Traditionell gekleideter Säumer: Erinnerung an frühere Warentransporte über die Alpen. Vor Gründung des Bundesstaats passierten Säumer mehrere kantonale Zollstationen. (Bild: Keystone)
Zölle spielten in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz eine zentrale Rolle.[1] Von der Zugehörigkeit zum Römischen Reich bis in die Neuzeit waren sie ein wesentlicher Bestandteil der Finanzpolitik des Landes. Sie dienten nicht nur als Einnahmequelle für die Machthaber, sondern auch als Instrument ihrer Wirtschaftspolitik, um Handelsströme zu lenken und die heimische Produktion zu schützen und zu fördern. Für die Finanzierung des Gemeinwesens – insbesondere in der Zeit vor der Gründung des Bundesstaats – war die Erhebung von Zöllen von besonders grosser Bedeutung.
Römisches Reich: Zweckgebundene Zölle
Bereits in der Römerzeit wurden im Gebiet der heutigen Schweiz Zölle erhoben, etwa in Genf, Saint-Maurice oder Zürich. Die sogenannte Quadragesima Galliarum, die Vierzigstelsteuer von 2,5 Prozent, diente der Finanzierung von Infrastruktur und Sicherheitsleistungen – wie Brückenunterhalt oder der Marktaufsicht. Die Zweckbindung der Zölle war damals zentral.
Im Mittelalter (ca. 500–1500 n. Chr.) waren Zölle ein wichtiges Herrschaftsinstrument. Lokale Mächte – Städte, Klöster oder Adelige – nutzten sie zur Finanzierung ihrer Aufgaben. Es entstanden zahlreiche Binnenzölle, die auf Märkten, Wegen, Brücken und Flüssen erhoben wurden. Ursprünglich waren reine Passierzölle ohne konkrete Gegenleistung unzulässig. Zölle dienten somit eindeutig fiskalischen Zwecken und waren Teil der öffentlichen Grundversorgung.
Mittelalter: Die Entdeckung der Schutzzölle
Ab dem Hochmittelalter um 1000 n. Chr. gewannen fiskalische Motive weiter an Gewicht. Zölle wurden differenzierter gestaltet: Tarife richteten sich nun nach Warengattung, Gewicht und Route. Gleichzeitig begann sich der Gedanke durchzusetzen, über die Zollpolitik auch wirtschaftliche Ziele zu verfolgen – etwa den Schutz lokaler Produzenten vor ausländischer Konkurrenz. Städte wie Luzern erhoben gezielt höhere Zölle auf bestimmte Güter, um den lokalen Handel zu lenken. Der älteste bekannte Zolltarif, den die Stadt Luzern selbst erliess, datiert von 1390 und führte zu einer höheren Belastung der Handelswaren, über die sich insbesondere die Mailänder Kaufleute beschwerten.
Im 15. und 16. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Zölle in vielen Städten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz stark. In Luzern etwa entstanden neue Zollämter, und die Einnahmen wurden zentral erfasst. Auch in Uri oder Schaffhausen machten die Zölle einen erheblichen Anteil an den Staatseinnahmen aus – sie dienten damit primär der Finanzierung. Gleichzeitig beeinflussten sie aber auch die Routenwahl von Kaufleuten: Hohe Zölle führten zur Verlagerung des Verkehrs über andere Pässe, etwa jene in Graubünden.
Frühe Neuzeit
In der frühen Neuzeit zwischen 1500 und 1800 wurden die Zölle – als Folge kameralistischer Anschauungen, wonach Ausgaben- und Verkehrssteuern persönlichen Ertrags- und Vermögensabgaben vorzuziehen sind – zu einem Rückgrat der indirekten Besteuerung. In Stadtstaaten wie Luzern stieg ihr Anteil zeitweise auf über 30 Prozent der Gesamteinnahmen. Zölle blieben damit ein zentrales Finanzierungsinstrument. Gleichzeitig nahm ihre steuernde Wirkung zu: Sie wurden gezielt genutzt, um regionale Märkte zu schützen oder Einnahmen auf dem Land zu erhöhen. Dies führte zu Protesten und wachsendem Schmuggel.
Von der Helvetik bis zur Regenerationszeit (1798–1848) scheiterten verschiedene Anläufe zur Vereinheitlichung des Zollwesens – meist an den Eigeninteressen der Kantone. Zölle dienten weiterhin vor allem fiskalischen Zwecken – sie waren für viele Kantone, Gemeinden und sogar Privatpersonen eine unverzichtbare Einnahmequelle. Über 400 unterschiedliche Zollstationen existierten in der Schweiz – ein Flickenteppich, der den Binnenhandel erschwerte. Steuerungsfunktionen traten gegenüber dem reinen Einnahmezweck deutlich in den Hintergrund.
Bund hebt Binnenzölle auf
Mit der Entstehung des Bundesstaats 1848 übernahm der Schweizer Bund zunehmend die Verantwortung für die Erhebung von Zöllen, was zu einer Vereinheitlichung der Zollpolitik führte: Die Eidgenossenschaft wurde berechtigt, Zölle an den Landesgrenzen einzuziehen; für die Aufhebung der Binnenzölle wurden die Kantone vollumfänglich entschädigt. Trotz der Entschädigungen stiegen die Zolleinnahmen, begünstigt durch die gute Konjunktur im In- und Ausland, deutlich an. Dies hatte zur Folge, dass die finanzielle Handlungsfähigkeit des Bundes gestärkt wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten die Zölle rund drei Viertel der Bundeseinnahmen aus. Um die steigenden Ausgaben (beispielsweise für Verteidigung und Strassen) zu decken, erhöhte der Bund folglich die Zölle.
Obwohl während der internationalen Wirtschaftsdepression der 1870er-Jahre die meisten Nachbarstaaten bereits 1878 die zollpolitische Kehrtwende zum Protektionismus vollzogen hatten, hielt die Schweiz weiterhin am Grundsatz des Freihandels und damit auch an tendenziell niedrigen Zollsätzen fest. Nur allmählich wurden die Tarife 1884, 1887 und 1891 kontinuierlich erhöht, womit der Wechsel zu einer protektionistischen Zollpolitik auch in der Schweiz eingeläutet wurde.
Der Abbau der Zölle ab den 1960er-Jahren
Bis in die 1960er-Jahre waren Zölle eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Schweiz. Im Jahr 1961 machten die Zolleinnahmen immer noch fast 24 Prozent der gesamten Bundesfinanzen aus (siehe Abbildung). Diese hohe Abhängigkeit von Zolleinnahmen war jedoch nicht nachhaltig, da sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zunehmend veränderten. In den 1960er-Jahren begannen sich die internationalen Handelsbeziehungen zu intensivieren, und die Schweiz trat 1966 dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen Gatt (heute WTO) bei, was in der Folge zu einer schrittweisen Reduktion der Zölle führte.
Was früher ein wichtiges Schutzinstrument für die heimische Wirtschaft war, galt nun zunehmend als Hemmnis für den freien Handel und die wirtschaftliche Entwicklung. Der Rückgang der Zolleinnahmen in den folgenden Jahrzehnten spiegelte die Veränderungen in der internationalen Wirtschaftsordnung wider.
Bundeskasse: Zölle verlieren an Bedeutung (1950–2028)
INTERAKTIVE GRAFIK
Quelle: 1990–2028: Datenportal der EFV, Datenreihen «1.1.7 Zölle» und «1. Laufende Einnahmen»; 1950–1989: Historische Statistik der Schweiz (HSSO), Datenreihe U.18 «Einnahmen des Bundes nach Sachgruppen 1950–1989 in Mio. CHF» / Die Volkswirtschaft
Ab den 1960er-Jahren setzte die Schweiz verstärkt auf Freihandel und Marktliberalisierung. 1960 war die Schweiz eines der sieben Gründungsmitglieder der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta). In der Folge schloss die Schweiz mit zahlreichen Staaten Freihandelsabkommen ab. Vereinzelt tat sie dies bilateral wie beim Freihandelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (heute EU) von 1972, meist aber im Rahmen der Efta. Insgesamt umfasst das Freihandelsnetz der Schweiz heute über 30 Abkommen, darunter die wichtigsten Handelsmärkte wie etwa die EU oder China. All dies führte zu einer kontinuierlichen Senkung der Zölle, mit entsprechend spürbarem Rückgang der Einnahmen.
Die Auswirkungen des Abbaus der Zölle
Der Abbau der Zölle seit den 1960er-Jahren hatte weitreichende Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft. Einer der wichtigsten Aspekte war die Senkung der Kosten für Unternehmen, die auf importierte Güter angewiesen waren. Insbesondere für Unternehmen, die industrielle Vorprodukte aus dem Ausland bezogen, bedeutete der Wegfall der Zölle signifikant tiefere Produktionskosten und verbesserte so die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.
Gleichzeitig wurden die administrativen Aufwendungen für die Zollabfertigung reduziert, was die Effizienz des Schweizer Wirtschaftssystems weiter steigerte. Auch für die Konsumenten führte der Abbau der Zölle zu einer Entlastung, da importierte Waren zu günstigeren Preisen angeboten werden konnten.
Das Ende der Industriezölle
2024 ging die Schweiz noch weiter.[2] Der Bund hat als eines von wenigen Ländern weltweit die Einfuhrzölle auf alle Industrieprodukte auf null herabgesetzt. Die Abschaffung führte zu einer jährlichen Entlastung von rund 600 Millionen Franken für Wirtschaft und Konsumierende.
Der Abbau der Zölle auf Industriegüter in der Schweiz war ein strategischer Schritt, der die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft stärkte und sowohl Unternehmen als auch Konsumenten zugutekam. Auch wenn die Zölle auf Agrarprodukte weiterhin bestehen bleiben, wird der Abbau der Industriezölle als Meilenstein in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte angesehen.
- Dieser Artikel basiert auf dem ausführlichen Eintrag des Autors im Historischen Lexikon der Schweiz. []
- Siehe Zimmermann, Thomas A. (2023). Wie die Schweiz vom Abbau der Industriezölle profitiert. Die Volkswirtschaft, 4. Dezember. []
Zitiervorschlag: Polli-Schönborn, Marco (2025). Schweizer Zollgeschichte. Die Volkswirtschaft, 10. Juni.