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Warum entschleunigte Finanzmärkte guttun

Finanzmärkte jagen heute Nanosekunden hinterher. Doch schafft dieses Rennen echte Liquidität oder nur teure Infrastruktur? Ökonomisch betrachtet könnten viele Märkte davon profitieren, wenn man sie gezielt verlangsamt.
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Hochfrequenzhandel: Seit den 1990er-Jahren beschleunigen elektronische Systeme den Rhythmus an den Börsen. (Bild: Keystone)

Zweck der Börse ist es, Liquidität zu schaffen und so Kapital für die Weiterentwicklung von Unternehmen bereitzustellen. Doch auf heutigen Finanzmärkten herrscht inzwischen ein intensives Rennen um Geschwindigkeit.

Die Rede ist vom sogenannten Hochfrequenzhandel. Bei dieser Form des automatisierten Börsenhandels kaufen und verkaufen Handelsfirmen und Banken mittels Algorithmen in Sekundenbruchteilen Wertpapiere. Die Systeme analysieren laufend Kursdaten und platzieren automatisch Aufträge – oft über verschiedene Handelsplätze hinweg. Gewinne entstehen dabei meist nicht durch grosse Kursbewegungen, sondern durch minimale Preisunterschiede, kurze Haltezeiten und das schnelle Reagieren auf neue Informationen.

Informationsvorsprünge spielten schon immer eine Rolle, doch seit den frühen 2000er-Jahren wird dieser Wettbewerb auf immer kürzeren Zeitskalen ausgetragen. Ein frühes Symbol dieses Rennens war eine 2010 verlegte Glasfaserverbindung zwischen New York und Chicago, um wenige Millisekunden Übertragungszeit einzusparen. Bereits ab 2011 ersetzte Mikrowellenfunk Teile der Strecke, da sich Signale durch Luft noch schneller bewegen. Gleichzeitig begannen die Börsen, Rechenzentren direkt neben ihren Handelssystemen zu betreiben, sodass zeitliche Vorteile nicht mehr von Geografie, sondern von Rechenpower und Algorithmen abhängen. Heute findet dieser Wettbewerb an physikalischen Grenzen statt: Spezialisierte Chips und optimierter Code sparen mittlerweile Nanosekunden ein – Zeiträume, in denen Licht kaum einen Meter zurücklegt. Selbst die Kabellänge im Serverraum wird so zum entscheidenden Faktor.

Jäger und Gejagte im Orderbuch

Doch was bringen diese minimalen Geschwindigkeitsvorteile eigentlich? Profiteure des Hochfrequenzhandels sind einerseits die Börsen. Sie erwirtschaften durch das gesteigerte Handelsvolumen und die verkauften Highspeed-Verbindungen mehr Einnahmen. Aber auch sogenannte Market-Maker, typischerweise Banken oder Handelsfirmen, profitieren. Diese fungieren als die modernen Zwischenhändler der Börsen. Ihre Algorithmen veröffentlichen fortlaufend Kauf- und Verkaufskurse, und sie verdienen an der Spanne dazwischen. Geschwindigkeit entscheidet hier über den Marktzugang: Da an Börsen Zeitpriorität gilt, garantiert schon ein minimaler zeitlicher Vorsprung den Zuschlag.

Gleichzeitig ist Geschwindigkeit auch der entscheidende Schutzschild gegen Verluste. Sobald neue Informationen eintreffen, werden bestehende Preisangebote obsolet. Nun beginnt ein Wettlauf gegen aggressive Händler, die versuchen, diese Fehlbepreisung auszunutzen. Für Market-Maker entscheidet Geschwindigkeit, ob sie die Quoten noch anpassen können. Wer schneller ist, steht folglich vorne für die profitablen Geschäfte und entzieht sich rechtzeitig den toxischen. Das zahlt sich aus: Der Branchenprimus Citadel Securities erwirtschaftete 2024 einen Nettohandelsertrag von rund 9,7 Milliarden Dollar, eine Steigerung um 55 Prozent verglichen mit dem Jahr davor.

Zwischen Wettrüsten und Liquidität

Marktteilnehmer investieren Unsummen in Infrastruktur, um schneller als die Konkurrenz zu sein und nicht leer auszugehen. Kritiker sehen darin ein klassisches Wettrüsten, das kaum die fundamentale Wertschöpfung verbessert. Stattdessen fliessen enorme Ressourcen in eine Infrastruktur, deren einziger Zweck die Umverteilung von bestehendem Wert ist.

Doch eine pauschale Verurteilung greift zu kurz. Market-Maker erfüllen nämlich eine vitale Funktion: Sie stellen sicher, dass Investoren jederzeit eine Gegenpartei finden. Dadurch garantieren sie stetige Liquidität, und sie verringern durch ihren Wettbewerb die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskursen. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob wir diese Akteure brauchen, sondern ob die notwendige Liquidität auch ohne permanentes, teures Rüstungswettrennen möglich ist.

Frequent Batch Auctions: Die Revolution im Wimpernschlag

Ein minimalinvasiver Lösungsansatz sind die sogenannten Frequent Batch Auctions (FBAs). Statt kontinuierlichen Handels, bei dem jeweils das schnellste Angebot den Zuschlag erhält, werden Aufträge in winzigen Intervallen – etwa alle 100 Millisekunden (0,1 Sekunden) – gebündelt. Dadurch verliert der Nanosekunden-Zeitvorteil seine Relevanz, und es entscheidet wieder der Preis über den Zuschlag. Die Folge: Das technologische Wettrüsten verliert seinen ökonomischen Wert, der Markt gewinnt an Stabilität. Die Preisvolatilität sinkt, und der Mechanismus begünstigt nicht mehr das hektische Zirkulieren zwischen den schnellsten Händlern, sondern teilt das Asset dem zu, der es im momentanen Zeitfenster am höchsten wertschätzt.

Dass dies funktioniert, bestätigt etwa die EU-Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (Esma): Sie beobachtet eine Zunahme dieser FBA-Mechanismen auf Handelsplätzen, weil Investoren hier Schutz vor Algorithmen finden, die veraltete Preise im Millisekundenbereich gegen sie ausnutzen. Dass sich FBA-Mechanismen noch nicht flächendeckend durchgesetzt haben, liegt an harten Verteilkämpfen. Denn die schnellsten Händler müssten auf Gewinne aus ihrem Zeitvorsprung verzichten und die Börsen auf Gebühren für Highspeed-Zugänge. Zudem wagt in einem fragmentierten Markt keine Börse den Alleingang und riskiert dabei, Liquidität an die Konkurrenz zu verlieren. Diese mächtigen Interessen zementieren also den Status quo.

Als die Börse noch Pausen kannte

Ein historischer Rückblick zeigt, dass der heute dominierende kontinuierliche Handel keineswegs der Normalzustand ist. Über Jahrhunderte hinweg waren Finanzmärkte diskret organisiert, das heisst: Käufe und Verkäufe waren nur zu gewissen Zeitpunkten möglich. Im 18. und 19. Jahrhundert etwa fanden Wertpapierauktionen typischerweise nur ein- oder zweimal täglich statt. Erst das 20. Jahrhundert beschleunigte diesen Rhythmus bis hin zur völligen Kontinuität während der Börsenöffnungszeiten durch elektronische Systeme ab den 1990er-Jahren.

Die Idee, den Handel zeitlich zu bündeln – wie es die FBAs vorschlagen –, wäre folglich keine radikale Neuerung, sondern die Rückkehr zu einem jahrhundertelang bewährten Prinzip der Marktorganisation.

Auf der Suche nach dem perfekten Takt

Doch wie häufig sollte ein Vermögenswert gehandelt werden? Für hochliquide Standardwerte wie etwa Aktien von Nestlé oder Novartis genügt eine Taktung im Millisekundenbereich, um das technische Wettrüsten zu neutralisieren. Komplexer ist es bei illiquiden Märkten wie etwa börsenkotierten Immobilienfonds und anderen Nebenwerten. Ist die Frequenz hier zu hoch, verfehlen sich Angebot und Nachfrage oft zeitlich. Um eine Gegenpartei zu finden, müssten Akteure ein leeres Orderbuch permanent überwachen. Erst die Bündelung löst dies: Sie signalisiert verlässlich, wann Liquidität anwesend ist. Diese Koordination steigert das Handelsvolumen, da sich Käufer und Verkäufer gezielt treffen, statt sich im zeitlichen Leerraum zu verpassen. Doch ist die Frequenz zu tief, drohen Preisabschläge wegen mangelnder Flexibilität.

Die Kunst des Marktdesigns liegt also darin, genau den richtigen Mittelweg zu finden. Die Londoner Börse etwa setzt dies bereits um, indem sie den Handel von wenig liquiden Wertpapieren im Segment SETSqx statt im Dauerbetrieb auf fünf tägliche Auktionen konzentriert.[1]

Mut zur Langsamkeit

Durch die Tokenisierung werden zunehmend reale, oft illiquide Vermögenswerte wie Immobilien, Kunst oder Unternehmensbeteiligungen digital handelbar. Doch nicht jede neue Anlageklasse profitiert von der pauschalen Logik des kontinuierlichen Handels; ein Immobilien-Token folgt einer völlig anderen Informationsdynamik als eine Apple-Aktie. Statt «Echtzeit» zum Dogma zu erheben, gilt es daher, die Frequenz neu zu definieren, die einem Vermögenswert tatsächlich gerecht wird.

Die Suche nach diesem richtigen Takt ist die eigentliche Schicksalsfrage für die Finanzmärkte der Zukunft. Womöglich liegt der Schlüssel zu effizienteren Märkten nämlich nicht in der weiteren Beschleunigung, sondern in einer bewussten, assetspezifischen Entschleunigung.

  1. Siehe Stock Exchange Electronic Trading Service: Quotes and Crosses (SETSqx) []

Literaturverzeichnis
  • Budish, E., P. Cramton und J. Shim (2015). The High-Frequency Trading Arms Race: Frequent Batch Auctions as a Market Design Response. In: The Quarterly Journal of Economics 130.4 (2015): 1547–1621.
  • Esma (2019). Final Report: Call for Evidence on Periodic Auctions. In: European Securities and Markets Authority, ESMA70-156-1035.

Bibliographie
  • Budish, E., P. Cramton und J. Shim (2015). The High-Frequency Trading Arms Race: Frequent Batch Auctions as a Market Design Response. In: The Quarterly Journal of Economics 130.4 (2015): 1547–1621.
  • Esma (2019). Final Report: Call for Evidence on Periodic Auctions. In: European Securities and Markets Authority, ESMA70-156-1035.

Zitiervorschlag: Jantschgi, Simon; Nax, Heinrich (2026). Warum entschleunigte Finanzmärkte guttun. Die Volkswirtschaft, 17. Februar.