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Wie viel Staat steckt in Schweizer Preisen?

Ob Gesundheit oder Energie: Die Schweiz reguliert Preise in verschiedenen Bereichen. Das soll Marktversagen korrigieren und die Grundversorgung sicherstellen. Doch wie stark sind die Eingriffe im europäischen Vergleich und mit welchen Folgen für den Wettbewerb? Eine neue Studie ordnet ein.
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Im Gesundheitswesen werden viele Preise vom Staat festgelegt. Anne Levy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (links), Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (Mitte) und Agnes Schenker, Co-Leiterin Kommunikation des Innendepartements. (Bild: Keystone)

Die Schweiz ist eine Hochpreisinsel. Gründe dafür gibt es viele: Löhne und Mieten sind höher als in anderen Ländern. Tarifäre Handelshemmnisse wie Agrarzölle oder nicht tarifäre Handelshemmnisse wie Einfuhrregeln und Schutzbestimmungen verteuern Importe. Ausländische Hersteller schotten den Schweizer Markt ab, indem sie beispielsweise Händlern verbieten, Produkte günstiger im Ausland einzukaufen, um sie in der Schweiz zu vertreiben. All dies trägt zum hohen Preisniveau bei.

Die Studie zum Postulat 24.3157 Silberschmidt widmet sich in diesem Zusammenhang der Rolle administrierter Preise in der Schweiz.[1] Administrierte Preise heissen so, weil sie staatlich festgelegt oder reguliert werden. So etwa im Gesundheitswesen, wo Tarife bestimmen, wie viel ein Arztbesuch kosten darf. Im öffentlichen Verkehr müssen Billettpreise und Abonnemente von Bund und Kantonen genehmigt werden. Ebenso existieren administrierte Preise im Energie-, im Post- oder im Telekommunikationsmarkt.

Administrierte Preise in der Theorie

Warum entscheidet sich der Staat dafür, in die Preisbildung einzugreifen? Einerseits aus sozialpolitischen Gründen, um beispielsweise den Zugang zu wichtigen Leistungen zu sichern. Denn alle Menschen sollen sich eine medizinische Grundversorgung, Strom und öffentlichen Verkehr leisten können. Ebenso dienen administrierte Preise dazu, starke und plötzliche Preissprünge zu vermeiden. Andererseits gestaltet der Staat Preise mit, wenn es in bestimmten Märkten zu Marktversagen kommt. Das ist bei öffentlichen Gütern, natürlichen Monopolen, externen Effekten und Informationsasymmetrien der Fall.

Besonders deutlich zeigt sich das im Gesundheitsbereich: Hersteller von Medikamenten sichern sich durch Patente eine zeitlich begrenzte Monopolstellung. Diese Patente werden gewährt, um die enormen Kosten und Risiken der Entwicklung neuer Medikamente zu decken und somit Innovationsanreize zu schaffen. Denn ohne Patente würden konkurrenzierende Unternehmen die Medikamente kopieren und günstiger auf den Markt bringen. Die Monopolstellung der Hersteller führt jedoch dazu, dass Medikamentenpreise zu hoch angesetzt werden könnten. Dadurch wäre die gesundheitliche Grundversorgung nicht mehr gesichert. Aus diesem Grund interveniert der Staat und legt die Preise für kassenzulässige Medikamente fest.

Werden Preise in funktionierenden Märkten allerdings unangemessen beeinflusst, verlieren Marktmechanismen ihre Wirksamkeit oder werden verzerrt. Um diese möglichen Wirkungen und Ausmasse administrierter Preise in der Schweiz abzuschätzen, nahm BSS Volkswirtschaftliche Beratung eine neue Inventarisierung vor (siehe Tabelle). Diese erfasst systematisch, in welchen Bereichen der Staat Preise beeinflusst, und stützt sich auf die Methodik des Preisüberwachers aus dem Jahr 2005.

Die Behörden können Preise auf vier Arten beeinflussen

Kategorie Definition Beispiele
Direkt administrierte Preise Preise, bei denen staatliche Stellen unmittelbar in die Preisfestlegung oder -genehmigung eingreifen, etwa durch verbindliche Vorgaben oder explizite Genehmigungspflichten. Kassenpflichtige Medikamente, Grundversorgung Telekom, Grundversorgung Post, Stromverteilnetz
Preise von öffentlichen Monopolen Preise, die von Unternehmen festgelegt werden, die sich vollständig oder mehrheitlich in öffentlichem Eigentum befinden und in einem rechtlich oder faktisch monopolistischen Marktsegment tätig sind. Salzregal, Flugsicherung (Skyguide), kantonale Gebäudeversicherungen, Fernwärmeverteilnetz
Fiskalisch beeinflusste Preise Preise, die durch gezielte staatliche Eingriffe wesentlich verändert werden, etwa durch Lenkungsabgaben, Zwecksteuern oder Subventionen. Nationalstrassenabgabe, Tabaksteuer, individuelle Prämienverbilligungen, Mineralölsteuer
Indirekt regulatorisch beeinflusste Preise Preise, die aufgrund marktspezifischer regulatorischer Rahmenbedingungen erheblich beeinflusst werden, ohne dass eine direkte Preisfestsetzung erfolgt. Notariatswesen, Finanzdienstleistungen, Wohnungsmarkt, Bildungswesen, Taximarkt
Quelle: Inventar BSS (2025) basierend auf der Kategorisierung des Preisüberwachers (2005)

Europäischer Vergleich

Anhand des Inventars lässt sich jedoch nicht ableiten, wie stark Schweizer Preise im Verhältnis administriert sind. Ein europäischer Vergleich schafft Abhilfe. Eurostat, das statistische Amt der Europäischen Union, weist administrierte Preise in der Schweiz und in 32 weiteren europäischen Ländern aus.[2] Als Grundlage dient der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), der die Preisentwicklung von Gütern und Dienstleistungen erfasst, die private Haushalte für Konsumzwecke erwerben.

Im Jahr 2024 unterlagen in der Schweiz knapp 29 Prozent aller Konsumausgaben der privaten Haushalte einer direkten oder teilweisen staatlichen Regulierung (siehe Abbildung). In der EU sind es im Durchschnitt nur 12 Prozent.

Bei den teilweise administrierten Preisen bestehen grosse Unterschiede

INTERAKTIVE GRAFIK
Quelle: BSS-Berechnungen basierend auf Eurostat  | Grafik: Die Volkswirtschaft

Dieser Unterschied ist primär auf den stark regulierten Gesundheitsbereich zurückzuführen. Hier beträgt der Anteil administrierter Preise in der Schweiz rund 95 Prozent, in der EU ca. 80 Prozent.[3] Gleichzeitig fliessen die Gesundheitsausgaben in der Schweiz stärker in den HVPI ein, da Schweizerinnen und Schweizer einen grossen Teil über ihre Krankenkassenprämien bezahlen. In anderen Ländern hingegen finanziert der Staat die Gesundheitsausgaben häufig über allgemeine Steuern, weswegen ihr Gewicht im Index tiefer ist. Der hohe Schweizer Wert ist somit weniger Ausdruck einer dirigistischen Wirtschaftspolitik als vielmehr primär eine Folge der spezifischen Finanzierungsstruktur des Sozialstaats.

Die Antwort auf die Frage nach dem Staatsanteil in den Preisen ist somit keine rein quantitative. Entscheidend ist nicht allein die Quote der administrierten Preise, sondern die Qualität der Regulierung. Vor diesem Hintergrund rücken alternative Regulierungsformen in den Fokus. Im Gesundheitsbereich etwa wären nach Ablauf des Patentschutzes von Arzneimitteln vermehrt wettbewerbliche Ansätze wie Ausschreibungsmodelle denkbar. Bei diesen legt der Staat oder ein Versicherer nicht mehr den Preis fest, sondern schreibt ein Versorgungsziel aus. Die Hersteller müssen sich gegenseitig unterbieten, um den Zuschlag für die Belieferung zu erhalten. Solche Modelle ersetzen starre staatliche Preisvorgaben durch wettbewerbsnähere Mechanismen und werden in anderen Ländern wie zum Beispiel Norwegen bereits erfolgreich praktiziert.

Ein staatlicher Eingriff erfordert daher stets eine differenzierte Beurteilung: Er sollte dort steuernd wirken, wo keine funktionsfähigen Märkte bestehen, aber dort Raum für Marktmechanismen lassen, wo diese die Versorgung effizienter organisieren können als eine rein administrative Festlegung.

  1. Siehe Postulat 24.3157 von Silberschmidt Andri: Schädigen administrierte Preise die Kaufkraft? []
  2. Eurostat (2024). Harmonised Index of Consumer Prices (HICP) Methodological Manual 2024 Edition. []
  3. Die Gesundheitsausgaben fallen im HVPI-Index unter die teilweise administrierten Preise. []

Zitiervorschlag: Mergele, Lukas; Wehrli, Damian; Winistörfer, Nils (2026). Wie viel Staat steckt in Schweizer Preisen? Die Volkswirtschaft, 29. Januar.