Exportrisikoversicherung im Wandel
Schweizer Schokolade findet weltweit Abnehmer: Die Schweizerische Exportrisikoversicherung hilft manchen exportierenden Unternehmen, sich gegen Zahlungsausfälle im Ausland abzusichern. (Bild: Keystone)
Die Weltwirtschaft wird unsicherer: Geopolitische Spannungen, bewaffnete Konflikte und protektionistische Tendenzen erschweren den internationalen Handel und verringern die Planbarkeit für Unternehmen. Als offene und stark exportorientierte Volkswirtschaft trifft diese Entwicklung die Schweiz im Kern.
Auch im internationalen Umfeld der Exportkreditversicherungen ist ein tiefgreifender Wandel zu beobachten. Zahlreiche staatliche Export Credit Agencies (ECAs) dehnen ihr Tätigkeitsfeld weit über die klassische Absicherung einzelner Exportgeschäfte hinaus aus. Sie verfolgen zunehmend industrie- und geopolitische Ziele mit strategischen Programmen, Rohstoff- und Importfinanzierungen sowie mit ungebundenen Finanzierungen, die nicht direkt an Exportgeschäfte gekoppelt sind. Dies führt zu einer wachsenden Erosion des «OECD-Konsens» für Exportkredite.[1] Das ist eine freiwillige und nicht bindende Übereinkunft der OECD-Mitgliedsstaaten, die einen unfairen Subventionswettbewerb verhindern soll. Wer sich daran hält, steht im Einklang mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Erschwerend kommt hinzu, dass wichtige globale Wettbewerber ausserhalb der OECD, wie zum Beispiel China, nicht an dieses Regelwerk gebunden sind.
Für Schweizer Exporteure verschärft sich dadurch der internationale Wettbewerb erheblich. Sie konkurrieren direkt mit Unternehmen aus anderen Industrienationen, deren Angebote häufig durch umfassende staatliche Finanzierungs- und Absicherungslösungen unterstützt werden. Dabei entscheidet heute oft nicht mehr allein die Qualität des Produkts, sondern die Fähigkeit, dem Käufer ein konkurrenzfähiges Finanzierungspaket anzubieten. Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv) versteht sich ausdrücklich nicht als industriepolitisches Instrument des Bundes. Dennoch braucht es im Ergebnis gleich lange Spiesse für Schweizer Exporteure.
Die Serv als Exportförderinstrument des Bundes
Zahlreiche Exportgeschäfte kämen ohne die Serv gar nicht erst zustande. Die Serv ist die staatliche Exportrisikoversicherung der Schweiz. Sie versichert die Exportgeschäfte von Schweizer Unternehmen, also Waren und Dienstleistungen, gegen politische Risiken und Zahlungsausfälle. Das heisst, sie entschädigt eine versicherte Exporteurin oder eine finanzierende Bank, wenn ein Käufer im Ausland aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht zahlen kann oder will.
Ein Beispiel: Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, müssen sich die Staaten von fossilen Energieträgern schrittweise lösen. Das gilt auch für den Kosovo: Um die Abhängigkeit von Kohle zu reduzieren, wird dort ein Windpark gebaut, der die Stromversorgung für rund 50’000 Personen sicherstellen soll. Realisiert wird das Projekt von der Calik Enerji Swiss als Generalunternehmerin. Ergänzend kommen acht Schweizer Unternehmen als Zulieferfirmen dazu. Die Serv sichert die Transaktion mit einer Käuferkreditversicherung[2] für eine Laufzeit von 15 Jahren ab. Es ist das erste Windkraftprojekt, das die Serv unterstützt.
Ein weiteres Beispiel: Die CD Group setzt auf die Spitzenqualität der Schweizer Schokolade. Aus Le Locle NE exportiert das familiengeführte KMU seine typisch schweizerischen Produkte in zahlreiche Länder und beliefert sowohl Duty-free-Shops weltweit als auch Grosshändler und lokale Geschäfte. Auch wenn diese Exporte oft in begrenzten Mengen und mit kurzen Lieferfristen erfolgen, sind sie dennoch mit einem erheblichen Zahlungsausfallrisiko verbunden. Um ihre Geschäftstätigkeit abzusichern, arbeitet die CD Group seit vielen Jahren eng mit der Serv zusammen. Mithilfe von Lieferantenkreditversicherungen kann das Unternehmen seine Bestellungen versichern, insbesondere in Schwellenländern. Falls die ausländischen Käufer nicht zahlen, springt die Serv ein und entschädigt die CD Group für den Zahlungsausfall.
Subsidiarität als oberstes Gebot
Die Serv ist subsidiär tätig, das heisst, sie bietet ihre Versicherungen in Ergänzung zu den Leistungen privater Versicherer an. Sie versichert Risiken, die nicht marktfähig sind oder für die keine adäquate private Versicherungsangebote verfügbar sind. Es handelt sich tendenziell um Versicherungen für kleinere Geschäfte mit bonitätsmässig schwachen Gegenparteien oder um Geschäfte mit einer Dauer von bis zu 22 Jahren.
Bei der Unterscheidung von marktfähigen und nicht marktfähigen Risiken orientiert sich die Serv an der Europäischen Kommission: Die EU definiert kurzfristige Exportkredite mit einer Dauer von unter zwei Jahren für Exporte in EU-Länder und in bestimmte OECD-Mitgliedsstaaten mit hohem Einkommen als marktfähige Risiken. In diesen Fällen versichert die Serv nur dann, wenn die Exporteure zwei Absagen des privaten Versicherungsmarkts vorlegen. Mit anderen Worten: Die Serv springt dort ein, wo private Anbieter das Risiko nicht tragen wollen oder können.
Die Versicherungssumme der Serv nahm seit 2024 sprunghaft zu
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Grundlage für wettbewerbsfähige Finanzierungslösungen
Mit ihren Versicherungen ermöglicht die Serv Schweizer Exporteuren, ihre Liquidität und ihre Kreditlimiten bei Banken gezielt einzusetzen und dadurch Aufträge im Ausland überhaupt zu realisieren. Gleichzeitig bildet die Serv die Grundlage dafür, dass Exporteure gemeinsam mit Banken ihren Kunden wettbewerbsfähige Finanzierungslösungen anbieten können. Gerade in Ländern mit hohen Zinsen oder eingeschränktem Zugang zu Kapital kann dies den Ausschlag geben, ob ein Schweizer Unternehmen – egal ob KMU oder Grossunternehmen – einen Auftrag gewinnt.
Die Serv ist nicht steuerfinanziert und arbeitet eigenwirtschaftlich. Sie deckt sowohl ihre Betriebskosten als auch ihre Schadenaufwände über die Einnahmen aus risikogerechten Versicherungsprämien. Das übergeordnete Ziel des Serv-Mandats ist es, Arbeitsplätze in der Schweiz zu schaffen und zu erhalten sowie die Teilnahme der Schweizer Exportwirtschaft am internationalen Wettbewerb zu fördern. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte auf, dass die Serv jährlich bis zu 21’000 Arbeitsplätze in der Schweiz schafft und sichert. Zudem ermöglicht sie zusätzliche Exporte, insbesondere in von der OECD als risikoreich eingestufte Regionen. Ende 2025 belief sich das gesamte Versicherungsvolumen der Serv auf rund 11,4 Milliarden Franken (siehe Abbildung). Die Versicherungssumme für eine einzelne Exporttransaktion kann zwischen mehreren Tausend Franken und mehreren Hundert Millionen Franken gross sein. Ein Mindestvolumen für eine Serv-Versicherung gibt es nicht. Die Maximalgrösse hängt von den verbundenen Risiken ab.
Teilrevision des Serv-Gesetzes
Der Bundesrat hat im Oktober 2025 beschlossen, eine Teilrevision des Exportrisikoversicherungsgesetzes (ServG) in Auftrag zu geben. Damit will er die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exportwirtschaft in einem anspruchsvolleren internationalen Umfeld sichern. Die Vernehmlassung ist für das laufende Jahr vorgesehen.
Die Teilrevision verfolgt zwei Ziele: Einerseits sollen insbesondere KMU einfacher und mit geringerem administrativem Aufwand Zugang zu den Leistungen der Serv erhalten. Andererseits soll die Revision mehr gesetzliche Flexibilität schaffen, damit die Serv ihre Versicherungsprodukte schneller an neue Marktbedingungen und internationale Entwicklungen anpassen kann. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen und Herausforderungen und angesichts des zunehmend intensiven Wettbewerbs gewinnt diese Weiterentwicklung der Serv als Instrument zur Sicherung von Schweizer Wertschöpfung und Arbeitsplätzen zusätzlich an Bedeutung.
- Siehe die Website der OECD. []
- Da der ausländische Käufer die Maschinen nicht sofort bezahlt oder bezahlen kann, leiht er sich das Geld bei einer Bank mit einem Käuferkredit. Die Bank hat nun das Risiko, dass der ausländische Käufer das Geld nicht zurückzahlt. Genau gegen dieses Risiko versichert sich die Bank mit einer Käuferkreditversicherung bei der Serv. Siehe auch die Website der Serv. []
Zitiervorschlag: Schulze-Bergmann, Cristina (2026). Exportrisikoversicherung im Wandel. Die Volkswirtschaft, 09. Juli.