele erreichen will, darf auf diese unternehmerischen Kräfte nicht verzichten. Nötig sind deshalb weniger Regulierung und Bürokratie. Der Staat sollte sich auf verlässliche, technologieneutrale Rahmenbedingungen wie Versorgungssicherheit, Infrastruktur oder Bildung und Forschung konzentrieren. Bewusstes nicht oder weniger regulieren ist das Gebot der Stunde. In einer Welt, die Risiken immer weniger tragen will, mag das unbequem sein. Doch wer Risiken wegreguliert, erstickt auch Chancen im Keim.

Zitiervorschlag: Keberle, Alexander (2026). Nachhaltigkeit braucht mehr Unternehmertum. Die Volkswirtschaft, 08. September.