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Grosser Investitionsbedarf beim Abwassersystem

Die Abwasserinfrastruktur in der Schweiz ist in die Jahre gekommen. Bei der anstehenden Erneuerung sollten auch zukünftige Herausforderungen mitberücksichtigt werden – etwa der Klimawandel, dem die Schweiz besonders ausgesetzt ist.
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Kanalrohre bereit zum Abtransport: Ein Grossteil der Abwasserinfrastruktur stammt aus den 1970er- und 1980er-Jahren und ist heute sanierungsbedürftig. (Bild: Keystone)

Die Schweizer Abwasserentsorgung ist eine weitgehend unsichtbare Infrastruktur. Doch was sie leistet, ist enorm. Rund 91’000 Kilometer – mehr als zweimal um den Erdball – beträgt die Gesamtlänge an Rohren und Kanälen insgesamt.

Anschliessend sorgen schweizweit 766 grössere Abwasserreinigungsanlagen dafür, dass das Schmutzwasser gereinigt wird und unbedenklich wieder in die Umwelt zurückgegeben werden kann. Jedes Jahr werden dafür 900 Millionen Tonnen Schmutzwasser, 760 Millionen Tonnen Regenwasser und etwa 300 Millionen Tonnen Sauberwasser[1] abtransportiert – das entspricht etwa dem Volumen des Bieler- und des Murtensees zusammen. Die Abwasserstruktur sorgt damit für eine grosse Lebensqualität, verhindert Überschwemmungsschäden, bietet Gewässerschutz und ist aus hygienischen Gründen eine wichtige Stütze unserer Gesundheitsvorsorge.

Investieren mit Blick in die Zukunft

Dieser Service public ist nur dank erheblicher Investitionen in der Vergangenheit möglich. Insgesamt beträgt der Wiederbeschaffungswert der Abwasserinfrastruktur rund 120 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Bei der Strasse beträgt dieser Betrag 171 Milliarden, bei der Schiene 100 Milliarden Franken.[2] Mit rund 14 Milliarden Franken machen die zentralen Abwasserreinigungsanlagen (ARA) nur einen kleinen Teil des Gesamtbetrags aus. Der Grossteil entfällt auf die Kanalisation.

Ein grosser Teil dieser Abwasserinfrastruktur wurde in der Hochkonjunktur der 1970er- und 1980er-Jahre errichtet und hat heute einen erheblichen Erneuerungsbedarf aufgrund der Alterung und der Siedlungsentwicklung. Allerdings ist eine reine Wiederbeschaffung oder Sanierung nicht sinnvoll; vielmehr sollte bei der Erneuerung eine Reihe zukünftiger Herausforderungen mitberücksichtigt und die Abwasserinfrastruktur entsprechend angepasst werden.

Verdichteter Wohnraum

Eine solche Herausforderung ist die Verdichtung unserer Städte. Das vom Volk im Jahr 2013 angenommene Raumplanungsgesetz[3] zeigt, dass das flächenmässige Wachstum von Siedlungen in der Schweiz nur noch beschränkt akzeptiert wird. Über die kommenden 30 Jahre rechnet das Bundesamt für Statistik mit einem Bevölkerungswachstum von durchschnittlich rund 15 Prozent. Dabei gibt es regional grosse Unterschiede. Der Kanton Zürich etwa erwartet ein rund doppelt so hohes Wachstum. Dies führt zu einer Verdichtung der Siedlungen und damit zu einer Überlastung und einem Anpassungsbedarf der bestehenden Infrastrukturen.

Hinzu kommt die Klimaerwärmung. Für die letzten zehn Jahre liegt der durchschnittliche Temperaturanstieg in der Schweiz bei 2,8 Grad – das ist weit mehr als der globale Durchschnitt von 1,5 Grad. Entsprechend steigt hierzulande auch die Wahrscheinlichkeit von Dürreperioden und Hitzewellen. Eine aktuelle Studie[4] zeigt, dass die Schweiz weltweit zu den Ländern mit den grössten Anpassungsbedürfnissen zählt. Eine zentrale Massnahme sind sogenannte Blau-Grüne Infrastrukturen (BGI), auch bekannt unter dem Begriff «Schwammstadt». Ihr Ziel ist es, den naturnahen Wasserhaushalt wiederherzustellen, indem das Regenwasser nicht abgeleitet, sondern in Grünflächen geleitet wird. Durch den Verdunstungseffekt der Pflanzen soll das Überhitzen des Wohnraums reduziert werden. Parallel dazu entlasten die BGI auch die Siedlungsentwässerungsinfrastruktur, weil weniger Regenwasser abgeführt werden muss und die Gefahr von Überschwemmungen reduziert wird.

Sanierung und Ausbau der Abwasserinfrastruktur kosten rund 100 Milliarden Franken (2025–2050)

Anmerkung: Nicht abgeschätzt wurden die Kosten für Schwammstadtmassnahmen sowie für die Reduktion von Schäden durch Oberflächenabflüsse. Hier fehlen einerseits Erfahrungswerte, andererseits ist auch die Abgrenzung zu anderen Bereichen schwierig.
Quelle: Eigene Schätzungen des Autors / Die Volkswirtschaft

Vermehrt starke Niederschläge

Eine weitere Konsequenz des Klimawandels sind vermehrte und intensivere Starkregen. Dies führt zu häufigerem Oberflächenabfluss und damit zu mehr Überschwemmungen. Bereits heute entsteht gemäss Bundesamt für Umwelt knapp die Hälfte aller Überschwemmungsschäden durch solche Oberflächenabflüsse. Deshalb sind Anpassungen an der Entwässerungsinfrastruktur erforderlich – entweder durch den Ausbau der Kanalisation oder durch die Umsetzung von Schwammstadtmassnahmen.

Zunehmender Starkregen führt auch zu einem Anstieg der sogenannten Mischwasserentlastungen. Dazu kommt es, wenn bei grossen Regenmengen Schmutzwasser direkt und ungereinigt in die Gewässer abgeleitet wird, um die Überlastung der Abwasserreinigungsanlangen zu verhindern. Unsere Berechnungen[5] deuten darauf hin, dass in den kommenden 60 Jahren solche Entlastungen um 50 bis 100 Prozent zunehmen werden. Ausserdem werden aufgrund des Klimawandels unsere Gewässer im Sommer weniger Wasser führen und sich erwärmen. Das macht die Gewässer verletzlicher, und die Mischwasserentlastungen verschlechtern deren ökologischen Zustand. Daher sind substanzielle Investitionen in die Kanalisation erforderlich, um den aktuellen Gewässerzustand zu erhalten und die zukünftigen Entlastungsmengen reduzieren zu können.

Auch der Nationalrat hat den Bundesrat beauftragt, Massnahmen vorzuschlagen, um die Leistung der Abwasserreinigung in der Schweiz zu erhöhen.[6] Die Kosten dafür sind noch unklar und hängen stark von den Umsetzungsdetails sowie vom Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum ab. Zudem muss auch nicht das ganze Abwassersystem erneuert werden, weshalb die geschätzten Kosten unter dem Wiederbeschaffungswert liegen. Allgemein kann aber davon ausgegangen werden, dass der zukünftige Ausbau deutlich teurer wird als der Erstbau in der Vergangenheit. Denn die Anforderungen an die Abwasserentsorgung werden weiter steigen, und viele der Anlagen stehen heute mitten in den Siedlungen, was den Ausbau teuer macht. Gemäss Schätzungen werden die Teilsanierung und der Ausbau der Abwasserinfrastruktur in den nächsten Jahren rund 100 Milliarden Franken kosten (siehe Abbildung).

Der Bund kann unterstützen

Die Abwasserinfrastruktur ist ein Generationenbauwerk. Es ist nun an unserer Generation, die nötigen Investitionen zu tätigen. Diese müssen sich zwingend an den Bedürfnissen unserer Kinder und damit der Zukunft orientieren. Die knapp 100 Milliarden Franken für die kommenden 30 Jahre bieten die Gelegenheit, unsere Abwasserinfrastrukturen anzupassen und diese mit Schwammstadtelementen und Massnahmen zur Reduktion von Oberflächenabfluss zu verbinden. Dies gelingt nur, wenn die Planung gesamtheitlich und sektorübergreifend erfolgt und die Anstrengungen der Gemeinden durch eine nationale Koordination und durch gesetzliche Vorgaben zum Beispiel zur Pflicht, Schwammstadtmassnahmen umzusetzen[7] oder einen naturnahen Wasserkreislauf[8], unterstützt werden.

  1. Sogenanntes Fremdwasser aus Laufbrunnen, Drainagen oder alten Quellen. []
  2. Siehe Schalcher et al. (2011). []
  3. Siehe Abstimmung über die Änderung des Raumplanungsgesetzes[]
  4. Siehe Miranda et al. (2023). []
  5. Siehe Cavandini et al. (2024). []
  6. Siehe Motionen 20.4261 «Reduktion der Stickstoffeinträge aus den Abwasserreinigungsanlagen» und 20.4262 «Massnahmen zur Elimination von Mikroverunreinigungen für alle Abwasserreinigungsanlagen». []
  7. Wie z. B. vorgeschlagen in der neuen Wasserstrategie des Kantons Bern. []
  8. Wie z. B. in der Regenwasserbewirtschaftungs-Richtlinie des Kantons Zürich. []

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Zitiervorschlag: Maurer, Max (2025). Grosser Investitionsbedarf beim Abwassersystem. Die Volkswirtschaft, 11. Dezember.