Steigt die Inflation in der Schweiz weiter?
Ein Nadelöhr im globalen Energiehandel: Die Strasse von Hormus. (Bild: Keystone)
Wenn einzelne Güter wie Benzin, Kakao oder Flugreisen teurer werden, liegt noch nicht unbedingt Inflation vor. Im Gegenteil: Relative Preisänderungen einzelner Güter sind ein normaler und wichtiger Bestandteil einer Marktwirtschaft: Sie signalisieren Knappheiten, veränderte Konsumgewohnheiten oder technologische Fortschritte.
Von Inflation spricht man erst dann, wenn die Preise eines breiten Bündels von Waren und Dienstleistungen im Durchschnitt und über eine gewisse Zeit ansteigen. Mit dem Anstieg des generellen Preisniveaus verliert Geld an Wert, weil man sich bei unverändertem Lohn weniger kaufen kann. Meist passen sich die Löhne an eine höhere Inflation an, in der Regel aber erst mit Verzögerung und oft nicht vollständig. Zudem entwertet sich das Geld auch auf dem Sparbuch, wenn die Verzinsung tiefer ist als die Inflationsrate. Der Wert eines fixen Geldbetrags halbiert sich bei einer Inflation von 1 Prozent innert 69 Jahren. Bei 10 Prozent Inflation reichen dafür 6,6 Jahre.
Die schädliche Wirkung der Inflation
Hohe Inflation, aber auch schwankende Inflationsraten sind also ein Problem. Haushalte können sich weniger leisten und wissen weniger genau, wie weit ihr Einkommen künftig reicht. Auch Unternehmen können Kosten, Verkaufspreise und Investitionen schwieriger kalkulieren. Zudem werden Preissignale gestört: Es wird schwieriger zu erkennen, ob ein bestimmtes Gut teurer wird, weil es knapper oder beliebter geworden ist, oder ob der Preisanstieg lediglich Folge des allgemeinen Preisanstiegs ist.
Zudem sind Haushalte mit geringem Einkommen häufig stärker betroffen, weil sie einen grösseren Anteil ihres Budgets für Wohnen, Energie und Lebensmittel ausgeben müssen. Steigen vor allem diese Preise, sinkt ihre Kaufkraft besonders stark. Sie haben eine geringere Spar- bzw. Investitionsquote und damit weniger Möglichkeiten, sich finanziell gegen Inflation abzusichern. Inflation kann zudem Gläubiger benachteiligen und Schuldner entlasten, wenn der Schuldzins nicht im gleichen Mass steigt wie die Inflation. Aufgrund der grossen Bedeutung stabiler Preise gibt der Gesetzgeber der Schweizerischen Nationalbank (SNB) den Auftrag, die Preisstabilität in der Schweiz zu gewährleisten.
So wird die Inflation gemessen
Die Inflationsrate entspricht der prozentualen Veränderung des Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres. Der LIK misst, wie sich die Preise eines repräsentativen Warenkorbs entwickeln. Dessen Gewichtung wird jährlich aktualisiert, basierend auf einer Befragung der privaten Haushalte in der Schweiz (Haushaltsbudgeterhebung). Demnach ist der grösste Ausgabenposten eines typischen Schweizer Haushalts «Wohnen und Energie» (ohne Treibstoffe) mit einem Anteil von derzeit über 25 Prozent an seinem Gesamtbudget. Danach folgen die Kategorien «Gesundheit» mit gut 17 Prozent und «Verkehr» mit knapp 11 Prozent (siehe Abbildung 1).
Das Bundesamt für Statistik (BFS) berechnet den LIK monatlich anhand einer sehr detaillierten Preiserhebung. Da der LIK reine Preisänderungen misst, fliessen Krankenkassenprämien nicht direkt ein (siehe Kasten 2).
Abb. 1: Landesindex der Konsumentenpreise: Wohn- und Energiekosten haben den grössten Anteil (2026)
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Die Schweiz: Ein Land mit tiefer Inflation
Die Schweiz blickt auf 30 Jahre mit verhältnismässig tiefen Inflationsraten zurück, sowohl im Vergleich zu früheren Jahrzehnten als auch im Vergleich zu anderen Ländern. Als kleine, offene Volkswirtschaft kann sich die Schweiz zwar nicht von der internationalen Entwicklung abkoppeln. Insbesondere steigende Energiepreise auf dem Weltmarkt wirken sich auch hierzulande aus. Doch der starke Franken dämpft die importierte Inflation, weil er Importe verbilligt. Einen dämpfenden Effekt haben auch die hohe Glaubwürdigkeit der SNB und die soliden Staatsfinanzen. Beide begrenzen Preiserhöhungen und Lohnforderungen, weil Privatpersonen und Unternehmen darauf vertrauen, dass die künftige Inflation niedrig bleibt. Entscheidend für die Geldpolitik der SNB ist die mittelfristige Inflationsentwicklung. Diese sollte, basierend auf dem LIK, zwischen 0 und 2 Prozent liegen. Kurzfristige Abweichungen sind noch kein Grund für geldpolitische Massnahmen.
Letztmals deutlich abgewichen vom Zielband 0–2 Prozent ist die Inflation in den Jahren 2022 und 2023. Während der Pandemie waren internationale Produktionskapazitäten eingeschränkt und globale Lieferketten unterbrochen. Mit der Aufhebung vieler Coronabeschränkungen nach der Pandemie traf ein reduziertes Angebot auf eine kräftige Nachfrage, was die Preise schnell ansteigen liess. Der Arbeitsmarkt war damals sehr gut ausgelastet, der Nachholbedarf nach der Covid-Krise gross, und die Haushalte konnten teils auf hohe Ersparnisse zurückgreifen, welche sie während der Covid-Krise wegen reduzierter Konsummöglichkeiten gebildet hatten.
Verstärkt wurde die Situation durch den Ukraine-Krieg. Er liess die Energiepreise in Europa ab März 2022 zusätzlich stark steigen. Letztlich erreichte die Inflation im Euroraum im Oktober 2022 den Maximalwert von 10,7 Prozent, in den USA wurden im Juni 2022 9,1 Prozent erreicht. Auch in der Schweiz nahm die Inflation zu, allerdings wesentlich weniger stark als in vielen anderen Industrieländern. Der Höhepunkt in der Schweiz wurde im August 2022 mit 3,5 Prozent gemessen. Die rasche Straffung der Geldpolitik durch die SNB trug entscheidend dazu bei, dass die Inflation wieder in den Bereich der Preisstabilität zurückkehrte.
Die aktuelle Inflationsentwicklung
Zuletzt war die Inflation in der Schweiz tief, aber sie ist seit Anfang Jahr gestiegen. Hauptgrund ist der internationale Energiepreisschock aufgrund der Iran-Krise. Betrugen die Inflationsraten im Januar und im Februar 2026 noch 0,1 Prozent, stieg die Inflation bis April auf 0,6 Prozent und blieb auch im Mai dort (siehe Abbildung 2). Die Preise für Erdölprodukte (Heizöl sowie Diesel und Benzin) legten ab März deutlich zu und bewirkten einen Anstieg der Inflation um 0,5 Prozentpunkte.
Abb. 2: Gestiegene Erdölpreise heizen die Inflation an
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Mit den höheren Erdölpreisen steigen auch die Preise für gewisse Dienstleistungen. So waren Flugtickets und Pauschalreisen ins Ausland im Mai teurer als ein Jahr zuvor, was vor allem auf die höheren Kerosinpreise zurückzuführen sein dürfte. Gedämpft wird die Inflation dagegen weiterhin von den übrigen Waren exklusive Energie, unter anderem aufgrund tiefer Importpreise. Zusätzlich bremsen die leicht rückläufigen Strompreise die Inflation. Insgesamt nimmt die Kerninflation weiterhin ab – jedenfalls bislang. Die Kerninflation schliesst frische und saisonale Produkte sowie Energie und Treibstoffe aus und dient so als besserer Indikator für die mittelfristige Preisentwicklung.
Legen die Preise weiter zu?
Mit 0,6 Prozent befindet sich die Inflation in der Schweiz weiterhin auf einem tiefen Niveau. Allerdings könnte sie in den nächsten Monaten zulegen. So sind im Zusammenhang mit der Schliessung der Strasse von Hormus auch die Preise von anderen Gütern gestiegen, insbesondere von erdgasabhängigen chemischen Gütern wie etwa Düngemitteln. Zudem werden auch erdölbasierte Güter wie Kunststoffe teurer. Entsprechend zeigen Umfragen, dass auch in der Schweiz viele Unternehmen mit steigenden Einkaufspreisen konfrontiert sind.
Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass die Inflation wieder auf ähnlich hohe Werte wie in den Jahren 2022 und 2023 ansteigt. Denn das makroökonomische Umfeld ist heute anders: Die Konjunktur war in den vergangenen Jahren schwächer, der Arbeitsmarkt ist weniger ausgelastet, und die Inflation war unmittelbar vor dem Ölpreisschock sehr tief. Zudem sind die Erdölpreise seit der Absichtserklärung USA – Iran von Mitte Juni wieder gesunken. Die Aussichten hängen aber entscheidend von der weiteren Entwicklung des Konflikts im Mittleren Osten ab.
Zitiervorschlag: Kemeny, Felicitas; Schmidt, Caroline (2026). Steigt die Inflation in der Schweiz weiter? Die Volkswirtschaft, 25. Juni.
«Konjunkturtendenzen» Sommer 2026
Wirtschaftslage Schweiz – Im 1. Quartal 2026 ist das Sportevent-bereinigte BIP um 0,4 Prozent gewachsen. Damit beschleunigte sich das Wachstum der Schweizer Wirtschaft etwas, nach schwachen Vorquartalen. Die Arbeitslosenquote ist weiter angestiegen, während das Beschäftigungswachstum wieder etwas anzog. Die Inflation ist aufgrund höherer Erdölpreise bis auf 0,6 Prozent angestiegen.
Konjunkturprognose – Mit der Krise im Nahen und im Mittleren Osten sind die Erdölpreise seit Ende Februar stark angestiegen. Die weitere Entwicklung der Konflikte im Nahen und im Mittleren Osten ist äusserst unsicher, und davon hängen die wirtschaftlichen Auswirkungen entscheidend ab. Basierend auf den Markterwartungen erhöht die Expertengruppe für die vorliegende Konjunkturprognose ihre technische Annahme für die Erdölpreise im laufenden und im kommenden Jahr deutlich. Vor diesem Hintergrund erwartet die Expertengruppe vorübergehend eine etwas schwächere Entwicklung der Schweizer Wirtschaft als noch im März veranschlagt. Für das Jahr 2026 prognostiziert sie ein deutlich unterdurchschnittliches Wachstum des Schweizer BIP von 0,9 Prozent.
Szenarien – Der weitere Verlauf der Konflikte im Nahen und im Mittleren Osten ist mit grosser Unsicherheit behaftet und birgt Risiken für die weltwirtschaftliche Entwicklung. Vor diesem Hintergrund ergänzt das Staatssekretariat für Wirtschaft die Prognose der Expertengruppe um zwei alternative Szenarien.
Weltwirtschaft – Im 1. Quartal 2026 wuchs die Weltwirtschaft, gemessen an den wichtigsten Handelspartnern der Schweiz, ähnlich schnell wie im Vorquartal. Damit fiel das Wachstum etwas schwächer aus als erwartet, insbesondere im Euroraum, wo das BIP rückläufig war. Insgesamt deuten die Indikatoren auf eine Abschwächung der weltwirtschaftlichen Dynamik hin, insbesondere für den Dienstleistungssektor, der zuletzt eine wichtige Stütze des Wachstums darstellte.
Weshalb fliessen die Krankenkassenprämien nicht direkt in den LIK ein?
Dass die obligatorischen Krankenkassenprämien nicht direkt in den LIK einfliessen, sorgt regelmässig für Diskussionen. Die Abgrenzung ist jedoch methodisch begründet und entspricht dem internationalen Standard. Der LIK soll reine Preisänderungen messen. Krankenkassenprämien hingegen widerspiegeln wie auch andere Versicherungsprämien das «Volumen» der bezogenen Gesundheitsleistungen. Eine Prämienerhöhung kann daher unterschiedliche Ursachen haben: höhere Preise für medizinische Leistungen, eine grössere Zahl von Arztbesuchen, mehr Behandlungen oder den Einsatz neuer und teurerer Therapien. Würden die Prämien direkt in den LIK aufgenommen, würden Preis- und Mengeneffekte vermischt. Dies widerspräche der Zielsetzung, eine spezifische Masszahl für die reine Preisentwicklung bereitzustellen.
Das BFS berechnet einen Krankenversicherungsprämien-Index (KVPI). Dieser zeigt die Prämienveränderungen (Grund- und Zusatzversicherung) seit 1999 und deren Auswirkungen auf das übrige verfügbare Einkommen. Der LIK ist hingegen für eine andere Fragestellung konzipiert.
