Herr Huggel, Sie waren 14 Jahre lang Profifussballer. Was ist Ihre heutige Berufsbezeichnung?
Man könnte mich als Unternehmer bezeichnen. Ich bin einerseits Mitgründer und Mitinhaber der Firma Athletes Network sowie meiner eigenen Firma Beni Huggel bewegt. Andererseits arbeite ich für das Schweizer Fernsehen als Fussballexperte.
Sie treten auch als Redner auf. Haben Sie in Ihrer Nachsportkarriere bewusst das Rampenlicht gesucht?
Nein, das Rampenlicht hat mich gefunden. Direkt nach meiner Fussballkarriere bin ich von SRF angefragt worden. Auch die Referate sind danach aus Anfragen entstanden. Anfangs lehnte ich die Anfragen immer ab, aber als sie sich häuften, liess ich mich dann coachen und ging es proaktiv an.
Worum geht es bei den Referaten?
Es geht einerseits um Führungsfragen wie beispielsweise: «Wie haben unterschiedliche Trainer geführt?» Ich erzähle dabei aus meiner Aktivkarriere. Ein weiteres Thema ist der positive Umgang mit Veränderungen, weil das bei vielen Firmen immer wieder Widerstand auslöst. Ich musste in meinem Leben viele Veränderungen über mich ergehen lassen oder habe sie selber gewählt – darum kenne ich mich da aus.
In welchem Alter wussten Sie, dass Sie Profifussballer werden möchten?
Mit zwölf Jahren habe ich das mal ausgesprochen, aber daran geglaubt habe ich nicht. Ich habe nie einen Karriereplan verfolgt. Das kam ziemlich ungeplant.
Sie haben eine Lehre als Landschaftsgärtner abgeschlossen. Haben Sie da auch noch nicht an Profifussball geglaubt?
Nein, ich war auch nie in einer Nachwuchsabteilung. Ich bin da irgendwie durchgerutscht und hatte eine ganz normale Kindheit und Jugend. Ich habe die Lehre absolviert und die Berufsmatura gemacht. Erst relativ spät, mit 21 Jahren, wurde ich Fussballprofi.
Sie haben also während der Lehre abends jeweils trainiert?
Ja, genau. Ich habe damals aber auch noch nicht beim FC Basel gespielt, sondern bei regionalen Clubs.
Und dass Sie erst die Lehre absolviert haben, steckte da ein Sicherheitsgedanke dahinter?
Nein. Ich habe die Lehre abgeschlossen, ohne zu wissen, dass ich Fussballprofi werde.
Im Grunde sind ja alle Verträge befristet, und man muss sich immer wieder beweisen.
Wurden Sie in Ihrer Jugend als Sportler gefördert?
Ich wurde nicht auf breiter Front in den Clubs gefördert. Ich hatte zweimal die Möglichkeit, in bessere Klassen und höhere Teams aufzusteigen, aber ich wollte das selber nicht. Damals bevorzugte ich es, mit meinen Freunden Fussball zu spielen.
Also sind Sie bis mit 21 Jahren in Ihrem Stammclub geblieben.
Genau. Es gab damals Sichtungsspiele, die wie Castings funktionierten, und da durfte ich zweimal mitmachen. So ist dann der erste Vertrag beim FC Basel zustande gekommen.
Was hat Sie am Leben als Profifussballer am meisten überrascht – positiv oder negativ?
(überlegt lange) Das Positive war grundsätzlich, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Negativ waren die Begleitumstände: dass man plötzlich von irgendwelchen Leuten bewertet wird, die einen gar nicht kennen und die Dinge auf einen projizieren. Beispielsweise, dass man ein Vorbild sein soll, obwohl ich in den Anfängen selber sehr jung war.
Mit dem FC Basel wurden Sie dann siebenmal Schweizer Meister und fünfmal Cupsieger, und Sie spielten auch mehrmals in der Champions League. Waren es die Erfolge, die Sie angetrieben haben?
Ich hatte das Glück, dass ich Christian Gross kennen lernen durfte, der mich gefördert hat. Er war acht Jahre lang mein Trainer, und er hat mir klargemacht, dass es immer darum geht, zu gewinnen und nicht nur dabei zu sein. Ich hatte diesen Ehrgeiz sicher selber schon in mir, aber diese Sichtweise hat mich sehr geprägt.
Ab wann konnten Sie vom Fussball leben?
Mein erster Vertrag war dünn, aber ich habe ja noch zu Hause gewohnt, und darum hat es geklappt. Aber schon nach eineinhalb Jahren erhielt ich einen deutlich besseren Vertrag. Ich hatte das Privileg, dass ich in einer Sportart war, von der ich leben konnte und wo ich auch noch ein bisschen was auf die Seite legen konnte.
Sie haben auch zwei Jahre in der Bundesliga bei Eintracht Frankfurt gespielt. Dann ging es wieder zurück zum FC Basel. Befristete Verträge sind im Profifussball die Normalität. Spürt man da eine ständige Zukunftsangst?
Im Grunde sind ja alle Verträge befristet, und man muss sich immer wieder beweisen. Es gibt keine Stelle, die für immer sicher ist. Mir war sehr bewusst, dass ich mich immer beweisen muss: Ein Fussballteam beschäftigt nicht 11, sondern rund 25 Spieler – und alle wollen spielen. Aber für mich war das eigentlich kein Stress.
Um die Leistung von Fussballern zu messen, werden immer mehr Daten gesammelt. War der Druck auf die Spieler früher weniger hoch?
Früher waren allfällige Schwächen weniger beweisbar. Durch die Datenanalyse ist das anders. Aber der subjektive Eindruck von früher war ja auch nicht falsch. Möglich, dass das die Spieler heute stärker unter Druck setzt. Aber es gibt einem auch die Möglichkeit, sich zu verbessern.

Beni Huggel im alten Tower des Flughafens Zürich: «Es gibt auch viele Sportler, die sehr unsicher sind und das Gefühl haben, sie könnten nur Sport. Bei mir war das anfänglich auch so.» (Bild: Keystone / Ennio Leanza)
2010, nach der Fussballweltmeisterschaft in Südafrika, haben Sie mit 33 Jahren Ihren Rücktritt von der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Und zwei Jahre später auch vom Clubfussball. Bereitet man sich auf diesen Übergang vor?
Ich war so sehr in dieser Fussball-Bubble drin, dass ich dachte, danach werde es wahrscheinlich wieder was mit Fussball sein. Ohne mir eigentlich Gedanken zu machen, habe ich dann eine Trainerausbildung absolviert. Aber dann hat sich herausgestellt, dass der Trainerberuf nicht das ist, was ich bis zur Pensionierung machen möchte.
Würden Sie heute etwas anders machen, um sich auf das Leben nach dem Fussball vorzubereiten?
Ja, ich würde mich mehr damit auseinandersetzen und mich umfassender beraten lassen, wo meine Reise hingehen könnte. Damals hatte ich gar keine Ahnung, was für mich bereitliegen könnte. Ich wusste auch gar nicht, was die Anforderungen für gewisse Berufe sind. Ich würde mich auch ausbildungsmässig besser vorbereiten. Ich wollte mal ein Fernstudium machen, aber das ging nicht, weil die Prüfungen immer samstags während der Spiele stattfanden. Damals war das nicht zu ändern. Aber heutzutage geht das.
Emotionen und Adrenalinschübe sind im Profisport ein wichtiger Bestandteil. Vermisst man das nach der Profikarriere?
Ja, ein Stück weit schon. Dieses Gefühl eines Tors im Stadion oder ein Titelgewinn vor den heimischen Fans – das kann man schlecht simulieren oder replizieren.
Ist das auch der Grund, weshalb viele eine weitere Laufbahn im Fussball suchen?
Ja und nein. Vielleicht ist es möglich, durch die Arbeit als Fussballtrainer ähnliche Emotionen zu erzeugen. Andererseits denke ich, dass viele eine weitere Laufbahn im Fussball suchen, weil das ihr gewohntes Umfeld ist. So fühlt sich die Transition in die Nachsportkarriere weniger ausgeprägt an.
War auch ein Zurück zum Landschaftsgärtner eine Option?
Eine Anstellung als Landschaftsgärtner wäre schon rein körperlich nicht möglich gewesen. Die lange Profikarriere hat meinen Körper in Mitleidenschaft gezogen. Ich spiele deshalb auch nicht mehr Fussball.
Die Ex-Profis haben meistens recht viel zu bieten – sie wissen es nur nicht.
2021 haben Sie dann mit drei Bekannten die Firma Athletes Network gegründet. Die Firma berät und begleitet Profisportler beim Übergang in die Nachprofikarriere. Wo liegt die Schwierigkeit bei diesem Wechsel?
Man kann hier nicht pauschalisieren. Es kommt drauf an, aus welchem Sport man kommt, ob man davon leben konnte und ob viel Fame in dieser Sportart war. Was sicher alle vereint, ist, dass man etwas aufgeben muss, das man im ersten Drittel des Lebens sehr exzessiv, gern und gut gemacht hat. Als Profisportler muss man in relativ jungem Alter diese Leidenschaft ein Stück weit abgeben, mit der man schon früh in Berührung gekommen ist. Es gibt ja kaum Kindergartenkinder, die sagen, sie wollten Top-Anwalt werden. Aber es gibt viele, die Fussballer, Skifahrer oder Tennisspieler werden wollen.
Welche Eigenschaften bringen diese ehemaligen Profisportler denn mit?
Im Spitzensport erwirbt man gewisse wertvolle Eigenschaften: zum Beispie auf eine Aufgabe zu fokussieren. Denn Training bedeutet ja diszipliniert sein. Auch bringen sie eine gewisse Widerstandsfähigkeit mit: Als Sportler lernt man, zu verlieren und mit Rückschlägen umzugehen und trotzdem weiterzumachen.
Die Sportpsychologin Erika Ruchti hat in einer SRF-Dokumentation festgehalten, dass ungefähr 20 Prozent der Sportlerinnen und Sportler nach dem Rücktritt mit Depressionen, Angststörungen oder Suchtmittelkonsum kämpfen. Können Sie diesen hohen Anteil bestätigen?
Ja, das kann ich. Es gibt schon einige, die Mühe haben. Das Ende der Profikarriere ist für viele ein Bedeutungsverlust. Das kann zu finanziellen Problemen führen, aber auch zu Schwierigkeiten im Privaten, wenn der Partner oder die Partnerin das neue Berufsleben plötzlich nicht mehr so attraktiv findet.
Arbeiten die vermittelten Personen denn eher in Führungspositionen?
Nein, das ist ganz verschieden. Meistens vermitteln wir Leute zwischen 25 und 40 Jahren, die erst mal in Einsteigerpositionen mit wenig Berufserfahrung beginnen.
Wer kann sich bei Athletes Network anmelden?
Bei uns sind über 4600 Athletinnen und Athleten eingeschrieben. Bedingung ist, dass die Leute im Teamsport in den obersten zwei Ligen gespielt haben oder im Einzelsport nationale Spitze sind oder waren. Denn wir vermitteln vor allem aktive, aber auch ehemalige Sportler. Es sind unsere Mitgliederfirmen, die das Jobportal finanzieren. Sie können bei uns ehemalige oder noch aktive Spitzensportler systematisch rekrutieren.
Was bezahlen die Sportler für die Mitgliedschaft?
Für die Athleten sind die Mitgliedschaft und die Stellenvermittlung kostenlos. Sie bezahlen nur, wenn sie sich individuell in einem Eins-zu-eins-Coaching beraten lassen wollen.
Gibt es unerwartete Karrierewendungen von Sportlern, die sich bei Ihnen gemeldet haben?
Es gibt Personen, die mit einem Praktikum begonnen haben, dann fest angestellt wurden und schliesslich aufgestiegen sind. So hat etwa der Ex-Fussballprofi Joel Geissmann eine Anstellung beim Versicherer Swica gefunden und die Langläuferin Laurien van der Graaff bei Zurich-Versicherung. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Sportler, die sehr unsicher sind und das Gefühl haben, sie könnten nur Sport. Bei mir war das anfänglich auch so. Dann helfen wir ihnen, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Die Ex-Profis haben meistens recht viel zu bieten – sie wissen es nur nicht.
Ist Ihnen der grüne Daumen aus der abgeschlossenen Lehre zum Landschaftsgärtner erhalten geblieben?
Teils, teils. Ich habe schon einen Garten und bewirtschafte ihn auch meistens zusammen mit meiner Frau. Es gibt sicher Dinge, die ich lieber mache, aber ja, grundsätzlich ist es eine sehr beruhigende und befriedigende Beschäftigung. Man sieht immer das Resultat der Arbeit.