Michael Frank, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), Aarau
Wie sicher ist die Stromversorgung der Schweiz? Mit dem Stromversorgungs-Index legt der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) erstmals ein einfaches, aussagekräftiges Instrument vor, das dieser Frage auf den Grund geht. Der Index dient als Frühwarnsystem: Er zeigt auf, ob die Schweiz mit Blick auf 2050 ihre gesetzlichen Versorgungsziele erreicht und wo dringender Handlungsbedarf besteht, damit die Stromversorgung auch in Zukunft gewährleistet bleibt.
Der Index setzt sich aus fünf Indikatoren zusammen, die jährlich aktualisiert werden: Stromnachfrage, erneuerbare Energien, Flexibilität, zusätzliche Stromproduktion sowie Netz. Keiner dieser Bereiche ist auf Kurs. Für das Jahr 2035 erreicht der Index nur 82 von 100 Punkten, für 2050 gar lediglich 69 Punkte. Damit verfehlt die Schweiz die gesetzlichen Versorgungsziele deutlich.
Insbesondere im Winterhalbjahr ist es für die Schweiz herausfordernd, die Stromversorgung zukünftig sicherzustellen. Denn der Ausbau von Wasserkraft, Windenergie und alpiner Photovoltaik kommt zu langsam voran. Der Anstieg der Stromnachfrage und der Ausstieg aus der Kernenergie führen ab 2040 zu einer deutlichen Verschlechterung des Stromversorgungs-Indexes. Zudem kann sich die Schweiz ohne Stromabkommen mit der EU nicht darauf verlassen, jederzeit genug Strom aus dem Ausland beziehen zu können.
Der Stromversorgungs-Index 2026 zeigt: Die Schweiz verfehlt die gesetzlichen Versorgungsziele deutlich.
Darum braucht es jetzt entschlossenes Handeln. Dazu gehört ein konsequenter Ausbau der erneuerbaren Energien mit einem Fokus auf Winterstrom. Zwar können der gezielte Ausbau von Windkraft sowie der Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke helfen, kurzfristige Engpässe zu vermeiden. Doch auch sie bringen keine dauerhafte Lösung. Es braucht einen beschleunigten Netzausbau, der den Anschluss an die ergänzenden Produktionskapazitäten ermöglicht – also flexible, bedarfsgerechte Anlagen zur Absicherung in Zeiten geringer erneuerbarer Produktion.
Des Weiteren müssen saisonale Speicher und alternative Wasserkraftprojekte geprüft werden. Und nicht zuletzt ist ein Stromabkommen mit der EU unerlässlich. Dieses trägt zu einer vollumfänglichen Integration der Schweiz in den Strombinnenmarkt der EU bei, sichert Grenzkapazitäten und erhöht die Netzstabilität. In einer Zeit wachsender Unsicherheiten schafft das Stromabkommen Rechtssicherheit und trägt zu tieferen Kosten für Wirtschaft und Haushalte bei.
Der VSE-Stromversorgungs-Index veranschaulicht deutlich: Die Herausforderungen sind gross, aber lösbar, wenn wir heute die Weichen stellen, um die Stromversorgung der Schweiz langfristig zu sichern.
Zitiervorschlag: Frank, Michael (2026). Ohne Massnahmen droht eine Versorgungslücke. Die Volkswirtschaft, 12. Mai.