Geringe Grundkompetenzen im Job: Das tun Bund und Kantone
Rund jede vierte erwachsene Person in der Schweiz hat Defizite beim Lesen. (Bild: Keystone)
In der Schweiz verfügen über 900’000 Menschen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren über geringe Kompetenzen im Lesen und im Rechnen. Konkret hat rund jede vierte erwachsene Person Defizite im Lesen, und rund jede fünfte Person weist beim Rechnen Schwierigkeiten auf. Trotz diesen Herausforderungen sind drei Viertel dieser Menschen erwerbstätig.
Preise vergleichen beim Einkauf, ein Schreiben der Schule zuhanden der Eltern verstehen oder ein Medikament korrekt dosieren: Geringe Lese- und Rechenkompetenzen sind in vielen Lebensbereichen hinderlich. Das gilt ebenso für den Arbeitsalltag. Betroffene verstehen unter Umständen die Sicherheitsvorschriften im Betrieb nicht, können einen telefonisch eingegangenen Auftrag nicht notieren oder die Menge des Materials, das sie für ein Bauvorhaben benötigen, nicht berechnen. Auch Selbstständigerwerbende haben gegebenenfalls Mühe, eine Offerte oder eine Rechnung zu schreiben.
Hindernis für Aus- und Weiterbildungen
Geringe Kompetenzen können auch (Weiter)bildungsmöglichkeiten von Erwachsenen erheblich einschränken. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat im Rahmen der PIAAC-Erhebung die Kompetenzen der 16- bis 65-jährigen Personen untersucht (siehe Kasten). Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat in einem Vertiefungsbericht[1] die 25- bis 65-jährigen Erwerbstätigen gesondert analysiert. Dem Bericht zufolge weisen Erwerbstätige ohne nachobligatorische Ausbildung mehrheitlich geringe Kompetenzen auf: Beim Lesen beträgt der Anteil 68 Prozent, beim Rechnen 63 Prozent und beim Problemlösen[2] 68 Prozent. Hingegen erreichen bei den Personen mit einem Abschluss der Sekundarstufe II – das heisst mit einer beruflichen Grundbildung oder einer Matura – über 70 Prozent in allen drei Kompetenzbereichen die mittleren Niveaus 2/3.
Auch in der Weiterbildung zeigen sich grosse Unterschiede. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil Personen, die in den letzten fünf Jahren eine Weiterbildung absolviert haben, bei 61 Prozent, bei Personen mit geringen Kompetenzen liegt dieser Anteil bei nur 33 Prozent.[3]
Ausreichende Kompetenzen sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Erwachsene ohne Berufsabschluss sich weiterqualifizieren können, sei es im Rahmen einer Weiterbildung, etwa eines Branchenzertifikats, oder durch den Erwerb eines Eidgenössischen Berufsattests (EBA) oder eines Eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses (EFZ).[4]
Was sind Grundkompetenzen?
Geringe Kompetenzen Erwachsener werden in der Schweiz als Grundkompetenzen bezeichnet. Was man genau darunter versteht, definiert das Weiterbildungsgesetz. Die Grundkompetenzen in der Schweiz stimmen nicht genau mit der Definition in der PIAAC-Studie überein. So ist etwa in der Schweiz das Problemlösen keine eigenständige Grundkompetenz, sondern fliesst in die übrigen Grundkompetenzen mit ein.
Zu den Grundkompetenzen von Erwachsenen zählen gemäss Weiterbildungsgesetz Lesen, Schreiben, die mündliche Ausdrucksfähigkeit in einer Landessprache, mathematische Grundkenntnisse sowie die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien.
Bund und Kantone arbeiten zusammen
Die Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund und Kantonen. Gestützt auf das Weiterbildungsgesetz kann der Bund kantonale Programme bis zur Hälfte finanziell unterstützen, wenn sie den Erhalt und den Erwerb der Grundkompetenzen von Erwachsenen fördern. Dazu schliesst er mit den Kantonen vierjährige Programmvereinbarungen ab. In der Förderperiode 2025–2028 unterstützt er so 23 Kantone mit durchschnittlich rund 14 Millionen Franken pro Jahr.
Jedes kantonale Programm ist individuell abgestimmt, etwa auf die Bevölkerungsgrösse, die Geografie und kantonal etablierte Förderschwerpunkte. Insgesamt gibt es sechs Massnahmentypen (siehe Abbildung). Dazu zählen unter anderem Kurse, in denen die Grundkompetenzen vermittelt werden. Dieses Angebot existiert in allen 23 Kantonen. Zudem sollen individuelle Abklärung, Beratung und Begleitung der Betroffenen helfen, sie in weiterführende Angebote zu vermitteln. Sowohl niederschwellige Lernraumangebote als auch Bildungsgutscheine sind Massnahmen, um Zugangshürden zu senken und die Kursteilnahme zu erhöhen.
Grundkompetenzen fördern: Die sechs kantonalen Massnahmentypen im Überblick
Neben den kantonalen Programmen gibt es weitere Fördermöglichkeiten. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) beispielsweise unterstützt mit dem Programm «Einfach besser!… am Arbeitsplatz»[5] praxisorientierte Kurse zur Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen in Betrieben. Diese sind speziell auf die Anforderungen der Unternehmen sowie den Lernbedarf der Mitarbeitenden zugeschnitten. Darüber hinaus können die Grundkompetenzen von Erwachsenen auch mit arbeitsmarktlichen Massnahmen der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren oder über die kantonalen Integrationsprogramme für Migrantinnen und Migranten gefördert werden.[6]
Herausforderung: Erreichbarkeit
Das Problem dabei: Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen sind schwer erreichbar. Ausgeschriebene Kurse müssen teilweise abgesagt werden, weil sich zu wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer dafür anmelden. Die Gründe für die Nichtteilnahme an Bildungsangeboten sind divers: negative Lernerfahrungen in der obligatorischen Schule, Scham, mangelndes Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit, Angebote, die zu wenig an den Erfahrungs- und Lebenswelten der Zielgruppen ausgerichtet sind, oder der Mangel an Geld, Zeit und Energie in prekären Lebenslagen.[7]
Ein anderer möglicher Grund könnte aber auch sein, dass die betroffenen Personen sozial gut eingebunden sind und so den Alltag relativ gut meistern können. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Vertrauenspersonen aus Familie, Nachbarschaft oder Beruf sie unterstützen – etwa beim Ausfüllen von Formularen oder bei digitalen Aufgaben. Im Gegenzug helfen sie ihnen mit Tätigkeiten wie handwerklichen Arbeiten oder Kinderbetreuung. Diese gegenseitige Hilfe erleichtert den Alltag, reduziert jedoch den Druck, die eigenen Kompetenzen nachhaltig zu verbessern.[8]
Doch oft lohnt sich der Weg der kleinen Schritte in der Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener. Das zeigt etwa das Beispiel von Wahida[9]. Sie hat in einer individuellen Standortbestimmung den Mut gefasst, Kurse zur Verbesserung ihrer Lese- und Schreibkompetenzen zu besuchen. Ihre Lernfortschritte und die positiven Rückmeldungen ihrer Chefin haben sie darin bestärkt, eine Lehre als Hauswartin zu beginnen.
- Siehe Bundesamt für Statistik (2025a). []
- Personen mit geringen Kompetenzen im Problemlösen können nur Probleme lösen, die klar definiert sind, nur wenige Lösungsschritte erfordern und sich im Laufe der Aufgabe nicht verändern. []
- Siehe Bundesamt für Statistik (2025b). []
- Siehe Bundesrat (2023). []
- Siehe Einfach-besser.ch. []
- Siehe Feller et al. (2022). []
- Siehe Buchs und Weber (2025). []
- Siehe Leck et al. (2025). []
- Siehe Videoporträt «Wahida» []
Literaturverzeichnis
- Buchs, H. und L. Weber (2025). Subjektive Sichtweisen auf Grundkompetenzen: Gründe für eine Nicht-Teilnahme an Angeboten, Zürich: SVEB.
- Bundesamt für Statistik (2024). Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz 2022/2023, Neuenburg: BFS.
- Bundesamt für Statistik (2025a). Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen auf dem Arbeitsmarkt in den Jahren 2022/2023, Neuenburg: BFS.
- Bundesamt für Statistik (2025b). Leben mit geringen Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen in den Jahren 2022/2023, Neuenburg: BFS.
- Bundesrat (2023). Validierung von Bildungsleistungen und Qualifizierungsmöglichkeiten für Erwachsene ohne Berufsabschluss, Bericht des Bundesrats in Erfüllung des Postulats 21.3235 Atici vom 17.03.2021, Bern.
- Ecoplan (2025). Massnahmen der Kantone für die Grundkompetenzförderung Erwachsener. Übersicht, Kategorisierung und Empfehlungen für vertiefte Analysen zuhanden des Ressorts Weiterbildung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, Bern: Ecoplan.
- Feller, R. et al. (2022). IIZ-Projekt: Förderung der Grundkompetenzen – Schnittstellen und Qualität. Bericht zuhanden der Co-Projektleitung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und des Staatssekretariats für Migration (SEM), Luzern/Lausanne: Interface.
- Leck, J. et al. (Hrsg.) (2025). Motivation und Verbindlichkeit bei gering literalisierten Erwachsenen, Bielefeld: wbv.
- OECD (2024). Do Adults Have the Skills They Need to Thrive in a Changing World? Survey of Adult Skills 2023, OECD Skills Studies, OECD Publishing, Paris.
Bibliographie
- Buchs, H. und L. Weber (2025). Subjektive Sichtweisen auf Grundkompetenzen: Gründe für eine Nicht-Teilnahme an Angeboten, Zürich: SVEB.
- Bundesamt für Statistik (2024). Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz 2022/2023, Neuenburg: BFS.
- Bundesamt für Statistik (2025a). Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen auf dem Arbeitsmarkt in den Jahren 2022/2023, Neuenburg: BFS.
- Bundesamt für Statistik (2025b). Leben mit geringen Lese-, Alltagsmathematik- und Problemlösekompetenzen in den Jahren 2022/2023, Neuenburg: BFS.
- Bundesrat (2023). Validierung von Bildungsleistungen und Qualifizierungsmöglichkeiten für Erwachsene ohne Berufsabschluss, Bericht des Bundesrats in Erfüllung des Postulats 21.3235 Atici vom 17.03.2021, Bern.
- Ecoplan (2025). Massnahmen der Kantone für die Grundkompetenzförderung Erwachsener. Übersicht, Kategorisierung und Empfehlungen für vertiefte Analysen zuhanden des Ressorts Weiterbildung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, Bern: Ecoplan.
- Feller, R. et al. (2022). IIZ-Projekt: Förderung der Grundkompetenzen – Schnittstellen und Qualität. Bericht zuhanden der Co-Projektleitung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und des Staatssekretariats für Migration (SEM), Luzern/Lausanne: Interface.
- Leck, J. et al. (Hrsg.) (2025). Motivation und Verbindlichkeit bei gering literalisierten Erwachsenen, Bielefeld: wbv.
- OECD (2024). Do Adults Have the Skills They Need to Thrive in a Changing World? Survey of Adult Skills 2023, OECD Skills Studies, OECD Publishing, Paris.
Zitiervorschlag: Liechti, Anna; Eymann, Annina (2025). Geringe Grundkompetenzen im Job: Das tun Bund und Kantone. Die Volkswirtschaft, 05. Dezember.
PIAAC – Programme of the International Assessement of Adult Competencies – ist eine repräsentative Erhebung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Erhebung fokussiert auf Kompetenzen, die angesichts des technologischen und digitalen Wandels benötigt werden, um Erwachsenen den Umgang mit textlichen und numerischen Informationen in Alltag und Beruf zu ermöglichen. Gemessen wurden Lese-, Rechen- und Problemlösungskompetenzen. Die Studie 2023 wurde in 31 Ländern durchgeführt, für die Schweiz war es die erste Teilnahme. Zielgruppe ist die ständige Wohnbevölkerung zwischen 16 und 65 Jahren. Durchgeführt hat die Studie das Bundesamt für Statistik im Auftrag der OECD.
International gesehen liegen die Schweizer Resultatea über dem OECD-Durchschnitt. Beim Lesen erreicht die Schweiz Rang 11, beim Rechnen Rang 9 und beim Problemlösen Rang 12.b Jede Kompetenz wird in 5 bis 6 Niveaus unterteilt. Personen auf den untersten beiden Niveaus gehören gemäss OECD zur Gruppe mit geringen Kompetenzen. Der Anteil der Schweizer Bevölkerung, der über hohe Kompetenzen (Niveau 3–5) verfügt, beträgt im Lesen 50 Prozent, im Rechnen 56 Prozent und im Problemlösen (Niveau 3/4) 40 Prozent. Über nur geringe Kompetenzen (Niveau 1 und tiefer) verfügen 22 Prozent im Lesen, 19 Prozent im Rechnen und 25 Prozent im Problemlösen.
a Siehe Bundesamt für Statistik (2024).
b Siehe OECD (2024).
