Was passiert momentan auf den weltweiten Finanzmärkten?
Trotz wirtschaftlicher Schwäche boomen die Finanzmärkte. Wann platzt die Blase? (Bild: Keystone)
Die Finanzmärkte koppeln sich zunehmend von der Realwirtschaft ab. Trotz wirtschaftlicher Schwäche und struktureller Probleme erleben wir einen Boom, auch in Europa. Das hat drei Gründe: Erstens haben Zentralbanken wiederholt signalisiert, dass sie eine starke Korrektur an den Märkten durch Eingreifen verhindern. Marktteilnehmer verlassen sich auf diese expansive Geldpolitik. Zweitens sorgt die Alterung für einen Ersparnisüberhang: Die Nachfrage nach Vermögenswerten übersteigt das Angebot und treibt Preise über das gerechtfertigte Mass hinaus. Drittens sehe ich klare Übertreibungen und Blasen, die in den kommenden Monaten und Jahren platzen und Anleger frustrieren könnten.
Die genannten Gründe erklären auch den DAX-Boom. Deutschland ist Sparweltmeister – viele Haushalte legen Kapital zurück und suchen nach guten Renditen. Gleichzeitig gibt es einige deutsche Unternehmen mit vielversprechenden Zukunftsaussichten. Ihre hohe Bewertung könnte gerechtfertigt sein.
Ich sehe klare Übertreibungen und Blasen, die in den kommenden Monaten und Jahren platzen könnten.
Trotz der Abschwächung ist der Dollar absolut gesehen nicht schwach, sondern hat sich eher bei seinem fairen Wert stabilisiert, also dem Kurs, den Analysten anhand wirtschaftlicher Daten für angemessen halten. Die Entwicklung des Dollars dürfte nicht nur auf die erwarteten Zinssenkungen der US-Notenbank zurückzuführen sein, sondern auch auf die Forderungen des US-Präsidenten nach tieferen Zinsen, die das Vertrauen belasten.
Nein, denn global gibt es keine Alternativen. Der Euro ist zu fragmentiert: Die EU-Mitgliedsstaaten geben beispielsweise keine gemeinsame Anleihe heraus. Auch sind die europäischen Kapitalmärkte zu klein und zu wenig liquide. China will zwar den Renminbi stärker im weltweiten Handel und im Finanzsystem verbreiten. Aber die Währung lässt sich nicht unbegrenzt und ohne staatliche Einschränkungen in andere Währungen tauschen. Ebenso bestehen Zweifel an der chinesischen Regierung, die ihren wirtschafts- und geldpolitischen Kurs in der Vergangenheit immer wieder geändert hat.
Digitale Währungen gewinnen an Bedeutung, die Finanzmärkte integrieren sich stärker, wachsen also enger zusammen, der Wettbewerb intensiviert sich. Schattenbanken und andere kaum regulierte Finanzinstitutionen dürften wachsen. Daher ist es wichtig, dass Finanzmarktprodukte besser reguliert werden. Wir brauchen eine bessere globale Abstimmung, um einen fairen Wettbewerb zu sichern und Krisen zu verhindern.
Interview: Die Volkswirtschaft
Zitiervorschlag: Nachgefragt bei Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) (2025). Was passiert momentan auf den weltweiten Finanzmärkten? Die Volkswirtschaft, 02. Oktober.

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)