Auch Löschwasser aus Hydranten stammt aus dem Trinkwassernetz. (Bild: Keystone)
«Die Reise eines Wassertropfens»: Das Thema Wasser ist in der Schweiz so omnipräsent, dass mit dieser Geschichte vielen Schülerinnen und Schülern hierzulande schon auf der Primarstufe der Wasserkreislauf nahegebracht wird. Doch gerade in der Schweiz geht die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung von Trinkwasser oft vergessen, da dieses wertvolle Gut bei uns praktisch immer günstig und im Überfluss verfügbar ist. Dabei ist Trinkwasser nicht nur unser wichtigstes Lebensmittel. Der einfache Zugang zu Trinkwasser trägt auch massgeblich zur Gesundheit und zur Hygiene der Bevölkerung bei, sichert die soziale Stabilität und steigert die Lebensqualität erheblich.
Deshalb setzt sich der Fachverband für Wasser, Gas und Wärme (SVGW) als Vertreter der Wasserversorger für eine sichere und nachhaltige Versorgung mit qualitativ einwandfreiem Trinkwasser in ausreichender Menge ein. Trinkwasser ist auch ökonomisch ein entscheidender Produktionsfaktor: Es wird beispielsweise in der Landwirtschaft für das Tränken von Nutztieren, aber auch in der Lebensmittelindustrie und zahlreichen weiteren Industriezweigen benötigt. Nicht zuletzt ist die Trinkwasserversorgung auch unmittelbar sicherheitsrelevant. Da Hydranten in der Schweiz an das Trinkwassernetz angeschlossen sind, stellen die Wasserversorger einen Teil ihres produzierten Trinkwassers als Löschreserve bereit.
Trinkwasserverbrauch in der Schweiz
Die Schweiz gilt nicht umsonst als Wasserschloss Europas. Dank ergiebiger Grundwasservorkommen und zahlreichen Seen und Flüssen stellt die Versorgung mit Trinkwasser auf der Angebotsseite nur in seltenen Fällen ein Problem dar. Grundsätzlich steht in der Schweiz genügend Wasser für die Trinkwassergewinnung zur Verfügung.
Die wichtigste Trinkwasserressource ist dabei das Grundwasser: 80 Prozent des Trinkwassers in der Schweiz werden aus Grund- und Quellwasser gewonnen. Die restlichen 20 Prozent stammen aus Oberflächengewässern wie Flüssen oder Seen. Gemäss einer Hochrechnung des SVGW stellten die Wasserversorger in der Schweiz 2023 insgesamt rund 925 Millionen Kubikmeter Wasser für die Bevölkerung, das Gewerbe und die Industrie bereit. Das entspricht gut 80 Prozent des Bielersees.
Rund 55 Prozent des aufbereiteten Trinkwassers gehen an Haushalte und Kleingewerbe. Rund ein Viertel wird an Gewerbe und Industrie geliefert. Der Rest ist für öffentliche Zwecke und Brunnen (4,6%) sowie den Selbstverbrauch der Wasserversorger, etwa zum Reinigen der Anlagen und der Leitungen, bestimmt (2,5%). Rund 11 Prozent des Trinkwassers gehen auf dem Weg von der Wasserversorgung bis zur Entnahmestelle verloren. Grund dafür können undichte Leitungen oder Rohrbrüche sein. Vor dem Hintergrund, dass das Trinkwasserverteilnetz in der Schweiz mit einer Gesamtlänge von 95’400 Kilometern den Erdball mehr als zwei Mal umrunden könnte, sind diese Netzverluste allerdings vergleichsweise gering.
Verbrauch im Haushalt
Gemäss einer Schätzung des SVGW liegt der tägliche Trinkwasserverbrauch in Schweizer Haushalten pro Person bei rund 142 Litern. Über die Hälfte davon wird für die WC-Spülung (28,9%) sowie die Dusche oder das Bad (25,3%) verwendet (siehe Abbildung). Dank sparsameren Toilettenspülungen sowie wassersparenden Hähnen und Duschbrausen konnte der Verbrauch in der Schweiz seit den 1980er-Jahren trotz Bevölkerungswachstum kontinuierlich um etwa 40 Prozent reduziert werden. Gemäss den jüngsten Zahlen könnte in den nächsten Jahren der Wasserverbrauch wieder zunehmen, da die Sparpotenziale im Haushalt weitgehend ausgeschöpft sind und die Bevölkerung in der Schweiz voraussichtlich weiter wachsen wird.
Dusche, Bad und Toilette machen über die Hälfte des Wasserverbrauchs in Privathaushalten aus
Da Trinkwasser mit einem durchschnittlichen Preis von rund 2 Franken pro 1000 Liter im Vergleich zu anderen Lebensmitteln günstig ist, lässt sich der Verbrauch kaum über den Wasserpreis steuern. Weil in der Schweiz grundsätzlich genügend Wasser für die Trinkwasserproduktion zur Verfügung steht, besteht dazu allerdings auch wenig Dringlichkeit. Zwar wird verschiedentlich die Möglichkeit diskutiert, Toilettenspülungen mit Regenwasser zu betreiben. Dazu muss allerdings eine eigene, vom Trinkwassernetz getrennte Rohrleitung eingerichtet werden. In Einzelfällen kann das sinnvoll sein. Die Baukosten dafür fallen aber deutlich höher aus, als wenn Trinkwasser über die bestehende Installation verwendet wird. Generell Toilettenspülungen mit Regenwasser zu betreiben, wäre vom Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht sinnvoll, und der ökologische Gewinn wäre vergleichsweise gering.
Hohe Anforderungen an die Trinkwasserqualität
Wie alle anderen Lebensmittel muss auch Trinkwasser die Anforderungen der Lebensmittelgesetzgebung einhalten. Gerade weil Trinkwasser so bedeutend ist und wir so viel davon konsumieren, sind die Vorgaben an die Trinkwasserqualität besonders streng. Glücklicherweise ist die Qualität des Schweizer Grundwassers nach wie vor gut. 60 Prozent des Grund- und Quellwassers können ganz ohne oder bereits nach einfacher Aufbereitung als Trinkwasser an die Bevölkerung abgegeben werden. Eine einfache Aufbereitung beinhaltet dabei lediglich eine Bestrahlung mit UV oder eine Behandlung mit Ozon, um allfällige Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien abzutöten.
Allerdings hat sich die Wasserqualität aus historischer Perspektive nicht nur verbessert. Zwar ist die Trinkwasserqualität deutlich besser geworden. Doch seit den 1980er-Jahren müssen wir eine zunehmende Verunreinigung des Grundwassers mit chemischen Stoffen wie Nitrat oder Pflanzenschutzmitteln hinnehmen. Das ist für die Wasserversorgung problematisch, da sich chemische Verunreinigungen nur mit aufwendigen Verfahren aus dem Rohwasser entfernen lassen. Solche Verfahren reichen von einer Behandlung mit Aktivkohle bis hin zu Anlagen zur Umkehrosmose. Diese sind teuer, energieintensiv und behandeln die Symptome, ohne die Ursache zu beheben. Gerade für kleine Wasserversorger sind die Kosten einer solchen Aufbereitung kaum zu bewältigen. Das führt dazu, dass immer mehr Versorgungen Wasser von grösseren Versorgern in der Umgebung einkaufen und die eigenen Quellen und Grundwasserbrunnen aufgeben.
Das Erfolgsmodell der Schweiz mit seiner kleinräumigen, dezentralen und deshalb resilienten Wasserversorgung ist damit in Gefahr. Heute versorgen über 2500 Versorgungen die Bevölkerung lokal mit Trinkwasser. Damit das auch in Zukunft möglich ist, müssen wir unser Grundwasser besser vor chemischen Verunreinigungen schützen. Deshalb setzt sich der SVGW dafür ein, dass in den Flächen, unter denen das Grundwasser liegt, das wir trinken, weniger chemische Stoffe wie Dünger oder Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. Mit dem «Zuströmbereich» besteht bereits ein planerisches Instrument für den Schutz dieser Areale. Diese Flächen wollen wir vorsorglich schützen, ohne die landwirtschaftliche Produktion ausserhalb dieser Gebiete einzuschränken.
Zitiervorschlag: Meier, Michael (2025). Schweizer Trinkwasser: Mehr als ein Durstlöscher. Die Volkswirtschaft, 04. Dezember.
