Suche

Abo

Vom Freihandel zur Machtpolitik. Was bedeutet das für die Schweiz?

Die internationale Wirtschaftsordnung ist im Umbruch: Nationale strategische Interessen gewinnen gegenüber offenen Märkten an Bedeutung. Dennoch bleibt sich die Schweiz treu und hält an ihrer wirtschaftlichen Offenheit fest.
Schriftgrösse
100%

Die USA und China prägen die internationale Wirtschaftsordnung. US-Präsident Donald Trump und der chinesische Präsident Xi Jinping in Südkorea 2025. (Bild: Keystone)

Mit ihrer Handelspolitik stellten die USA im vergangenen Jahr die regelbasierte internationale Wirtschaftsordnung grundlegend infrage. Auch die Beziehungen zu ihren Partnern veränderten sich durch protektionistische Massnahmen wie Zölle spürbar. Die USA wandten sich damit von Institutionen und Prinzipien ab, die sie einst selbst mitgeschaffen hatten.

Diese neue handelspolitische Ausrichtung der USA ist Ausdruck eines tieferliegenden Wandels in der internationalen Wirtschaftsordnung. Denn in den letzten Jahren hat der Protektionismus global zugenommen, und verschiedene grosse Wirtschaftsmächte setzen zunehmend ihre Handels- und Finanzbeziehungen für geopolitische Zwecke ein. Infolgedessen befinden wir uns im Übergang von der seit dem Ende des Kalten Kriegs dominierenden liberalen Weltwirtschaftsordnung zu einer neuen, zunehmend von strategischen und geoökonomischen Interessen geprägten Ordnung.

Vom Win-win zum Nullsummendenken

Nach der liberalen Logik zielt wirtschaftliche Tätigkeit primär darauf ab, Wohlstand zu schaffen. Handel gilt als Win-win-Situation, bei der alle profitieren. In der geoökonomischen Perspektive bewerten Staaten wirtschaftliche Gewinne jedoch im Sinne einer Nullsummenlogik. Es geht nicht mehr um absoluten Wohlstandszuwachs, sondern um die Verteilung von Macht und Einfluss – jeder Vorteil des anderen gilt als eigener Nachteil. Aussen- und sicherheitspolitische Ziele rücken in den Vordergrund. Abhängigkeiten in kritischen Sektoren wie Energie und in Schlüsseltechnologien gelten als strategische Verwundbarkeit, die im Konfliktfall oder durch den Unterbruch von Lieferketten ausgenutzt werden könnte.[1]

Ein wesentlicher Treiber der geoökonomischen Ordnung ist die Rivalität zwischen den USA und China. Mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas wankt die einst unangefochtene Vormachtstellung der USA. Wir befinden uns im Übergang von einer unilateralen hin zu einer bi- oder gar multipolaren Weltordnung, mit zwei oder mehreren rivalisierenden Grossmächten. China wird von den USA zunehmend nicht nur als ökonomischer Gegenspieler wahrgenommen, sondern auch als Rivale, der auf die Weltpolitik Einfluss nehmen will. Folglich wird der Fokus zunehmend auf strategische Sicherheit gelegt.[2]

Diese sicherheitspolitische Logik überträgt sich auch auf die Aussenwirtschaft: Grossmächte bemühen sich, eigene Abhängigkeiten vom Ausland zu reduzieren und internationale Wirtschaftsbeziehungen so zu gestalten, dass sie ihre eigene strategische Position stärken. Die US-Zollmassnahmen sind ein Instrument dieses geoökonomischen Werkzeugkastens, ebenso wie Exportkontrollen, Investitionsprüfmechanismen, Sanktionen, Einflussnahme auf inländische und ausländische Firmen oder staatliche Investitionsprogramme. [3] Hinzu kommen industriepolitische Massnahmen zur Stärkung gewisser heimischer Branchen, die zunehmend geopolitische Motive sowie die Sicherung der Lieferketten im Fokus haben.

Folgen für die Weltwirtschaft

Der Übergang zu einer geoökonomisch geprägten Ordnung hat weitreichende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Die Stabilität der regelbasierten Handelsordnung weicht einer Phase mit mehr Unsicherheit (siehe Abbildung). Handelskonflikte nehmen zu, und multilaterale Institutionen wie die Welthandelsorganisation werden geschwächt. Zudem droht die Weltwirtschaft stärker auseinanderzudriften: Lieferketten sollen vermehrt regional verankert oder die Produktion in befreundete Länder verlagert werden im Sinne eines Near- oder Friendshoring. Das vermindert Skalenerträge und Spezialisierungsvorteile im internationalen Handel. Dadurch sinkt der Wohlstand.

Die wachsenden Rivalitäten zwischen grossen Wirtschaftsblöcken verursachen nicht nur wirtschaftliche Schäden. So ist zu befürchten, dass diese Rivalitäten die internationale Zusammenarbeit bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimaschutz oder Pandemiebekämpfung weiter erschweren mit möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen.[4]

Die Unsicherheit im internationalen Handel hat 2025 stark zugenommen (2005–2025)

INTERAKTIVE GRAFIK
Quelle: Eigene Darstellung der Autoren basierend auf Daten von Economic Policy Uncertainty | Grafik: Die Volkswirtschaft

Wirtschaftliche Offenheit als Leitprinzip

Für die Schweiz sind diese Entwicklungen von besonderer Bedeutung. Denn sie ist eine mittelgrosse, offene Volkswirtschaft und profitiert stark von einer stabilen, regelbasierten Ordnung und der Einbettung ihrer Unternehmen in globale Wertschöpfungsketten. Deshalb stellt sich die Frage, wie sich die zunehmende Bedeutung der Geoökonomie auf die Schweizer Wirtschaft auswirkt und welche (aussen)wirtschaftspolitischen Schlüsse sich daraus ergeben.

Zunächst ist wichtig: Die Schweiz kann – anders als grosse Nationen – keine globalen Regeln definieren und durchsetzen. Ebenso wenig kann sie mit industriepolitischen Massnahmen eine von der Weltwirtschaft unabhängige Volkswirtschaft aufbauen. Dafür ist ihr Binnenmarkt viel zu klein. Oder anders formuliert: Die neuen aussenwirtschaftspolitischen Rezepte der grossen Blöcke eignen sich nicht für ein Land wie die Schweiz.

Gerade deshalb bleibt ihre Politik der offenen Märkte zentral. Die Schweiz braucht diversifizierte Handelsbeziehungen, auch wenn sich das internationale Umfeld verändert. Eine verstärkte Einbettung in globale Märkte und Lieferketten kann zwar Abhängigkeiten erzeugen. Gleichzeitig trägt diese Einbettung aber zur Sicherheit bei: Diversifizierung schützt vor Risiken entlang der Lieferketten. Wechselseitige Abhängigkeiten erschweren destabilisierende Machtausübungen durch Drittstaaten. Und die durch den Handel resultierenden Effizienzgewinne schaffen wirtschaftliche Spielräume.

Was macht die Schweiz?

Die aussenwirtschaftspolitische Souveränität ermöglicht es der Schweiz, massgeschneiderte Wirtschaftsabkommen mit Partnern in aller Welt auszuhandeln. So kann die Schweiz auf ein grosses Netzwerk an Freihandelsabkommen zählen, das fortlaufend ausgebaut und modernisiert wird. Allein in den letzten zwei Jahren unterzeichnete die Schweiz sieben neue und modernisierte Abkommen. Auch im multilateralen Bereich engagiert sich die Schweiz für den regelbasierten Handel. Weiter setzt sich die Schweiz für Initiativen und plurilaterale Vereinbarungen mit Ländern ein, welche die regelbasierte Handelsordnung stützen – zum Beispiel mit der Future of Investment and Trade Partnership (FIT-Partnerschaft). Eine weitere zentrale Massnahme ist die Stabilisierung und Weiterentwicklung der Beziehungen zur EU, der mit Abstand wichtigsten Handelspartnerin der Schweiz, durch die Abkommen des Pakets Schweiz – EU (Bilaterale III).

Gleichzeitig gilt es, die inländischen Rahmenbedingungen sowie die Innovationsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft weiter zu stärken. Eine starke, anpassungsfähige Volkswirtschaft bildet die effizienteste Grundlage ökonomischer Sicherheit und Resilienz. Ergänzend kommen punktuell die Instrumente der wirtschaftlichen Landesversorgung zum Einsatz. Sie stellt sicher, dass die Schweiz in Krisenzeiten mit lebenswichtigen Gütern versorgt bleibt. Dazu gehören zum Beispiel ausgewählte Treibstoffe, Lebensmittel und Medikamente.

Schlussendlich bleibt es wichtig, internationale Entwicklungen laufend neu einzuordnen. Schlimmstenfalls endet die zunehmende Fragmentierung in einem Teufelskreis: Die Weltwirtschaft zerfällt in Blöcke, das regelbasierte Handelssystem verliert an Attraktivität – und genau das beschleunigt die weitere Spaltung.[5] Gleichzeitig könnte bei einer sich weiter verschärfenden Rivalität zwischen den USA und China der Druck auf Drittstaaten zunehmen, sich einer der beiden Seiten anzuschliessen.[6] Derartige Worst-Case-Szenarien zeichnen sich Stand heute nicht ab. Dennoch ist es wichtig, sich damit zu befassen und die weiteren Entwicklungen im Auge zu behalten.[7]

  1. Siehe Roberts, Moraes und Ferguson (2019). []
  2. Siehe Roberts, Moraes und Ferguson (2019). []
  3. Siehe Mohr und Trebesch (2025). []
  4. Siehe Sapir, Kirkegaard und Zettelmeyer (2025). []
  5. Siehe Clayton, Maggiori und Schreger (2025). []
  6. Siehe Sapir, Kirkegaard und Zettelmeyer (2025). []
  7. Der Bericht zur Aussenwirtschaftspolitik 2025 ordnet diese und weitere Entwicklungen und Aktivitäten der Schweiz im Jahr 2025 ein. []

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Zitiervorschlag: Frick, Alissa; Schetter, Ulrich; Stawarz, Marcin (2026). Vom Freihandel zur Machtpolitik. Was bedeutet das für die Schweiz? Die Volkswirtschaft, 14. Januar.