Nachwuchsförderung: Was die Wirtschaft vom Fussball lernen kann
Die sogenannte Jugendregel verpflichtete die Fussballklubs der obersten mexikanischen Liga dazu, Jungspieler unter 21 Jahren vermehrt einzusetzen. (Bild: Keystone)
Wettbewerb schafft Leistungsanreize, fördert Innovation und sorgt dafür, dass sich die produktivsten Akteure auf dem Markt durchsetzen. Dieses Idealbild prägt die ökonomischen Lehrbücher: Wer Leistung bringt, setzt sich im Wettbewerb durch.
Doch der Wettbewerb entfaltet seine Wirkung nicht im luftleeren Raum. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt. Es kann dazu kommen, dass der Wettbewerb nicht richtig spielen kann und das Ergebnis suboptimal ist. Auf dem Arbeitsmarkt bedeutet dies, dass wegen unvollständigen Wissens über die Leistung neuer Mitarbeitender die Unternehmen nicht die talentiertesten Personen beschäftigen, sondern stattdessen am bekannten Leistungsprofil bisheriger Angestellter festhalten.
Vorsichtige Entscheidungen
Im ökonomischen Jargon spricht man dabei von asymmetrischer Information, einem möglichen Grund für Marktversagen. Und ein solches liegt im Arbeitsmarkt vor. Denn unter Unsicherheit tendieren Führungskräfte dazu, Risiken zu vermeiden – selbst dann, wenn dies langfristig für sie nachteilig ist. So zeigen etwa Studien, dass Unternehmen bei unsicheren Ausbildungsrenditen systematisch zu wenig in junge Arbeitskräfte investieren.[1] Das Problem ist nicht, dass es zu wenig Talente gäbe, sondern, dass die Unternehmen die Talente nicht ohne Weiteres identifizieren können, weil die Führungskräfte risikoavers sind und die Talente gar nicht einsetzen.
Darüber hinaus gibt es auch andere Gründe, weshalb Potenzial im Arbeitsmarkt nicht optimal ausgeschöpft wird. Die Innovationsforschung zeigt etwa, dass Kinder aus einkommensschwachen Haushalten nur ein Zehntel so oft zu Erfindern werden wie Kinder aus einkommensstarken Haushalten – und dies bei identischer Intelligenz.[2] Auch hier liegt der Unterschied nicht an den tatsächlichen Fähigkeiten, sondern beim fehlenden Zugang dieser Kinder zu fördernden Umfeldern wie Hochschulen, Netzwerken und Vorbildern. Die Rede ist von «Lost Einsteins».
Bei diesen Schicksalen steht jedoch mehr auf dem Spiel als individuelle Karrieren. Denn können talentierte Akteure ihr Potenzial nicht entfalten, werden Leistung und Innovation verhindert. Aus ökonomischer Perspektive verliert so die Gesellschaft insgesamt.
Experiment Profifussball
Wie können also mehr Talente gefördert werden? Ein Markt, an dem sich diese Frage gut untersuchen lässt, ist der Profifussball. Kaum ein anderer Arbeitsmarkt ist so leistungsorientiert, dynamisch, mobil und gleichzeitig so transparent wie der Profifussball. Er kommt damit dem Idealbild des vollständigen Wettbewerbs am nächsten.[3] Im Profifussball konkurrieren junge und etablierte Spieler um eine äusserst knappe Ressource: Einsatzzeit auf dem Spielfeld. Für Nachwuchstalente ist dieser Zugang erschwert. Denn Trainer müssen unter hohem Erfolgsdruck entscheiden und verfügen nur über begrenzte Informationen zum wahren Leistungsvermögen ihrer Jungspieler. Etablierte Profis gelten dagegen als bekannte, vermeintlich risikoarme Optionen – und kommen daher öfter aufs Spielfeld. Auch in diesem scheinbar laborartigen Arbeitsmarkt existiert also das Problem der asymmetrischen Information.
Unsere Studie[4] untersucht am Beispiel der obersten mexikanischen Fussball-Männerliga, ob eine gezielt konstruierte Regel den Zugang junger Talente zum Profifussball verbessert. Der mexikanische Fall ist aufschlussreich, weil dort 2005 die sogenannte Jugendregel – die Regla 20/11 – eingeführt wurde mit dem Ziel, junge Spieler zu fördern. Die Regel, die inzwischen nicht mehr in Kraft ist, verpflichtete die Vereine dazu, Kaderspieler, die jünger als 20 Jahre und 11 Monate sind, kumuliert mindestens 1000 Minuten pro Saison einzusetzen.[5] Die Regel unterscheidet sich daher deutlich von europäischen Ligen, wo eine Mindestanzahl Kaderplätze für Jungspieler ihre Wirkung nicht entfaltete. Die Jungspieler wurden zwar in den Kader aufgenommen, sassen aber lediglich auf der Ersatzbank und kamen nicht zum Einsatz.[6]
Der mexikanische Profifussball wird damit zum empirischen Testfeld einer grundlegenden ökonomischen Frage: Können Regulierungen helfen, negative Auslese («Adverse Selection»)[7] zu überwinden und so die Talententdeckung zu fördern?
Evidenz aus Mexiko
Die Ergebnisse unserer Analyse sind eindeutig.[8] Nach Einführung der Regel 2005 stieg die durchschnittliche Einsatzzeit junger Spieler in der regulären mexikanischen Saison im Vergleich zu den Kontrollligen in den USA und Brasilien signifikant an. Ebenso bemerkenswert ist dabei, dass die zusätzliche Spielzeit sich nicht auf wenige ausgewählte Nachwuchsspieler konzentrierte. Die Regla 20/11 hat also nicht dazu geführt, dass nur wenige Spieler mehr eingesetzt wurden, sondern löste eine systematische Integration junger Spieler in den Spielbetrieb aus. Gleichzeitig blieb die Wettbewerbsbalance zwischen den Klubs so ausgeglichen wie zuvor.[9]
Zu guter Letzt lohnt sich auch ein Blick auf die entscheidenden Play-off-Spiele, wo es um Titel, Prestige und finanzielle Anreize in Millionenhöhe geht. In dieser Saisonphase galt die Regel nicht mehr. Dennoch blieb der Einsatz junger Spieler auch hier signifikant höher als in der Kontrollliga in den USA (siehe Abbildung). Die Regel wirkt somit über ihren unmittelbaren Geltungsbereich hinaus. Will heissen: Bekommen die Jungspieler ihre Einsatzzeit, entfalten sie sich und performen auf höchstem Niveau. Für den Trainer gibt es keinen Grund mehr, sie auf die Bank zu setzen.
Durchschnittliche Spielminuten von U21-Spielern in den mexikanischen Play-offs deutlich angestiegen
INTERAKTIVE GRAFIK
Potenzial muss sichtbar werden
Unsere Studie deutet darauf hin, dass die mexikanische 20/11-Regel vorherrschende Informationsasymmetrien abbaut und das Marktversagen der negativen Auslese so korrigiert. Sobald die Qualitäten junger Spieler im regulären Wettbewerb sichtbar werden, revidieren Trainer ihre Einschätzung des Leistungsrisikos. Talent wird beobachtbar – und bleibt auch dann im Einsatz, wenn der formale Regelrahmen wegfällt.
Die Regeln ermöglichen Prozesse, die sonst aus Vorsicht unterlassen würden. Genau diesen Mechanismus beschreiben die Ökonomen Daron Acemoglu und Jörn-Steffen Pischke generell für Arbeitsmärkte: Unternehmen, die frühe Berufserfahrungen ermöglichen, erhöhen langfristig Effizienz und Produktivität.[10]
Fachkräftemangel vorbeugen
Diese Einsichten sind auch wirtschaftspolitisch relevant. Denn der demografische Wandel führt dazu, dass in den kommenden Jahren ein erheblicher Teil der Babyboomer-Generation aus dem Erwerbsleben ausscheidet, während die nachrückenden Jahrgänge deutlich kleiner sind. Laut Berechnungen der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich steigt der Ersatzbedarf auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren stark an und erreicht um 2028 seinen Höhepunkt. Der Fachkräftemangel wird sich dadurch weiter verschärfen und hohe volkswirtschaftliche Kosten verursachen.[11]
Umso wichtiger ist es, dass vorhandenes Potenzial in Unternehmen nicht ungenutzt bleibt. Junge Talente müssen frühzeitig Gelegenheit erhalten, Verantwortung zu übernehmen und ihre Leistungsfähigkeit unter realen Wettbewerbsbedingungen unter Beweis zu stellen. Erfahrung lässt sich nicht auf Knopfdruck abrufen, wenn Schlüsselpersonen ausscheiden. Sie entsteht nur durch rechtzeitige Einbindung, Seite an Seite mit erfahrenen Kräften. Durch Einsatz wird Potenzial sichtbar, Leistungssignale im harten Wettbewerb werden gestärkt und Informationsasymmetrien abgebaut. Dies ist wichtiger denn je, denn die nächsten Maradonas und Einsteins zu verlieren, können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.
- Siehe Acemoglu und Pischke (1998, 1999). []
- Siehe Bell et al. (2019). []
- Siehe Pereira et al. (2025) in «Die Volkswirtschaft» für mehr Details zum Arbeitsmarkt Profifussball. []
- Siehe Briviba et al. (2025). []
- Die Teams werden mit Punktabzügen sanktioniert, wenn die Jungspieler nicht 1000 Minuten pro Saison spielen. []
- Siehe Vaeyens et al. (2005), Bullough et al. (2016), Dalziel et al. (2013). []
- Siehe Akerlof (1970). []
- Unsere Analyse basiert auf detaillierten Spieldaten von Transfermarkt.de. Methodisch bedienen wir uns des Difference-in-Difference-Ansatzes. []
- Zur Wettbewerbsbalance analysieren wir unter anderem die Konzentration der sportlichen Erfolge der Top-5-Teams (C5-Index) sowie die allgemeine Ausgeglichenheit der Liga gemessen an der Noll-Scully-Ratio. []
- Siehe Acemoglu und Pischke (1998) und (1999). []
- Eine Auftragsstudie des Arbeitgeberverbands zeigt, dass sich die Verluste aus dem Fachkräftemangel auf bis zu 0,66 Prozent des BIP (rund 5 Mrd. Franken) belaufen. []
Literaturverzeichnis
- Acemoglu, D. und J.-S. Pischke (1998). Why Do Firms Train? Theory and Evidence. The Quarterly Journal of Economics, 113(1), 79–119.
- Acemoglu, D. und J.-S. Pischke (1999). Beyond Becker: Training in Imperfect Labour Markets. The Economic Journal, 109(453), 112–142.
- Akerlof, G. A. (1970). The Market for «Lemons»: Quality Uncertainty and the Market Mechanism. The Quarterly Journal of Economics, vol. 84, no. 3, pp. 488–500. JSTOR.
- Bell, A., R. Chetty, X. Jaravel, N. Petkova und J. Van Reenen (2019). Who Becomes an Inventor in America? The Importance of Exposure to Innovation. The Quarterly Journal of Economics, 134(2), 647–713.
- Briviba, A., J. Bühler und J. M. H. Velazquez (2025). No More Lost Maradonas? The Impact of Mexico’s Youth Quota on Playing Participation. SSRN Electronic Journal.
- Bullough, S., R. Moore, S. Goldsmith und L. Edmondson (2016). Player Migration and Opportunity: Examining the Efficacy of the UEFA Home-Grown Rule in Six European Football Leagues. International Journal of Sports Science & Coaching, 11(5), 662–672.
- Dalziel, M., P. Downward, R. Parrish, G. Pearson und A. Semens (2013). Study on the Assessment of UEFA’s Home-Grown Player Rule.
- Kaiser, B., T. Möhr und M. Siegenthaler (2023). Welche Stellenprofile sind von Fachkräftemangel betroffen? Erkenntnisse aus der Analyse der Vakanzdauer von Stelleninseraten. BSS Volkswirtschaftliche Beratung und KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Studie im Auftrag des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.
- Siegenthaler, M. (2023). Schweizer Arbeitsmarkt weiterhin in guter Verfassung. KOF Bulletin – 172, April 2023.
- Vaeyens, R., A. Coutts und R. M. Philippaerts (2005). Evaluation of the «Under-21 Rule»: Do Young Adult Soccer Players Benefit? Journal of Sports Sciences, 23(10), 1003–1012.
Bibliographie
- Acemoglu, D. und J.-S. Pischke (1998). Why Do Firms Train? Theory and Evidence. The Quarterly Journal of Economics, 113(1), 79–119.
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- Vaeyens, R., A. Coutts und R. M. Philippaerts (2005). Evaluation of the «Under-21 Rule»: Do Young Adult Soccer Players Benefit? Journal of Sports Sciences, 23(10), 1003–1012.
Zitiervorschlag: Briviba, Andre; Bühler, Jonas; Frey, Bruno S. (2026). Nachwuchsförderung: Was die Wirtschaft vom Fussball lernen kann. Die Volkswirtschaft, 17. März.