Ausgetrocknete Erde nördlich von Barcelona: 2023 war der trockenste April seit Messbeginn 1961. (Bild: Keystone)
Der Klimawandel macht das Thema Wasser zum Politikum. Zunehmend zeigt sich das auch in der EU. Insbesondere der Wasserstress nimmt in Europa zu. Damit ist gemeint, dass der Wasserbedarf den Wasservorrat übersteigt und die Wasserqualität vermindert ist. Die Lage in der EU ist zwar weniger dramatisch als in anderen Weltregionen, doch einige EU-Länder und -Regionen vor allem in Süd- und Südosteuropa leiden zumindest saisonal zunehmend unter Wasserknappheit. Insgesamt sind laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) rund 20 Prozent des EU-Territoriums und 30 Prozent der Bevölkerung inzwischen von Wasserstress betroffen.[1] Projektionen weisen zudem darauf hin, dass die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage im Bereich Wasser weiterwachsen wird.
Eine weitere Herausforderung ist die Wasserverschmutzung: durch Chemikalien, kohlebasierte Energiegewinnung und schwer abbaubare, für die Gesundheit von Menschen gefährliche per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS). Immerhin haben noch 77 Prozent des Grundwasserraums in der EU eine gute Wasserqualität. Doch die grösste Gefahr für Oberflächen- und Grundwasser ist die Landwirtschaft. Das zeigt ein EEA-Bericht[2], der davor warnt, dass die landwirtschaftliche Wasserverschmutzung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch zunehmen könnte. Eine Folge der Verschmutzung ist auch der Rückgang der Biodiversität in den Gewässern: Im Jahr 2021 erreichten nur 38 Prozent der Flüsse, Seen sowie Übergangs- und Küstengewässer einen guten oder hohen ökologischen Zustand.
Wasserstress ist ein wachsender Kostenfaktor: Die Dürre in Europa von 2022 verursachte Kosten von insgesamt 40 Milliarden Euro – unter anderem durch vernichtete Ernten. Das Hochwasser von 2021, welches vor allem Deutschland, Belgien und die Niederlande massiv betraf, führte zu einem Schaden von 44 Milliarden Euro in diesen drei Ländern. Die Europäische Kommission geht von jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten in Höhe von 75 bis 485 Milliarden Euro[3] allein durch stickstoffbedingte Verschmutzung aus. Dazu zählen Emissionen aus allen Sektoren in Oberflächengewässer, Grundwasser und Meeresgewässer. Ohne Bemühungen beim Klimaschutz oder Klimaanpassungen bis zum Ende des Jahrhunderts könnten die Kosten um ein Vielfaches steigen. Durch Hochwasser beschädigte Infrastruktur ist ebenfalls ein wachsendes Problem.
Neuer Anlauf der EU-Kommission
Entsprechend ist das Thema Wasser eine wichtige Priorität der zweiten Von-der-Leyen-Kommission. Das zentrale Instrument der EU zur Sicherung der Wasserqualität ist die Wasserrahmenrichtlinie von 2000. Ihr Ziel war es, dass Flüsse, Seen und Küstengewässer bis 2015 sauber und ökologisch einwandfrei sind. Weil sich abzeichnete, dass die Ziele nicht in diesem Zeitraum zu erreichen sein würden, wurde die Frist bis 2027 verlängert. Weitere Instrumente zum Wasserschutz sind die 2024 verabschiedete Verordnung über die Wiederherstellung der Natur, die Biodiversitätsstrategie für 2030 und der Null-Schadstoff-Aktionsplan. Hinzu kommen die Grundwasserschutzrichtlinie, die Flutrichtlinie und die Trinkwasserrichtlinie.
Insgesamt herrscht in der EU also kein gesetzgeberischer Mangel beim Thema Wasser. Allerdings hakt es an der Umsetzung und der Erreichung der formulierten Ziele. Dafür gibt es mehrere Gründe: Einerseits benötigen Gewässer für eine Erholung viel Zeit. Andererseits ist laut der EEA auch die zu langsame Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie verantwortlich. Das liegt auch daran, dass wasserrelevante Aspekte in anderen Politikfeldern nur ungenügend berücksichtigt werden und dass die nötige finanzielle Ausstattung dafür fehlt.
Die Industrie fordert wiederum eine umfassende Überarbeitung der Wasserrahmenrichtlinie, um Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele besser mit der wirtschaftlichen Wassernutzung in Einklang zu bringen. Immerhin einigten sich der Rat der EU und das Europäische Parlament im Oktober auf einen Vorschlag für eine Richtlinie, mit der die Listen der Schadstoffe, welche die Oberflächengewässer und das Grundwasser gefährden, überprüft und aktualisiert werden sollen. Gleichzeitig wurde der Rahmen gestärkt, um schädliche Chemikalien zu bekämpfen und die Umsetzung der Vorgaben zu überwachen.
Mehr Effizienz und Sauberkeit
Im Juni 2025 hat die Europäische Kommission zudem eine Wasserresilienzstrategie vorgestellt. Diese umfasst drei Ziele. Erstens: Die Reparatur des gestörten Wasserzyklus, der vermehrt zu Überschwemmungen und Dürren führt. Zweitens: Mehr Wettbewerb in der Wasserwirtschaft, um eine effizientere Wassernutzung zu ermöglichen. Drittens: Garantie von sauberem und erschwinglichem Wasser und Sanitäreinrichtungen für alle. Insgesamt möchte die Kommission mit der Strategie zu einer wasserresilienten Gesellschaft beitragen.
Da Wassermanagement grundsätzlich in die Kompetenz der Mitgliedsstaaten fällt, enthält die Strategie keine verbindlichen Massnahmen, sondern nur Empfehlungen, Anreize und die Aussicht auf finanzielle Unterstützung. Zudem will die EU-Kommission einen Aktionsplan für die Digitalisierung im Wassersektor und eine Forschungs- und Investitionsstrategie für Wassermanagement lancieren. Dazu soll die Europäische Investitionsbank ihr finanzielles Engagement im Wassersektor verstärken.
Zunehmend versucht die EU auch in ihren Aussenbeziehungen verstärkt das Wasserthema zu berücksichtigen, sei es durch die Vermittlung bei Wasserkonflikten oder durch globale Wasserprojekte in der internationalen Zusammenarbeit etwa mit Indien und China. Die 2021 initiierte EU-Infrastrukturinitiative Global Gateway bietet Potenzial für engere Zusammenarbeit im Wassermanagement mit Partnern weltweit, zumal die europäische Wasserwirtschaft global als sehr wettbewerbsfähig gilt.
Zielkonflikte
Dass das Thema Wasser in der EU-Politik eine Priorität sein soll, darüber besteht Konsens. Weniger einig ist man sich hingegen bei den dafür nötigen Mitteln. Gerade der Umgang mit den sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS ist umstritten. Denn sie sind für die Schlüsseltechnologien der Energiewende oftmals essenziell und lassen sich nicht ohne Weiteres ersetzen.
Eine weitere Baustelle sind die Erneuerung und der Ausbau der Wasserinfrastruktur sowie eine Anpassung des Wasserverkehrs an Niedrigwasserstände. Der Investitionsbedarf bei der Infrastruktur ist erheblich, daher drängen die Experten und das Europäische Parlament auf mehr Investitionen im nächsten EU-Budget. Die Wirtschaft wiederum fordert beschleunigte Genehmigungsverfahren, wie es sie im Bereich der erneuerbaren Energien gibt, und einen Abbau bürokratischer Hemmnisse zur schnelleren Marktzulassung von Innovationen.
Insgesamt wird die EU in den kommenden Jahren eine oftmals schwierige Balance finden müssen. Zu vermitteln gilt es zwischen ökologischer Nachhaltigkeit, einer umfassenden Wasserversorgung und den Anforderungen verschiedener Wirtschaftszweige. Es wird jedoch nur sehr schwer möglich sein, alle Ziele gleichermassen zu berücksichtigen.
Literaturverzeichnis
- Europäische Kommission (2025). Water Resilience Strategy, COM(2025) 280 final. Brüssel, 4.6.2025.
- Europäische Umweltagentur (2024). Europe’s State of Water 2024 – The Need for Improved Water Resilience, EEA Report 07/2024, 24. Januar.
Bibliographie
- Europäische Kommission (2025). Water Resilience Strategy, COM(2025) 280 final. Brüssel, 4.6.2025.
- Europäische Umweltagentur (2024). Europe’s State of Water 2024 – The Need for Improved Water Resilience, EEA Report 07/2024, 24. Januar.
Zitiervorschlag: Wientzek, Olaf (2025). Das Thema Wasser hat in der EU höchste Priorität. Die Volkswirtschaft, 11. Dezember.