Wie wirken die klimapolitischen Massnahmen der Schweiz?
Die CO₂-Vorschriften für Neufahrzeuge senken die Verkehrsemissionen bis 2035 um rund 4 Prozent. Das BIP wird dadurch kaum belastet. (Bild: Keystone)
Welche Massnahme reduziert die CO₂-Emissionen am wirkungsvollsten? Unter welchen Voraussetzungen sind klimapolitische Massnahmen besonders effektiv? Und welche Erfahrungen haben verschiedene Länder mit ihren Massnahmen gesammelt? Antworten auf diese Fragen könnten die weltweite Wirkung von Massnahmen zur Emissionsminderung deutlich verbessern. Deshalb hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2023 das Inclusive Forum on Carbon Mitigation Approaches (IFCMA) ins Leben gerufen.
Das Forum hat zum Ziel, die weltweite Reduktion von Treibhausgasemissionen durch einen länderübergreifenden Dialog über Klimaschutzmassnahmen voranzutreiben und die Wirkung klimapolitischer Massnahmen besser messbar zu machen (siehe Kasten). Das IFCMA umfasst aktuell 62 Mitgliedsstaaten, zu denen die 38 OECD-Mitglieder, die EU sowie 23 weitere Länder, darunter viele Schwellen- und Entwicklungsländer, gehören. Zahlreiche weitere Länder verfolgen das Forum als Partnerstaaten in einer beobachtenden Rolle. Die OECD-Initiative arbeitet auch eng mit internationalen Organisationen und Foren zusammen, darunter die Welthandelsorganisation, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, die G20 und das Rahmenübereinkommen der UNO über Klimaänderungen (UNFCCC). Die Schweiz ist beim IFCMA seit Beginn an aktiv dabei. Sie führt zusammen mit Chile und den Philippinen das Forum in den Jahren 2023–2026 im Co-Vorsitz und hat es in der Startphase bis Mitte 2024 präsidiert.
Klimamassnahmen systematisch analysiert
Das IFCMA folgt einem mehrstufigen Ansatz. In einem ersten Schritt erfolgt eine umfassende Bestandesaufnahme klimapolitischer Massnahmen in den einzelnen Ländern. Massnahmen wie preisbasierte Lenkungssteuern, Subventionen, Ge- und Verbote werden den verschiedenen Sektoren wie etwa Verkehr, Gebäude, Industrie und Landwirtschaft zugeordnet. Daraus ist die Climate Policy Database entstanden. Diese vereint erstmals standardisierte und detaillierte Informationen zur Ausgestaltung von klimapolitischen Massnahmen in den Mitgliedsländern. Die Datenbank soll das Verständnis von Politikoptionen verbessern, gegenseitiges Lernen fördern sowie eine Übersicht über das mögliche Spektrum klimapolitischer Massnahmen schaffen. So kann ein Land, das seine Gebäudeemissionen senken will, vergleichen, ob andere Staaten dafür eher CO₂-Abgaben, Förderprogramme für Gebäudesanierungen oder strengere Effizienzstandards nutzen. Zudem soll die Datenbank Reformpotenziale im Einklang mit den Prinzipien des Pariser Abkommens aufzeigen.
In einem zweiten Schritt folgt danach eine modellgestützte länderspezifische Analyse. Sie untersucht zentrale Massnahmen aus der Datenbank auf ihre wirtschaftlichen und energetischen Auswirkungen. Die OECD kombiniert dafür verschiedene Modelle. Die Aufgabe ist komplex. Die OECD führt deshalb zunächst erste Pilotstudien mit ausgewählten Ländern durch, um die Eignung unterschiedlicher Methoden zu testen. Zu diesen Ländern gehört auch die Schweiz. Zusammen mit Chile und Nigeria hat sie sich zur Verfügung gestellt, um die Wirkung klimapolitischer Massnahmen auf die Treibhausgasemissionen zu analysieren und die methodischen Grundlagen dafür zu testen. Die Ergebnisse dieser Pilotstudie liegen nun vor.
Klimapolitik wirkt – aber der Instrumentenmix entscheidet
Die Pilotstudie kombiniert ein detailliertes Energiesystemmodell des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) mit einem gesamtwirtschaftlichen Modell der OECD und untersucht die Wirkung bereits umgesetzter klimapolitischer Instrumente.[1] Die Verknüpfung dieser beiden Modelle ermöglicht einen gesamtheitlichen Einblick. Die Studie zeigt nicht nur, welche Technologien sich aufgrund der Schweizer Klimapolitik im Verkehrs-, im Gebäude- und im Industriesektor verändern, sondern auch, wie sich diese Veränderungen auf BIP, Beschäftigung, Staatseinnahmen und Handel auswirken.
Konkret untersucht die Pilotstudie, wie sich die Massnahmen der aktuellen Klima- und Energiepolitik bei unveränderter Weiterführung auf die Treibhausgasemissionen und die Wirtschaftsleistung der Schweiz im Jahr 2035 auswirken würden. Dargestellt werden die Veränderungen im Jahr 2035 gegenüber einem hypothetischen Referenzszenario ohne die heute bestehenden Massnahmen (siehe Abbildung).
Die untersuchten klimapolitischen Massnahmen reduzieren die CO₂-Emissionen im Jahr 2035 je nach Instrument um rund 1 bis 10 Prozent. Besonders stark wirken die CO₂-Preisinstrumente. Die CO₂-Abgabe auf fossile Brennstoffe vermeidet rund 10 Prozent der Emissionen, das Emissionshandelssystem etwa 8 Prozent. Die beiden Instrumente setzen starke Anreize für Energieeffizienz sowie den Umstieg auf erneuerbare Energien und klimafreundliche Technologien. Die CO₂-Reduktion kann durch den gezielten Einsatz anderer Instrumente erhöht werden: Im Gebäudebereich beschleunigen etwa das Gebäudeprogramm des Bundes und kantonale Energievorschriften den Ersatz von Ölheizungen durch Wärmepumpen. Im Verkehrsbereich fördern die CO₂-Vorschriften für Neufahrzeuge zusammen mit der Mineralölsteuer auf Treibstoffe den Wechsel zu effizienteren und elektrischen Fahrzeugen.
Geringe Auswirkungen auf das BIP
Auf der anderen Seite wirken sich die Massnahmen auf das Wirtschaftswachstum aus. Das BIP im Jahr 2035 weicht gemäss Studie je nach Massnahme zwischen 0 und 0,8 Prozent vom BIP ab, das in einem hypothetischen Referenzszenario ohne Massnahmen erreicht worden wäre. Allerdings ist dieser Zahl der Nutzen der klimapolitischen Massnahmen gegenüberzustellen, der in diesen Modellstudien nicht quantifiziert wird. Dazu zählen insbesondere die Reduktion der lokalen Umweltbelastung, reduzierte Anpassungskosten sowie eine geringere Notwendigkeit, internationale Bescheinigungen zu kaufen, und so weiter.
Insgesamt zeigt sich, dass die untersuchten klimapolitischen Massnahmen zwar Kosten mit sich bringen, dass diese gesamtwirtschaftlich aber gering bleiben und die Kosten des Nichthandelns um ein Vielfaches unterschreiten. Zudem bestehen bezüglich der wirtschaftlichen Effekte der einzelnen Massnahmen grosse Unterschiede (siehe Abbildung).
Grosse Unterschiede bei Wirkung und Kosten von Klimamassnahmen
INTERAKTIVE GRAFIK
Wichtig ist zudem der Blick auf das Zusammenspiel der Instrumente. Wie oben bereits erwähnt können Massnahmen ihre Wirkung gegenseitig verstärken oder aber auch aufheben. Die Analyse zeigt, dass sich der Gesamteffekt der gleichzeitigen Aufhebung aller untersuchten Politikinstrumente von den Effekten der isolierten Aufhebung einzelner Massnahmen unterscheidet. Dies weist auf Interaktionen zwischen den Instrumenten hin und verdeutlicht, dass ein Mix aus verschiedenen Massnahmen grundsätzlich sinnvoll ist, sofern diese gut aufeinander abgestimmt sind.
Die OECD-Pilotstudie hat zahlreiche Erkenntnisse geliefert, die auch für die übrigen Mitgliedsstaaten des IFCMA von Interesse sind. Die wichtigste: Die Klimapolitik der Schweiz wirkt. Der Mix aus preislichen Massnahmen, regulatorischen Vorgaben und Förderungen führt zu deutlichen CO₂-Reduktionen. Die Massnahmen unterscheiden sich allerdings in ihrer Wirkung. Es lohnt sich deshalb, die Wirkung, die Kosten und die Wechselwirkungen der gewählten Massnahmen detailliert zu studieren. Das IFCMA hat dafür eine vielversprechende Grundlage gelegt.
- Siehe auch Chateau et al. (2026a) und (2026b). []
Literaturverzeichnis
- Chateau, J., L. Lutz, J. Schers, L. Sebastianelli und E. Panos (2026a). An Integrated Modelling Approach to Assess the Impacts of Existing Structural Policies: The Case of Switzerland’s Climate and Energy Policies, OECD Economics Department Working Papers, OECD Publishing, Paris
- Chateau, J., L. Lutz, J. Schers und E. Panos (2026b). Evaluating the Effectiveness of Switzerland’s Climate and Energy Policies: Insights from a Model Linking Approach, Inclusive Forum on Carbon Mitigation Approaches Papers, OECD Publishing, Paris.
Bibliographie
- Chateau, J., L. Lutz, J. Schers, L. Sebastianelli und E. Panos (2026a). An Integrated Modelling Approach to Assess the Impacts of Existing Structural Policies: The Case of Switzerland’s Climate and Energy Policies, OECD Economics Department Working Papers, OECD Publishing, Paris
- Chateau, J., L. Lutz, J. Schers und E. Panos (2026b). Evaluating the Effectiveness of Switzerland’s Climate and Energy Policies: Insights from a Model Linking Approach, Inclusive Forum on Carbon Mitigation Approaches Papers, OECD Publishing, Paris.
Zitiervorschlag: Baur, Martin; Lutz, Luisa; Ramer, Roger (2026). Wie wirken die klimapolitischen Massnahmen der Schweiz? Die Volkswirtschaft, 16. Juli.
Das Inclusive Forum on Carbon Mitigation Approaches (IFCMA) beschäftigt sich auch mit der Messung der CO₂-Intensität von Produkten. Verschiedene Berichte des IFCMA zeigen, wo die Herausforderungen bei der Messung dieser Intensitäten liegen und wie Staaten und Privatsektor zusammenarbeiten können, um günstige und standardisierte Kennzahlen verfügbar zu machen. Die Kennzahlen zur CO₂-Intensität von Produkten helfen Unternehmen und dem Staat bei der Beurteilung ihrer Massnahmen zur Dekarbonisierung. Sie spielen ausserdem auch an der Schnittstelle zwischen Klima- und Handelspolitik im Zusammenhang mit Grenzausgleichsmassnahmen eine wichtige Rolle.